"ENFANT" VON BORIS CHARMATZ BEIM INTERNATIONALEN SOMMERFESTIVAL AUF KAMPNAGEL IN HAMBURG
Von Reinhard Strobl
„We dance on stage, but we don't forget the reality upon which the stage is built“, wird Boris Charmatz auf dem Abendzettel zu seiner neuen Arbeit enfant zitiert, die nach ihrer Uraufführung beim Festival d'Avignon in reduzierter Form, mit 10 statt 26 Kindern auf der Bühne, beim Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg zu sehen war. Entgegen der Erwartung, die der Titel suggeriert, sind am Beginn des Stücks nur Maschinen zu sehen. Genauer gesagt, ein Kran mit einer dazugehörigen Seilwinde sowie ein überdimensioniertes Rollband, das sich zuerst horizontal, dann aber in die Höhe, ins Nichts bewegt.
Es ist ein Abend von Momentaufnahmen, von einzelnen Fragmenten, die jedoch in ihrer Gesamtheit ein stimmiges Bild ergeben: Ein Seil, das über den ganzen Bühnenraum verteilt und befestigt wurde, wird langsam aufgespult und dabei aus seinen Verankerungen gerissen. Es ist eine Möglichkeit, sich der Dimensionen des Raumes bewusst zu werden, und gleichzeitig werden mithilfe dieser Konstruktion auch die ersten beiden Peformer auf die Bühne gezogen und im Raum drapiert.
Evoziert wird dadurch ein Bild des Kontrollverlusts, ein Bild von Unterlegenheit, das seine Entsprechung im zweiten Teil der Arbeit findet, in dem die anderen Performer langsam beginnen, die scheinbar leblosen Kinder auf die Bühne zu tragen. Ihre Körper werden auf der Bühne verteilt, als ob es sich um kleine Puppen handeln würde. Teilweise wird mit ihnen gespielt, für sie getanzt, doch aus ihrer Apathie werden sie erst von einem Dudelsackspieler befreit.
„'Cause we danced on the floor in the round“
Ein Kennzeichen des Stücks ist die fortwährende Distanz zwischen dem Geschehen auf der Bühne und dem Publikum. Nie kommt man in die Versuchung, die Kinder als „die lieben Kleinen“ zu betrachten, sie zu bemitleiden. Sie sind den Performern ebenbürtig, diesen bis zu einem gewissen Grad auch insofern überlegen, als zeitweise der Eindruck entsteht, dass sie sich nicht der Bühnenrealität unterordnen, wodurch ihre Darstellung etwas Hyperreales bekommt.
Neben den Geräuschen der Maschinen und der Dudelsackmusik bleibt akustisch auch eine kurze Einspielung von Michael Jacksons „Billie Jean“ im Gedächtnis: „But the kid is not my son.“ Das Geschehen auf der Bühne wird immer ekstatischer, die Performer reißen sich die Kleider von den Leibern. Der gesamte Raum wird bespielt, bis sich dann die Kontrolle im letzten Teil ein weiteres Mal, diesmal zugunsten der Kinder verschiebt. Nur sie können sich noch bewegen, die Erwachsenen sind nun ihnen ausgeliefert. Nicht, dass sich die Kinder an ihnen rächen würden, vielmehr reproduzieren und spiegeln sie das bisherige Geschehen wider und testen ihre Möglichkeiten aus.
Fremdbestimmung, Nähe und Distanz in einem allgemeinen und insbesondere im Umgang mit Kindern sind thematische Motive des Abends, wobei eine Festlegung auf das eine oder das andere genausowenig möglich ist, wie zu sagen, das es ein Stück über die Emanzipation von Kindern ist. In der Unbestimmtheit und Mehrdeutigkeit liegt die Qualität dieser Arbeit, die sich nicht einer „anything goes“-Mentalität unterordnet, sondern ganz im Gegenteil behauptet, dass eben nicht alles geht und zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen anregt, die Bühne also als Möglichkeitsraum benutzt, um auf andere Realitäten zu verweisen.
(1.9.2011)
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