LIQUID LOFT & CHRIS HARING: "TALKING HEAD". URAUFFÜHRUNG IM TANZQUARTIER WIEN
Von Astrid Peterle
„Everybody looks and sounds bad on Skype.“ Eigentlich sehen Stephanie Cumming und Luke Baio auf der Bühne des Tanzquartier Wien, während sie diesen Satz sagen, ganz und gar nicht schlecht aus. Virtuos spielen und tanzen sie sich durch die Uraufführung von Talking Head, Liquid Loft/Chris Harings humorvollem Kommentar auf den Social-Media-Wahnsinn unserer Zeit. Dass ihre Gesichter aber dennoch groteske Formen annehmen und ihre Stimmen zwischen sämtlichen Tonlagen oszillieren, ist der Video- und Soundtechnik zu verdanken, die, wie von Harings Performances gewohnt, das Geschehen zu einem multisinnlichen Spektakel macht.
Ähnlich wie Abermillionen von Usern täglich, sitzen Cumming und Baio vor Laptops und plappern durch das „Kasterl“ ihr virtuelles Gegenüber voll. Es sind sinnentleerte Worthülsen, die durch die Internetleitungen jagen; Dialogfetzen über Kunst verweben sich mit egozentrierten Befindlichkeitsäußerungen. Die Identitäten befinden sich im ständigen Fluss, was auf der großen, wie für eine Origamifigur vorgefalzten Karton-Projektionsfläche durch Zerrbilder der beiden PerformerInnen noch verdeutlicht wird. So erscheinen Cummings und Baios Gesichter wie im Kuriositätenkabinett einmal aufgeblasen, dann wieder grotesk gestreckt. Die Projektionsfläche ist Bühne für ein Schaulaufen der technischen Möglichkeiten und einen direkten Vergleich der „realen“ PerformerInnen mit ihren virtuellen Wiedergängern.
Nachhall des virtuellen Geplappers
Wenn die beiden DarstellerInnen nicht von ihren Laptops sitzen, dann bewegen sie sich in der Mitte der Bühne zum Sound ihrer Stimmen oder schriller Computermusik. Was für Rolle spielt der (bewegte) Körper generell in Social Media? Abgesehen von den Gesichtern der Skype-Kommunizierenden und allfälligen Tanz- oder Stripeinlagen vor der Laptopkamera verharrt der Körper im Allgemeinen vor dem Computer in passiver Kommunikationsstarre. In Talking Head aber beginnen nicht nur die Gesichter zu tanzen, sondern auch die Körper. Cumming und Baio vermessen tanzend den Sprechraum, präzise und kontrolliert. Mitunter mischt sich eine physische Bildstörung in die Bewegungen – dann läuft das weiße Rauschen durch die TänzerInnenkörper.
Als sich am Ende der Performance die Kommunikation im virtuellen Raum verliert, hüllen sich die beiden PerformerInnen, wie schon zu Beginn, Schutz suchend in die Faltungen zweier riesiger Kartonplatten. Übrig bleiben konkrete Skulpturen, der Nachhall des virtuellen Geplappers und die Erinnerung an eine amüsante Performance.
Wer sich auch das Programmheft zu Talking Head zu Gemüte führt, kann einen witzig-treffenden Text von Fritz Ostermayer lesen, der der Performance zur unterhaltsamen Oberfläche auch noch theoretische Tiefe verleiht. Im Text sinniert Ostermayer über heiße Luft, die mitunter auch „im poststrukturalistischen Diskursfieber von Tanztheoretikern“ produziert werden kann und kommt schließlich – selbst erst vor Kurzem vom Tanzverweigerer zum Choreografen mutiert – zum Schluss: „Schön aber schon, dass die Jahrhunderte lange averbale Kunst des Tanzens just in dem Moment ins Stottern geraten musste, als umgekehrt endlich auch das Sprechen in Diskursen Tanz werden konnte ...“ Es bleibt zu hoffen, dass viele ZuschauerInnen das Programmheft gelesen haben.
(14.12.2010)
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