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EINE MONTAGE ZU DEN BRÜSTEN DER WAHRHEIT
Von Jack Hauser
25. Januar 1979, 23 Uhr
Heute abend ist etwas Seltsames geschehen. Nach dem Abendessen ging ich in den Garten und setzte mich zu dem alten Mann. Ich sagte ihm, ich hätte gehört, er wäre ein ausgezeichneter Lehrer. Der alte Mann bestätigte das. Dann sah er mir einen Moment ins Gesicht und sagte die Worte la muerte. Dann stand er auf und ging weg. Ich folgte ihm, verlangte eine Erklärung und erhielt sie auch, als er sich in einer dunklen Gasse plötzlich zu mir umdrehte und sagte: „Der Tod ist in Ihrem Gesicht. Ich kann Ihnen nichts beibringen.“
Ich fragte ihn, woher er das wüßte, und er schüttelte den Kopf und bemerkte: „Das ist die falsche Frage.“
Dann verschwand der alte Mann in der Nacht. (FBI-Agent Dale B. Cooper: Mein Leben, meine Aufzeichnungen)
Das Besondere an Twin Peaks ist neben all den schönen Nerd-Ratereien und Referenzhöllen das Nebeneinander der verschiedenen Serienformen. So wird Twin Peaks auch beim wiederholten Durchlauf nicht langweilig, weil immer wieder ein anderer Handlungsstrang hervortritt, der wiederum der Serie eine andere Anmutung gibt. Der erste Durchlauf beschränkt sich normalerweise auf das Wahrnehmen der Thriller- und Mysteryebene, während bei späterem Anschauen der Serie der politische, gesellschaftskritische Subtext hervortritt oder das Coming-Of-Age-Drama der Jugendlichen von Twin Peaks in den Mittelpunkt rückt. Das Böse, das in Twin Peaks von den Schönsten und Besten der Heranwachsenden Besitz ergreift, es steht für das Erwachsenwerden, das das einfache, vielleicht naive, aber immer gute Leben der Jugend vernichtet. Selten wurde der Generationenkonflikt mit soviel Wucht im Fernsehen ausgetragen.
There is nothing nice in my head / the adult world took it all away. (Christian Ihle: Pittiplatsch3000)
Da ich die Medien oft wechsle, kann ich mir das Wissen von völlig Fremden zunutze machen. Ich imitiere die Rolle des Regisseurs, da ich nicht begreife, was ein Regisseur genau macht. So ist es mir am Anfang mit der Kunst auch gegangen. Das Begehren führt. (Markus Schinwald: We are utopian craftsmen)
Als es dunkel war, fanden wir in der Nähe des Lagers einen riesigen Gummireifen und zündeten ihn an. Es war ein Ereignis: unser erstes Lagerfeuer. Es wurde viel geplaudert, gesungen und getrunken. Schließlich begann Peter Brook das „Wüstenlied“ zu singen. Er suchte den Text zum Lied aus der leichten Oper über den furchtlosen „Roten Schatten“ zusammen, der die Herzen schneller schlagen ließ in seinem Zauberbann.
Blue heaven, and you and I
And sand kisses on moonlit sky
A desert breeze whispering
A lullaby
Only stars above you
To see I love you.
Oh, give met that night divine
And let my arms in yours entwine
The desert song calling
Its voice enthralling
Will make you mine.
Es war praktisch ein Duett. Aber Peter Brooks Geheimnis war nun bekannt! Bei aller Symbolik von Weite und leeren Räumen war die Reise durch die Wüste für Brook einfach die Erfüllung eines Kindertraums. (...) Er war im Garten seines Elternhauses (...) im Morgenrock (...) einen Degen (...). Er hatte sich in den „Roten Schatten“ verwandelt. (John Heilpern: Peter Brooks Theater-Safari)
Der rote Faden der Serie ist natürlich die große Suche nach dem Mörder von Laura Palmer, und für die Antwort zieht Agent Dale B. Cooper Träume, Zen-Techniken und Beschwörungen zu Rate, auf die man sich Dank des vollständigen Eintauchens in die Twin Peaks-Welt einlässt und Tage darüber nachdenken kann, was „through the darkness of futures past, the magician longs to see. One chants out between two worlds: Fire Walk With Me.“ bedeuten mag. (Christian Ihle: Pittiplatsch3000)
One summer day, I was at a laboratory called Consolidated Film Industries in Los Angeles. We were editing the pilot for Twin Peaks and had finished for the day. It was around six-thirty in the evening and we had gone outside. There were cars in the parking lot. I leaned my hands on the roof of one car, and it was very, very warm – not hot, but nicely warm. I was leaning there and – ssssst! – the Red Room appeared. And the backward thing appeared, and then some of the dialogue.
So I had this idea, these fragments. And I fell in love with them.
That´s how it starts. The idea tells you to build this Red Room. (David Lynch: The Red Room)
Gammler, Zen und Hohe Berge ist der deutsche Titel des 1958 erschienenen Romans The Dharma Bums von Jack Kerouac und ist aus der Sicht von Kerouacs Alter Ego Ray Smith geschrieben, der von Japhy Ryder in den Buddhismus eingeführt wird. Die beiden wandern und trampen durch den Westen der Vereinigten Staaten auf der Suche nach dem Sinn der Welt. Auf ihrem Weg landen die beiden „Rucksackrevolutionäre“ auch gelegentlich auf diversen Partys, wo sie auf die unterschiedlichsten Menschen treffen, denn Buddhismus bedeutet für sie „möglichst viele Leute kennenzulernen“. (Amazon Kundenrezension: Beat-Literatur vom Feinsten)
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| 2003: Artist Una Szeeman used her time in Los Angeles to develop a film project called Montewood Hollyverita. |
The film transposed the story of the Swiss utopian community with the celebrity mythology of Hollywood.
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Obwohl Gurdjieffs Lehre in einer sehr alten, verloren gegangenen Überlieferung ihre Wurzeln hat, ist sie auf schneidende Weise zeitgenössisch. Sie analysiert die menschliche Lage mit vernichtender Genauigkeit. Sie zeigt, wie die Männer und Frauen von frühester Kindheit an bedingt sind, wie sie nach festgewurzelten Programmen funktionieren und von Ursache zu Wirkung in einer ununterbrochenen Reaktionskette leben. Diese Reaktionen wiederum bringen einen Strom von Empfindungen und Bildern hervor, die niemals die Wirklichkeit sind, welche sie zu sein vorgeben; es sind bloß Deutungen einer Wirklichkeit, zu deren Verschleierung sie durch ihr ständiges Fließen verdammt sind. (Peter Brook: Die geheime Dimension)
In Gurdjieffs letztem Lebensabschnitt hatte er die Eigenart, mit Hilfe von Dingen wie etwa Mahlzeiten zu unterrichten, indem er die Umstände ausnutzte. Denn in Fontainebleau waren die Umstände absichtlich geschaffen, komplex usw. Gegen Ende gab es, auch wenn er ganz spezifische Tätigkeiten vorschlug wie die Bewegungen mit sehr genauen persönlichen Belehrungen, darüber hinaus diese Verwendung alltäglichster Situationen wie Lektüre, Mahlzeiten. Bei diesen Gelegenheiten zeigte sich alles. (Jerzy Grotowski: Er war eine Art Vulkan)
Wenn Satan die Welt von hinten her aufrollt, also das zunichtemacht, was er als Luzifer geschaffen hat, der der Lichtbringer ist, als das, was er selbst einmal war, nämlich ein Engel, Gottes Stellvertreter – und im Film (Antichrist von Lars von Trier) muß ein Engel geopfert werden, damit Satan entstehen und das in Besitz nehmen kann, was sowieso ihm gehört, als dem negativen Schöpfer –, wenn die Welt also eine Schöpfung des Antichrist ist, dann gibt es vielerlei Möglichkeiten auf Leben, aber alle sind sie nur Möglichkeiten zum Tod hin. (Elfriede Jelinek: Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt)
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| 1974: Klaus Kinski fotografiert von Jean Gaumy in Frankreich
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Ich weiß nicht mehr, wann, in welcher Nacht mir die Wahrheit, so wie ich sie als Synthese von Nachempfindung und eigenen Aufpfropfungen verstanden und erahnt zu haben glaubte, als vielbrüstige Göttin erschien.
Seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde in der ahistorischen, pädagogischen Landschaft des oberen Lago Maggiore ein ungeheures Potential an Utopien und neuen Lebensentwürfen proklamiert, erprobt, durchlebt und durchlitten, das die Gefilde des heutigen Kurorts Ascona imprägniert hat. Alle diese Modelle zwischen den Polen des sozialen Engagements für die klassenlose Gesellschaft und der beispielhaften Ichverwirklichung und Ichverjüngung stehen hier unter dem Leitstern des Glaubens, dass nur über die Absonderung und dadurch das erneute Trittfassen mit der Natur „Gemeinschaft“ wieder möglich sein könnte.
1913 die Gründung der Schule für Lebenskunst als Teil der „Individualistischen Cooperative“ durch Rudolf von Laban, deren Tätigkeit 1917 im von Theodor Reuss einberufenen Kongreß des O.T.O. (Ordo Templi Orientis) gipfelte und folgende Reformvorstellungen ansprach:
Die anationale cooperative Gesellschaftsform, die neuzeitliche Erziehung, die Stellung der Frau in der Zukunftsgesellschaft, die mystische Freimaurerei, soziale Neubildungen, Kunst, Ritual- und Kulttanz früherer und außereuropäischer Kulturen, Ausdruckskultur in Erziehung, Leben und Kunst. Gesunde Ernährungsweise, Naturheilkunde, Wohnreform, Kleiderreform, Schreibreform, Frauenbefreiung, Kulturreform, Siedlungswesen, die „normalen“ Anliegen des Monte Verità wurden in diesem Kongress zum Teil eines umfassenden Erneuerungsplans, der nach 1933 zur „judo-maurischen Weltverschwörung“ erklärt wurde, obwohl gerade der Nationalsozialismus viele Anliegen der Lebensreform sehr geschickt für sich zu nutzen wusste. (Harald Szeemann: Monte Verità – Berg der Wahrheit)
Selbstentwicklung sollte die Menschen glücklicher machen, Körper- und Bewegungskult (Nacktkultur und Tanz) wurden deshalb der Ausgangspunkt kultischer Rituale, für die ein Tempel als geweihter Ort nötig schien. Ida Hofmann begleitete auf ihrem Flügel berühmte Tänzer wie Rudolf von Laban, Mary Wigman und Isadora Duncan. Alle drei tanzten in expressiv natürlichen Bewegungen „aus dem Einfachen heraus“, wie es Laban bezeichnete, und „zur Läuterung des Körpergefühls“.
1917 baute Laban „eine Freilichttribüne, feierte Feste: Feste der Tänzer – sieben Tage lang“; feierte in Gesängen die sinkende Sonne.
Isadora Duncan, die 1913 ebenfalls auf dem Berg weilte, sah sich selbst als die Wiedergeburt einer Tempeltänzerin oder mehr noch, als dorische Säule, als Parthenongiebel oder selbst als Pallas Athene. (Antje von Graevenitz: Hütten und Tempel)
„... dass wir keines wegs behaupten die 'wahrheit' gefunden zu haben, monopolisiren zu wolen, sondern dass wir entgegen dem oft lügnerischen gebaren der geschäftswelt, u. dem her konvenzioneler forurteile der geselschaft, danach streben, in wort u. tat 'war' zu sein, der lüge zur fernichtung, der warheit zum sige zu ferhelfen“, so Ida Hofmann in ihrer eigenen reformierten Orthographie.
Die Amerikanerin Isadora Duncan war die erste, welche ausgehend von den Theorien des Franzosen François Delsarte und inspiriert von griechischen Skulpturen und der in ihnen gewissermaßen erstarrten Eurythmie des klassischen Altertums, dem Ballett den neuen Tanz gegenübersetzte und ihre revolutionären Ideen mit Vorführungen, Vorträgen und Schulen seit 1899 in Europa verbreitete, von den einen als Nackttänzerin abgelehnt, von den anderen als Priesterin eines neuen sakralen Tanzes angebetet. (Edmund Stadler: Theater und Tanz in Ascona)
In Twin Peaks wird ein Wissen um die Beseeltheit der Natur entwickelt, eine Hoffnung auf die Spiritualität des Lebens postuliert. Die postmoderne „Gemeinheit“ dieser Serie besteht darin, dass sie diese Hoffnung nährt und gleichzeitig zerstört. Wir erreichen die Räume zwischen dem Tod und dem Leben, zwischen dem Alltag der Korruption und der Wahrheit der Natur nur, um sie gleich wieder zu verlieren. Agent Cooper kann den sterbenden Leland Palmer zum Licht führen, sich selbst retten kann er nicht. (Georg Seeßlen: Ein seltsamer Ort)
„Erinnerung begreift sich nicht zu Ende“, habe ich vor langer Zeit notiert. Damals dachte ich an das frühe Beerensuchen auf dem Land – und noch lange nicht an die histoire du cinéma um Louis Malle, Carol Reed, Terence Davis oder die Szene aus Pasolinis Matthäuspassion, die bei Godard als Leitmotiv aufflackert. Und ich dachte noch nicht an die Frage, in welchen Filmen man sich jene Art von Ende holen könnte, von dem im Märchen steht: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“ (Ilse Aichinger: Das Erinnerungsbild)
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| FBI-Agent Dale B. Cooper: Mein Leben, meine Aufzeichnungen |
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