Wer das Wort hat

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LILO NEIN: "DIE ANWESENDE AUTORIN. WER SPRICHT IN DER PERFORMANCE?"

Von Christine Standfest




„Es wurde Zeit“, dachte ich, als ich von der Buchpräsentation Die anwesende Autorin – Wer spricht in der Performance? las. Es ist das Verdienst der Herausgeberin, Schreiberin, Performerin, Künstlerin Lilo Nein, sich dieser komplexen Frage zeitgenössischer (nicht nur) Kunstproduktion in einer Buchpublikation angenommen zu haben, die sich auch als Erweiterung oder Fortsetzung ihres „Performance Lesebuchs zum Aufführen“, Selbst Übersetzen! von 2009 verstehen lässt.

Im Vorwort zu Selbst Übersetzen! findet sich denn auch auf S. 22 ein mittlerweile kanonisches Zitat aus Foucaults „Was ist ein Autor?“ von 1969, vielleicht als eine Art gegenläufige Anleitung, das Buch zu rezipieren, oder als Leitfaden für die Zusammenstellung der Texte in Die anwesende Autorin:

„Was man tun müsste, wäre, den durch das Verschwinden des Autors freigewordenen Raum ausfindig zu machen, der Verteilung der Lücken und Risse nachzugehen und die freien Stellen und Funktionen, die dieses Verschwinden sichtbar machen, auszukundschaften.“

Wer spricht in der Performance? – Auskundschaften!

Das Buch ist, wie die meisten Publikationen des Berliner Revolver Verlags, schön gemacht, zweisprachig auf deutsch und englisch und mit vielen Black-Box-Blacks, Blacks-als-Ende-der-Performance-Blacks – in unserem Fall also mit Black Pages versehen, die die jeweiligen Positionen voneinander separieren. Ich sage „Positionen“, weil angesichts der vorliegenden Schriften und Bilder, der Grafik, aber auch hinsichtlich der Fragestellung des Bandes sich etwas in mir sträubt, die gesammelten Beiträge-in-Schrift (bis auf Jakob Lena Knebels Photoserie) „Texte“ zu nennen. Doch dazu später. Es sind Beiträge von Carola Dertnig, deufert+plischke, des Performancekollektivs Busy Rocks, von Jakob Lena Knebel, Ivo Dimchev, Ligna, Alex Martinis Roe, der Formation Questions, Simone Forti, Isabelle Schad, everybodys, Christian Falsnaes, Christine Lemke und Stefanie Seibold und Jérôme Bel; mithin von Performer_innen, bildenden Künstler_innen, Choreograf_innen, kollektiven oder kollaborativen Formationen, und es sind Scores, Notate, Gesprächstranskripte, Reflexionen, Photos, theoretische Texte, Performances-in-Schrift und – folgerichtig in der Choreografie des Buches – am Ende eine neue Art von Text: www.catalogueraisonne-jeromebel.com/player.php?ep=4a (Jérôme Bels Last Performance).

In dem beigelegten Essay „Performing Authorship“ der Herausgeberin Lilo Nein mit dem schönen Zwischentitel „Manifest der zeitgenössischen Autor_in“ versammelt die Autorin in einer Art Tour de Force durch Linguistik, Philosophie, queere und feministische Theorie von Benveniste und Barthes bis Butler die Ansätze eines kritischen Denkens von Autorschaft und ihres zeitweiligen Verschwindens ebenso wie ihrer Rückkehr, die für unsere Arbeit an der Performance alle von höchster Relevanz sind, um ihrerseits allerdings statt von „Autorschaft“ von „Autor_innenschaft“ zu sprechen und diese als Verhältnis zu bestimmen, das den je eigenen Ort des Produzierens in vielfältiger und widersprüchlicher Weise regelt:

„An ihre Autonomie glaubt die Autor_in nicht. Sie weiß um ihre Konstruktion, um ihre Abhängigkeit vom Gesehen-Werden und um ihre Sehnsucht nach Anerkennung. Sie weiß, dass ihr öffentliches Sprechen auf ihre Person zurückgeführt wird, und dass diese empirische Subjektposition in ein Verhältnis zur Subjektposition in ihren Arbeiten oder zu jener, von der ihre Arbeiten sprechen, gesetzt wird. Dieses Verhältnis gestaltet sie aktiv. Denn sie weiß, dass es die Arbeit an diesem Verhältnis ist, die ihre Autor_innenschaft bedeutet.“ (S. 157)

Der in der Schreibweise enthaltene Plural verweist mithin auch darauf, dass in Produktionen „Singularitäten sich mit anderen Singularitäten zusammen schließen, um zu einem gemeinsamen Sprechen, einem gemeinsamen Arbeitsprozess oder einer gemeinsamen Repräsentation zu kommen (...)“.  Ebenso reflektiert wird die „Performativität der Autor_innenschaft“ (S. 161), insofern jegliche Identität durch performative Akte hervorgebracht wird, wie auch „Autor_innenschaft“ ein Effekt der Wiederholung derselben ist (die freilich, mit Isabelle Graw, Irmela Schneider u.v.a. auch unter dem Druck eines „Inszenierungszwangs“ genau dieses Verhältnisses als Autor_in-als-Ware performt werden kann und muss).

Gegen die Fetischisierung des Körpers

Im Feld der Performance nun wird eine spezifische Konstitution von Autor_innenschaft als Moment einer Wechselwirkung zwischen der körperlichen An- oder Abwesenheit und der jeweiligen Subjekt- und Sprecher_innenposition untersucht, wie auch, Rancière folgend, zwischen Performer_innen- und Zuschauer_innen, die nicht zuletzt (und häufig in und durch mediale Vermittlung) zu Ko-Autor_innen würden. So sei die Frage „Wer spricht?“ in der Performance gerade durch das Risiko eines „gemeinsamen Sprechens“ im Feld eines „Nicht-Benennbaren“ bestimmt, in das sich multiple Subjektivitäten auf unterschiedliche Art investieren, die die ohnehin immer schon abstrakte Trennung zwischen „Konzept“ und „Ausführenden“ weiter aufheben und damit Autorschaft selbst unablässig „kontaminieren“ – was allerdings selten Eingang in die Repräsentationsebene von Performance Art findet, oder umgekehrt (wie u. a. in Isabelle Schads klugem Beitrag ausgeführt) zur Abwesenden-Autorschaft-als-Label geworden ist, und daher ökonomisch gewendet auch nur selten zu einer adäquaten Verteilung von subjektivem Investment und symbolischem oder realem Kapital führe (S. 171).

Gegen eine Fetischisierung allerdings des Körpers als Medium eines „authentischeren“ oder auch nur enger geführten Verhältnisses zur Autor_innenschaft, das der Performancekunst von allen möglichen Akteur_innen, sei es Performer_innen, sei es Theoretiker_innen, zugeschrieben wird, wendet sich die zeitgenössische Autor_in auf angenehm präzise Weise, um noch einmal Autor_innenschaft als ständig herzustellendes Verhältnis von Subjektpositionen, Medialität, Sprache und Kontext stark zu machen. Wenn überhaupt, sieht die Autor_in das Besondere der Autor_innenschaft in der Performance „in der Beziehung zu den anwesenden Leser_innen und Hörer_innen“ (S. 173), bei der eine „tatsächlich stärkere Involvierung“ durch den geteilten Zeit-Raum festzustellen sei.

Nur – Involvierung in was? Ich springe noch einmal zurück im „Manifest der zeitgenössischen Autor_in“, nämlich zurück zu Butler: „Die Verantwortlichkeit des Sprechers liegt nicht darin, die Sprache ex nihilo neu zu definieren, sondern darin, mit der Erbschaft ihres Gebrauchs, die das jeweilige Sprechen einschränkt und ermöglicht, umzugehen.“ (Butler: Haß spricht. Im „Manifest“ S. 164) Und zu eben jener Erbschaft ihres Gebrauchs – und das hat Lilo Nein mit ihrer Publikation noch einmal eindringlich und differenziert vor Augen gestellt – gehört nach wie vor in ebenso herausfordernder wie repressiver Weise jene Bestimmung, die Foucault 1970 in Die Ordnung des Diskurses zur Disposition stellte:  

„Man verlangt, daß der Autor von der Einheit der Texte, die man unter seinen Namen stellt, Rechenschaft ablegt; man verlangt von ihm, den verborgenen Sinn, der sie durchkreuzt, zu offenbaren oder zumindest in sich zu tragen; man verlangt von ihm, sie in sein persönliches Leben, in seine gelebten Erfahrungen, in ihre wirkliche Geschichte einzufügen.“

Vielleicht aber können wir den Gebrauch dieser Bestimmung genau in dieser prekären Zeit als möglicherweise politisch Handelnde nicht unterschlagen. Und bei aller sorgfältigen und kämpferischen Reflexion im „Manifest der zeitgenössischen Autor_in“ bleibt es ein wenig bedauerlich, dass die versammelten Beiträge zu Wer spricht in der Performance? dann doch zu beliebig oder im Einzelnen zu wenig auf die entwickelten Fragestellungen bezogen lediglich eine, wenn auch informierte und gut dokumentierte, Diversität des Feldes widerspiegeln. Das ist nicht uninteressant, und es ist auch ein bedeutender Versuch, im künstlerischen Feld selbst „Stimmen“ zu sammeln. Aber vielleicht bin ich auch dem Medium „Buch“ gegenüber in einer zu altmodischen Weise verpflichtet, um mit der Differenz und der Fallhöhe der Beiträge als Texte umgehen zu wollen. Vielleicht ist es wie eine Liste zu lesen – frei nach Ivo Dimchevs Som Faves:

„1. Blut 2. Die Mutter 3. Der Vater 4. Die Schwester ... 7. Die weiße Katze 8. Der Wald ... 14. Essen 15. Verliebt Sein ... 19. Form und Inhalt ... 21. Diagonalen ... 28. Übertreiben ... 45. Das schlechte Wetter ... 65. Peter Greenaway ... 73. Mein Handy ... 76. Country Music 77. Georgi Dimitrov ... 81. Die Vagina ... 89. Mein ästhetischer Tod ... 95. Mein Konto ... 96. Shakespeare 97. Mein letztes Sex-Date ... 99. Choreografie 100. Versagen.“ (S. 51 ff)


Lilo Nein (Hg.): Die anwesende Autorin. Wer spricht in der Performance? Berlin: Revolver Verlag 2011 (dt./engl.)


(9.12.2011)