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EIN INTERVIEW MIT PAUL WENNINGER UND ROTRAUD KERN
In Andorf und St. Martin im Innkreis nahmen Paul Wenninger und Rotraud Kern ein Kunst-Projekt mit insgesamt 111 SchülerInnen - aus jeweils zwei Klassen der beiden Dörfer - in Angriff. Über sechs Wochen hin leiteten sie einen gemeinsamen Prozess, der schließlich zu zwei Aktionstagen im öffentlichen Raum führte, an welchen die SchülerInnen ein Boot zu schaukeln hatten. Für corpus sprach Benjamin Schoppmann mit den KünstlerInnen.
corpus: Könnt Ihr kurz schildern, wie die Aktionstage am Ende eurer Arbeit mit den SchülerInnen abgelaufen sind?
Rotraud Kern: Ja, der erste Tag, das war in St. Martin, diese zweite und vierte Klasse zusammen, wo zum ersten Mal unser Styropor-Boot auf einem kleinen Parcours durch den Ort transportiert wurde. Wobei die SchülerInnen immer die Freiheit hatten, dort in verschiedensten Aktionen ihren Raum einzunehmen, die wir entweder mit ihnen erprobt haben, oder die von ihnen kamen, oder die einfach vor Ort entstanden sind. Sie konnten ihre eigenen Texte laut über die Straße grölen oder sich auch auf diese - gesicherte - Straße legen. Dann wurde das Boot wieder weitertransportiert, begleitet von Leuten, die mitgetragen haben, oder einfach dazugestoßen sind. So sind sie in dem Ort sichtbar geworden.
Das war der erste Tag in St. Martin. Am zweiten Tag wäre geplant gewesen, dass die St. Martiner mit dem Boot zum sogenannten Stummer-Weiher wandern - dieser Teich liegt genau in der Mitte zwischen St. Martin und Andorf - und die Andorfer ebenfalls dort hin kommen. Am Weiher hätten sich die beiden Schulen getroffen, das Boot zu Wasser gelassen und so weiter. Weil es aber so stark geregnet hat, liessen wir die Aktion fallen und entschieden, dass am dritten Tag beide Schulen in St. Martin mit dem Boot losstarten und gemeinsam den Weg zum Stummer-Weiher gehen, wo dann ein Fest stattfand und das Boot zu Wasser gelassen wurde.
corpus: Habt ihr für das ganze Projekt, ausser dem Styropor-Boot, das es schon vorher gab, irgendwelche Rahmenvorstellungen gehabt?
Paul Wenninger: Wir hatten uns drei Ebenen vorgenommen. Die eine bestand aus prozesshaftem Arbeiten im Proberaum - also im Turnsaal -, wo es uns zunächst konkret um den Körper ging und darum, die SchülerInnen an den Tanz heranzuführen, sich gegenseitig zu berühren, sich auf den Boden zu legen oder dergleichen, ganz einfache Dinge. Danach sollte daraus eine Ästhetik entwickelt werden. Die zweite Ebene fand an den Aktionstagen statt, an denen das Boot im öffentlichen Raum ins Spiel gekommen ist, der ganze Ort stillgestanden ist und der Bürgermeister ein Manifest bekommen hat. Und die dritte Ebene war, dass das Ganze auch dokumentiert wurde und aus diesem Material ein Film entstehen soll.
Rotraud Kern: Dabei sieht man auch die Zusammenführung dieser beiden Schulen, dieser Klassen mit ungefähr derselben Altersgruppe.
corpus: Der genaue Projekttitel war Utopia... ?
Rotraud Kern: ...4973-4770, das sind die Postleitzahlen dieser beiden Dörfer.
corpus: Wie seid Ihr das utopische Denken in diesen Schulen angegangen?
Paul Wenninger: Wir wollten gezielt mit Teenagern arbeiten und haben ihnen zuerst Fragen in den Raum gestellt: Was wollt ihr? Was fehlt? Was für ein Raum fehlt eigentlich? Beziehungsweise: Wie kann das, was wir unter diesen Utopia-Titel gestellt haben, aussehen? Ein Prozess bestand darin, nicht einfach alte Modelle hervorzuholen, sondern umzudenken: Wie könnte man sich's erträumen? Wie könnte man diesen Nicht-Ort einmal bestimmen, rein aus der Phantasie?
corpus: Welche Träume haben die SchülerInnen gehabt?
Rotraud Kern: Am Anfang waren sie noch recht bescheiden. Da waren Wünsche wie „Kaugummi an der Schule!" und ähnliches. Aber mit der Zeit wurden sie immer freier, und das war sehr schön.
Paul Wenninger: Es ging sehr schnell in Richtung einer Insel, einer elternfreien Zone. Einfach eines Freiraums. Und diese Vorstellungen haben wir in einem Manifest zusammengefasst, das dem Bürgermeister übergeben wurde. Außerdem haben wir eine Verkehrsinsel besetzt. Dagegen gab es allerdings einen Aufstand, wegen der Blumen darauf und dem großen Wert dieser Verkehrsinsel für diese Gemeinde.
corpus: Aber ihr hattet ja das Boot dabei. Warum ein Boot?
Paul Wenninger: Das Boot hat sich einerseits als Statussymbol zum anderen durch seinen Modellcharakter angeboten. Wir haben mit den SchülerInnen Übungen gemacht, in denen wir gesellschaftliche Modelle probierten: wie man sich als Gruppe innerhalb der sehr überschaubaren Gemeinschaften von kleinen Marktgemeinden organisieren, wie man sich da sichtbar machen kann.
corpus: Wie hat man sich diese Arbeit mit oder an Modellen vorzustellen?
Paul Wenninger: Also das deklarierte Ziel war, die SchülerInnen beider Orte dorthin zu bringen, dass sie an dem Aktionstag selbst Entscheidungen treffen können. Ohne dass wir ihnen sagen würden, was hier und dort zu tun wäre. Dass sie das Boot selbst durch den Ort ziehen und dabei diesen Ort auch wirklich eigenständig für sich gestalten. Wir haben ihnen dafür ein gewisses Werkzeug gegeben, haben mit ihnen diskutiert: Wie es aus, wenn eine Gemeinschaft zusammenfindet? Braucht es einen Führer oder schaffen wir es ohne einen solchen? Gibt es ein Gegenmodell, das trotzdem eine Gemeinschaft ermöglicht, die fähig ist, aktiv etwas zu gestalten.
corpus: Und welche Lösungen haben die SchülerInnen gefunden?
Paul Wenninger: Sie kamen sehr schnell auf die Idee, dass es dabei sehr stark um Vertrauen geht, um Respekt und Hören beziehungsweise Zuhören. Um das Äußern und Zulassen von Meinungen, auch wenn diese nicht allgemein gültig sind. Diese Notwendigkeiten haben wir dann mit körperlichen Übungen probiert. Und wieder gefragt: Was ist Vertrauen eigentlich? Was heißt Vertrauen geben? Wie weit traut man sich zu gehen, wie weit trägt man etwas? Es ging darum, diese Grenzen rein über den Körper auszuloten, das Gewicht von einem Menschen zu nehmen, ihn anzunehmen, zu leiten, zu begleiten. Sich führen zu lassen oder zu führen. Diese Verantwortung anzunehmen und zu tragen. Wir haben also versucht diese abstrakten Begrifflichkeiten ganz konkret in den Körper zu bringen.
corpus: In den sechs Wochen, die das Projekt gedauert hat, habt ihr zweimal die Woche dreieinhalb Stunden mit den SchülerInnen verbracht. Gab es da eine Entwicklung zu beobachten?
Paul Wenninger: Ja, absolut. Also ich war dann total überrascht. In den Probephasen hat es gegen Ende schon immer wieder Momente gegeben, in denen die Konzentration einfach weg war, und wir uns gefragt haben, ob die Jugendlichen wirklich schaffen, was wir von ihnen wollen. Und es war extrem schön zu sehen, dass sie, als sie dann völlig auf sich gestellt waren - und wir haben sie an diesem Aktionstag wirklich ins kalte Wasser geworfen -, sofort auf dieses Werkzeug zurückgegriffen haben. Während wir uns hinter die Kameras verzogen und überhaupt nicht mehr in das Geschehen eingegriffen haben.
Rotraud Kern: Alles, was im Probenraum zu Beginn noch problematisch und immer von Gelächter begleitet war, das war später auf der Straße, im öffentlichen Raum, plötzlich präsent. Das hatten sie sich wie selbstverständlich angeeignet.
Paul Wenninger: Ja, und das waren Durchzugsorte mit Hauptverkehrsadern, auf denen Schwertransporter Schlange standen - und wir haben die Straße blockiert.
Rotraud Kern: Es hat ihnen sehr gefallen, dass sie das zustande bringen.
Paul Wenninger: Dass der Körper so einen Widerstand hat.
corpus: Seid ihr innerhalb der Gemeinden als Störenfriede wahrgenommen worden?
Paul Wenninger: Ja, das war sehr witzig. An beiden Schulen wurden wir am Tag nach der Projektvorstellung in die Direktorenzimmer zitiert, wo es gleich einmal hieß, dass das so nicht ginge. Und in beiden Fällen haben wir es geschafft, das Gespräch innerhalb einer halben Stunde so umzudrehen, dass die Direktoren voll dabei waren. Von da an mussten wir permanent das Gespräch suchen - vor allem mit dem Umfeld der SchülerInnen, das wir ständig zu coachen oder zu überzeugen hatten.
Rotraud Kern: Aber das gehört eben dazu und ist genauso wichtig, für die Schüler wie für den ganzen Ort. Dieser Prozess, immer wieder eine Meinung zu fassen oder auch Befürchtungen zu haben. Und in der Folge ein Gespräch, nach dem man die Angelegenheit doch wieder von einem anderen Blickwinkel aus sieht.
corpus: Was können Künstler in einer solchen Gemeinde anstellen, das ortsansässigen Lehrern nicht zugestanden würde?
Rotraud Kern: Na ja, Künstler! Das ist an sich schon ein eigener Begriff auf dem Land, da hat man von vornherein einen größeren Handlungsspielraum.
Paul Wenninger: Und wenn man von außen kommt, ist der Blick natürlich ein ganz anderer. Und man wird auch so rezipiert. Man ist nicht so verstrickt in die Geschichten der Gemeinde. Andererseits ist man sehr schnell bei einer Kritik, die man auch anbringen will. Aber was ist das dann für eine arrogante Haltung zu meinen, man wüßte etwas besser? Da hat mir diese Rolle des Beobachtens, wie so kleine Gemeinschaften funktionieren, schon viel besser gefallen.
corpus: Wie seid ihr von den SchülerInnen aufgenommen worden?
Paul Wenninger: Das war ein ganz eigener Prozess, in dem sie erst einmal eingesehen haben, dass wir keine Lehrer sind, sondern mit ihnen etwas gemeinsam gestalten wollen. Das hat dann auch ihre eigenen Autoritätsverhältnisse zu den Erwachsenen innerhalb des Schulgemäuers so verändert, dass tatsächlich Lehrer zu uns kamen und sagten, wie schön es wäre, wenn das immer so sein könnte: diese feinere Aufmerksamkeit, das Hinschauen und Zuhören und dergleichen.
corpus: Wie sah Eure Zusammenarbeit mit den Lehrern und mit den Gemeinden aus?
Paul Wenninger: Also in St. Martin wurde wirklich ganz toll mitgemacht. Vor allem war der Schuldirektor großartig. Er hat uns besorgt, was immer wir brauchten. Das wär mit dem Produktionsbudget von Linz 09 nie möglich gewesen, das ging nur über helping hands. Es war für uns sehr interessant zu sehen, wie das gesamte Lehrerkollegium zusammenarbeitet, wenn ein Direktor so engagiert ist. Auch was die Akzeptanz von Frauen im Lehrkörper betrifft.
corpus: Und in Andorf?
Paul Wenninger: Dort hat es nicht so gut funktioniert. Der Direktor zeichnete sich durch Absenz aus, und wir sahen sofort, dass die ganze Schule anders funktioniert. Die Frauen blieben schweigsam. Und was der Direktor an die Lehrer abgibt, geht dann auch auf die Schüler über. Die Gemeinde hat nichts zusammengebracht in Andorf. Und jene Lehrer, die für das Projekt bei Linz 09 eingereicht hatten, hatten laut Stundenplan gar keine Zeit, das Projekt zu verfolgen. Und der Lehrer, der uns als Coach angetragen wurde, der sozusagen zum Handkuss kam, hat sich zwar sehr engagiert, aber er war völlig überfordert.
Rotraud Kern: Er konnte nicht verstehen, dass die Schüler sich selbst organisieren sollen. Der war Lehrer bis zum Schluss.
corpus: Wäre es für Euch denkbar, künstlerische Projekte gezielter in bereits bestehende Zusammenhänge des Unterrichts zu integrieren?
Paul Wenninger: Das ist schwer zu beantworten, denn sobald das ganze ein Regelwerk in diesem System wird, ist es auch eingeordnet in die Möglichkeiten, die jeder einzelne Lehrer in dieser Welt der Schule hat. So ein Einfallen, wie wir das gemacht haben, so ein Infiltrieren dieses ganzen Apparates ist nur möglich, solange man nicht Teil dieser Organisation ist.
corpus: Habt Ihr in Eurer Zeit an der Schule versucht, Aspekte des von euch aufbereiteten „tänzerischen" oder „körperlichen" Wissens für die SchülerInnen als reproduzierbare Lehrinhalte zu formulieren?
Paul Wenninger: Wir haben so etwas schon auch besprochen, aber eigentlich eher mit den Lehrern. Wie wichtig zum Beispiel die Kompetenz ist, sich im Raum zu spüren, sich selbst im Raum wohlzufühlen. Sich präsentieren zu können, ohne sich zu verlieren. Aber stellt sich natürlich die Frage, wofür man das macht. Macht man das mit den SchülerInnen, um sie auf einen Arbeitsmarkt vorzubereiten? Will man sich als Künstler überhaupt in diese Richtung mit hineinbegeben? Seinen Mehrwert, den man irgendwie erzeugen kann, an der Wirtschaftlichkeit einer Bevölkerung orientieren? Oder geht eher darum, bei diesen jungen Erwachsenen eine prinzipielle Mündigkeit zu erzeugen? Dass sie auch den Mut haben zu sagen, was sie anders haben oder was sie selbst gestalten wollen. Dass sie ein Bewusstsein entwickeln, auch für das, was sie eigentlich tun.
corpus: Dann geht es eher um das Ermöglichen von eigenständiger Bildung als um das Organisieren einer strukturellen Ausbildung?
Paul Wenninger: Ja. Eben nicht darum, noch kompetentere Hamster zu erzeugen, die dann effektiver im Rad eines Systems laufen. Wenn sich der Arbeitsmarkt so rasant verändert und ein junger Erwachsener verschiedenste Kompetenzen haben muss, um sich ständig an anderen Arbeitstellen erfolgreich präsentieren, sich vermarkten zu können, dann stellt sich die Frage, ob man das noch verstärken will. Oder ob nicht irgendwann das Scheitern das Interessantere ist - sich dieser Austauschbarkeit entgegenzustellen.
KünstlerInnen:
Paul Wenninger ist freischaffender Tänzer und Autor choreografischer Werke. 1994 bis 1998 ist er Tänzer der Cie. Catherine Diverrès am Centre Choréographique National de Rennes et de Bretagne, in Wien u.a. bei der Cie. Willi Dorner. 1999 gründet er Kabinett ad Co., eine Plattform für KünstlerInnen verschiedenster Kunstrichtungen. Zahlreiche Projekte werden realisiert und mehrfach ausgezeichnet: „Die Tränen des Eros“ (1998), „La vache en poudre“ (1999),„ou mállon“ (2001), „Hypocrite lecteur! -mon semblable, mon frère!“ (2002), „Umgebungen“ (2002), „archives“, (2002), „co-Kon cut“ (2002), „patch“ (2003), „inventaire I&II“ (2003),„cc cushion“ (2005), „sie schaut sie - ungleich einander“ (2006), „Imbue“ (2007) und „TUBED“ (2008).
Rotraud Kern, geboren 1979 in Braunau, lebt und arbeitet derzeit in Wien. Nach der Ausbildung am SEAD (Salzburg Experimental Academy of Dance) folgen eigene Arbeiten in Burghausen (D) und Salzburg (2003), u.a. für die Szene Salzburg. Sie tanzt u.a. für Thierry De Mey, Georg Blaschke, Hubert Lepka. Seit 2005 arbeitet sie mit Kabinett ad Co./Paul Wenninger in den Produktionen „cc cushion“, „sie schaut sie“, „Imbue“ und „TUBED“ zusammen. 2007 folgt mit „Play“ ihre erste abendfüllende Produktion und mit „Markier dein Revier“ gründet Rotraud Kern eine Initiative zur Stärkung der unetablierten Performanceszene in Salzburg.
(23.6.2009)
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