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Widerständige Bildlektüre und performative Antipropaganda

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ODER: WIEN MAN SEHEN KANN, WAS MAN SEHEN KANN - "THE INHABITANTS OF IMAGES" VON RABIH MROUÉ IM TANZQUARTIER WIEN

Von Elke Krasny


Theater als Akt der politischen Bildung und als widerständiger Verständigungsort über kollektive Bilder, das klingt nach Grundsätzlichem. Diese Auffassung von Theatralität als aufklärende Verhandlung im Darübersprechen hat eine lange Tradition mit unterschiedlichsten Manifestationsformen, die sich bis in die griechische Antike, die deutsche Aufklärung oder dissidente Bewegungen im ehemaligen Ostblock zurückverfolgen lässt. Nichts anderes als ein Sprechen über die aktuelle Situation, über ein Zurechtfinden des Individuums in einer Welt, der zwischen medialen Hypes und Falschmeldungen, zwischen medialer Abgestumpftheit und gewaltigem Informationsoverkill die Navigationskompetenz abhanden gekommen ist, kennzeichnet die künstlerische Arbeitsweise von Rabih Mroué. Genau so ein Sprechen darüber, ein Besprechen aus Intensität, Kritik und Leidenschaft, steigert der aus Libanon stammende Journalist, Theaterkünstler, Performer und Schauspieler Mroué zur öffentlichen Verhandlung des politischen und kulturellen Gedächtnisses.

Zeitgenössisches arabisches Theater, das sich der politischen Reflexion verschrieben hat, hat es nicht immer leicht, seinen Ort zu finden. Wiewohl Mroué in der westlichen Kunstszene von den Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen bis zum Centre Pompidou seine Performance- und Ausstellungsorte findet, bleiben im Libanon selbst seine Aufführungen häufig auf private Wohnungen beschränkt.

Die Toten müssen Platz machen

Das Setting von „The Inhabitants of Images“ auf der Tanzquartier-Bühne der Halle G im Museumsquartier ist auf die Notwendigkeit der Mittel reduziert, um die es als Medien gehen wird: Sprechen und Zeigen, Worte und Bilder. Auf dem seitlich platzierten Tisch befindet sich der weiß leuchtende Laptop. Bühnenmittig ist die Projektionswand für die Bilder. Eine Vortragssituation im universitären Alltag sieht ganz genauso aus. Ein Lecturesetting im globalisierten Symposiumsbetrieb oder Konferenztourismus ebenso. In diesem Szenario der Lectureperformance treffen einander verschiedene kulturelle Bewegungen, verschiedene Traditionen: das Format des Vortrags als öffentliche Kunst- und Wissensproduktion und die Präsenz von Geschichtenerzählern auf arabischen Märkten. Laptop und Projektionsfläche, das sind unaufgeregte und einfach verfügbare Mittel. Überlegt man sich die Relation von Einsatz der Mittel und ihrer Wirksamkeit, dann ist eine Steigerungsform der Mobilität und der Effektivität kaum mehr zu denken. Ein Mensch macht einen Unterschied. Er nimmt Platz, schlägt den Laptop auf, trinkt aus einem Wasserglas, wie er es für sich auf seinen Notizen bemerkt hat, und beginnt eine reflexive Tour de force zwischen politischer Bildanalyse und analytischer Politbildung. Die Spannung liegt in der prisengenauen Dosierung von Humor und Verzweiflung, von Reflexionsgewalt und performativer Didaktik, von Aufklärungswille und ironisierender Distanz.

Die Stadt, um die es geht, ist Beirut. Die Bilder, die besprochen werden, stammen aus dem öffentlichen Gedächtnisraum dieser Stadt. Sie aufzunehmen, das ist oft lebensgefährlich. Man kann nicht einfach stehen bleiben und fotografieren. Tut man es doch, hat man sich in die Gefahrenzone begeben. Das erste Bild, das Rabih Mroué, zeigt, ist ein Poster, das zwei Männer zeigt, die photographisch in eine Begegnung versetzt werden: den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser und den libanesischen Premierminister Rafiq Hariri. Sie können einander nie getroffen haben, analysiert Mroué, oder sie können einander erst nach ihrem Tod getroffen haben. Sie sind eine Photomanipulation, die ihre Montage nicht preis gibt. Die Toten müssen Platz machen auf den Fotografien, so Mroué. Von den verschiedenen politischen Bewegungen werden die Toten als ihre unaufhörliche Waffe angerufen. Die Toten könnten von einem Photo zum anderen wandern. Die Toten studieren diejeningen, die nach ihnen kommen. Die Entfaltung eines Bildes in allen möglichen Bedeutungsebenen steckt voller dramaturgischer Pointen und politischer Zuspitzungen zwischen Pan-Arabismus, arabischem Sozialismus, westlichem Kolonialismus, Zionismus und Liberalismus.

Körperlose Märtyrer

In seinem zweiten Bild untersucht Mroué eine Serie von Postern, die im Stadtraum von Beirut, nach dem Krieg im Libanon 2006 auf dem Mittelstreifen eines viel befahrenen Boulevards auf den Straßenlampenmasten montiert wurden. Wann wurden diese Hisbollah-Märtyrer für diese Plakate fotografiert? Dieser Frage geht Mroué mit detektivischer Akribie nach. Werden sie als zukünftig zu affichierende Märtyrer, also für eine Plakatserie, nach ihrem Tod fotografiert, bevor sie in das Schlachtfeld aufbrechen? Oder danach? Und warum tragen sie alle die exakt idente, offizielle Uniform der Hisbollah, eine globalisierte Armyjacke? Copy, Paste und Photoshop sind die Strategien, die Mroué in seiner bildanalytischen Obsession als identitätskonstruktive Technik enttarnt. Der Körper ist verschwunden. Es sind die Köpfe der Märtyrer und die leere, auf sie wartende Uniformjacke, die in drei Meter Höhe von den Straßenlaternenmasten grüßen, Auge in Auge miteinander, immer eines vorne, eines hinten, eine Serie von Märtyrern für den vorbeifahrenden Blick aus dem Auto.

In der dritten Bildreflexion rückt Mroué noch näher an sich selbst heran. Es geht um die Frage nach dem verlorenen Posten der Linken, um Selbstmordbomber und Videozeugnisse. Wir denken in beidem, in Bildern und in Worten. Doch was die einen behaupten, ist nicht das, was die anderen erzählen. Was die einen erzählen, ist nicht das, was die anderen behaupten. In diesen unausweichlich verschlungenen, politisch höchst brisanten Dialektiken kultureller Stereotypen sucht Mroué nach Artikulationsformen, die das Individuum tragen kann. Im Epilog zitiert er ein E-Mail, das er an 50 Personen verschickt hat. Er bat darum, mitzuteilen, welches Photo man auswählen würde, mit dem man nach seinem Tod erinnert werden will. Doch geantwortet hat ihm auf diese Anfrage nur einer - er selbst.


(19.01.2009)