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Wieder das Monströse

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URAUFFÜHRUNG VON FORCED ENTERTAINMENTS “THE THRILL OF IT ALL” BEIM BRÜSSELER KUNSTENFESTIVAL

Von Aurelia Burckhardt


Vier Frauen mit blonden Perücken und silbernen Röckchen und fünf Männer als Elvisverschnitte mit schwarzen, verfilzten Perücken, weißen Anzügen und roten Hemden betreten die Bühne. Zu japanischen Songs der sechziger Jahre werden vier Gruppenchoreografien getanzt in einer Mischung aus grinsendem Entertainment und lausig lustvoller Euphorie. Außerhalb dieser Zirkuszone stehen eine kleine Guckkastenbühne mit rotem Vorhang, ein Kleiderständer mit Kleidchen und Regenschirmen, und zwei rote Teppiche liegen aufgerollt am Rand der Bühne.

Dem Uraufführungspublikum im Brüsseler Kaaitheater wird gleich in vierfach getanzter Abfolge klar gemacht, dass dem Bedürfnis nach Unterhaltung nicht so einfach nachgekommen werden wird. Da dies für das Publikum etablierter Avantgardefestivals, mit denen Forced Entertainment seit Jahren kooperiert, kein neuer Ausgangspunkt ist, wird mit der Summe und Länge der vier Tänzchen und mit dem retrospektiven Blick auf das Kopieren vorhandener Muster – eben dem Imitieren von amerikanischer Popkultur in der japanischen Popkultur der sechziger Jahre – bereits eine Loop-Textur erzeugt, hinter der im Laufe des Abends ein großer, leerer Raum spürbar wird.

Das präzise, in die Dekonstruktion führende Konstruieren ist und war stets die große Stärke der Gruppe rund um Regisseur Tim Etchells, die nach den zwei sehr minimalistischen Produktionen „Spectacular“ und „Void Story“ zurück auf dem Parkett der größeren Bühne ist. Beide Arbeiten liefern Material für die aktuelle Produktion: Das Jetzt im Moment der Performance, das Zittern am Rande zum Lachen, das Thema Tod und das Spielen des Bühnentodes – und das kuriose Zusammenspiel zwischen PerformerInnen und Publikum. Aus „Void Story“ stammt das elektronische Verzerren der Stimmen: die Frauenstimmen piepsig hoch, was zu dem dargestellten Stereotyp der blonden Rai-Uno-Beistellmoderatorinnen passt, während sie über große, gewichtige Themen sprechen. Die Männerstimmen hingegen sehr tief, und sie sprechen von „the small things“.

Ein eisiger Showdown

Nachdem einige Palmen aus Karton lapidar rein und rausgestellt wurden, ein auf der Schulter getragener roter Teppich beinahe einen Elvisverschnitt umgenietet hätte, die Männerhorden sich in unnützen Raufereien aufhielten und die kleine Guckkastenbühne mit einem „The End“-Schild durchschoben wurde, folgen – „Welcome to the show, to kind of a journey!“ – krabbelnde Männer und eine Frau, die sprechen will, dabei aber von den anderen gestört wird. Die dabei erzeugte Langeweile ist ein konstruierter Schritt, um in der Folge den monströsen Raum dahinter plastisch zu ergreifen. Das große Gähnen als Methode, um über herrschende Verhältnisse von Macht und Gewalt zu sprechen.

Richard Lowdon beginnt mit einem Small Thing: „I am absolutly in love with the woman in the middle of the auditorium“. Ein anderer, aufgereizter Elvis setzt ein mit „I am in love with seven people in the public“ (grossartig als Schwerenöter John Rowley), woraufhin eine Frau erwidert: „Is it a familiy!?“ Erster Lacher. Es folgen noch einige, die meisten davon bleiben auf halbem Weg im Hals stecken. Schritt für Schritt wird die Show näher an den Abgrund geführt. Es wird gedroht, sie abzubrechen. Die Frauen formieren sich als lästernde Gruppe, und Richard Lowden fordert von seinen Mitstreiterinnen Inhalte und vom Publikum Mithilfe: „We are all together! Help each other!“ Der auch im Anfangsteil verwendete hündische Appell „Go back to your place!“ eines der Elvisse schlägt, als die Frauen das Wort an sich reissen, nicht mehr an. Erst nach und nach werfen die Frauen ihre Mikrophone trotzig zu Boden und gehen ab. Es bleiben Richard Lowden und Claire Marshall (beide brillant) zu einem eisigem Showdown, bei dem die Wortmasken zum Teil fallen.

Sofort folgt ein nettes belangloses Tänzchen, und Endzeitstimmung wird evoziert mit „an icy wind blowing through“. Die Männer spielen ihren Bühnentod, und die Frauen zitieren Binsenwahrheiten wie: „Never get old, it`s terrible.“ Das Ende naht, die Guckkastenbühne wird von einem Kasperl-Elviskopf hereingeschoben, und es folgt ein letztes A-Chorus-Line-Tänzchen der Company, die sich eng an die kleine Bühne presst, in der das „The End“-Schild hängt.

Die alten Hasen der Crew erzeugen wieder eine besondere Bühnentemperatur, und sie agieren mit großer Coolness und einem uneitlen, präzisen Fokus. Von jenen, die zum ersten Mal mit Forced Entertainment auftreten, vermag nur Thomas Conway mitzuhalten. Die fratzenhaft verlangsamte Wahrnehmung der Konstrukte des Spätkapitalismus und der Blick hinter die Fassade ins Gesicht des leeren großen Monsters sind sehr zeitgemäße Inhalte aktueller Kunstproduktion. Es ist erstaunlich, dass eine Gruppe wie Forced Entertainment ihre Show auf diesen gängigen Themen aufbaut und sich nicht den Luxus herausnimmt, diesen Überbau zu verlassen.


(24.5.2010)