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DAS "DIALOGUES"-PROJEKT VON TIM ETCHELLS UND ADRIAN HEATHFIELD IM TANZQUARTIER WIEN
Von Sabina Holzer
"Tausendundeine Ermittlung in Sachen zeitgenössischer Performance"
oder: "Denken heisst experimentieren, doch das Experiment ist stets das, was sich gerade ereignet."
Erinnerung an Worte: "Let's talk about the difference of collaborating
with absent or present people." Bilder meiner sterbenden Mutter.
Bilder
meiner sterbenden Mutter, die vor einigen Tagen, als ich fiebrig im
Bett lag, völlig unerwartet und ungekannt aus meinem Körper gestiegen
sind. Aus meinen Poren und Fasern, würde ich sagen. Diese Erinnerungen
(und nicht meine Mutter) haben, so schien es, nach mir gegriffen. Nicht
all zufest, aber fest genug, um mich aufhorchen zu lassen.
Materialisierung von Vergangenem. (Jonathan Burrows: "What bodies
possess you from the past?" Boyan Machev: "... As I am dealing a lot
with concepts of metamorphosis and metamorphic bodies I do think there
is a constant possession of bodies happening, which are not fixed ...")
Die Halle G im Tanzquartier Wien. Ich sitze auf der meist dunklen
Tribüne (Rebecca Schneider: "Would you be able to do your work in total
darkness?" La Ribot, nach einer Pause: "I'd like to work with the
metaphor of this question.") und folge 7 Stunden lang Fragen und
Antworten. Folge einer Spurensuche, einem Versuch, eine Sprache zu
finden, die durch performative Praktiken und das Schaffen von Kunst
beeinflusst ist. ("Why talk about art?" or: "What is the difference
between art and discourse, if any?")
Sitting around the fireplace
Die Fragen lösen anfangs in ihrer Direktheit eine Art aufschreckendes
Entzücken, ein kopfschüttelndes Lachen aus und erzeugen freudige
Neugierde auf das Entfalten der Antwort. Fragen, die variieren und
sich wiederholen. Die über die Zeit Vertraute werden. Die sich durch
Wiederholung banalisieren und schließlich nach ihren Konzepten und
Implikationen hinterfragt werden. Die an die Grenze des Verbalen
führen. Wie lange können Worte getauscht werden? Irgendwann (war es
nach 3 oder 4 Stunden?) übernehmen die Präsenz der Körper, ihre Gestik,
der Rhythmus, die Art und Weise der Antwort, den Dialog.
In your art, are you creating, solving or exhausting problems?
Is art an expression of love and if so, love for what?
If you could do any artwork with as much support as you want and you
are paid as much as you like, but no one would ever experience it. –
Would you do it?
Tim Etchells und Adrian Heathfield haben für "The Frequently Asked" ein
performatives Setting kreiert, eine "lecture demonstration" in Form
einer "durational and rule-based performance". Eine Begegnung, um den
Prozess von Gedanken hörbar und sichtbar zu machen.
Das Setting ist simpel und klar: Jeweils 2 TeilnehmerInnen sitzen einander
im vorderen Teil der Bühne gegenüber und stellen 30 Minuten
lang abwechselnd Fragen, auf die sie (unvorbereitet) antworten. Danach
nimmt Tim Etchells oder Adrian Heathfield einen Gedankengang auf und
formuliert ihn gegenüber den anderen Anwesenden weiter. Denen, die im
Hintergrund an einer Reihe von Tischen sitzen (14 internationale
TeilnehmerInnen, die sich aus KünstlerInnen, AutorInnen, KuratorInnen
zusammensetzen. Jede von ihnen bildet früher oder später so ein Duett)
und denen, die in der Tribüne auf den Stühlen sitzen, lehnen und liegen
(Publikum).
Zweitere nehmen dieses Gesprächsangebot nur selten wahr; und doch ist
diese einladende, obschon fast diplomatisch anmutende Geste wichtig.
Die Tribüne wird jedes Mal leicht beleuchtet. So wird eine gewisse
Transparenz des Raumes geschaffen, die über die konventionelle Trennung
zwischen Bühnengeschehen und Publikum hinweghilft.
Im Hintergrund der Bühne hängen zwei Screens. Auf sie werden die Köpfe
der jeweiligen GesprächspartnerInnen übertragen. (Bojana Kunst: "What
things go beyond language in your work?" Matthew Goulish: "Just to
mention: Our work is in the past, future and presence. And then three
things: 1st, silence. 2nd, a body engaged in movement and dance. 3rd,
language.") Gesichter auf den Screens. Jede Regung vergrössert. Die
Köpfe wackeln hin und her, heben sich auf und ab im gerahmten
Videobildraum.
Im Raum vor mir gestikulieren die Körper. Sie wenden sich hin und
wieder ab, sinken zu sich, lehnen sich zueinander, nehmen Abstand.
Hände umreissen und berühren flüchtig Worte, machen sie greifbar,
entlassen sie, greifen ins Leere. Blicke werden getauscht. Ein Tanz:
Wechselspiel von Formulierung und Auflösung.
Dieses Regelwerk ist ein Filter, durch den Persönlichkeiten in
Erscheinung treten, ohne sich produzieren zu müssen.
Explosion
Dauer als veränderliche Essenz der Dinge und Abläufe. ("Can exhaustion
have any merit and can it cause change?") Aber es gibt auch andere
Tricks, um Änderung zu evozieren. William Pope L. setzt sich eine Maske
von Condoleezza Rice auf, und plötzlich ... Plötzlich tritt etwas
Brodelndes zum Vorschein, eine Dringlichkeit, eine zusätzliche Frage.
"Hoho!" macht die Maske und zeigt auf die Maskerade. Die des Alltags,
die der Repräsenationsgesten, die der Gesprächspolitik, die des
Settings. "Did you feel the change of temperature?" fragt Tim Etchells
nach dem Set. Jemand hat an dem Machwerk gerüttelt. Alle haben es
bemerkt. A kind of violence happend. A disrupture. Look who is talking.
Die interne kritsche Auseinandersetzung wird offengelegt. "William did
highlight ..." Etwas wurde in Bewegung gesetzt. Lin Hixson beginnt das
nächste Duett mit: "I want to mention I am a North American Citizen.
That's where I draw my experiences from."
"Do you think all creative work is collaboration?" ist schlussendlich
die Frage, die, nach dem sie ungefähr siebenmal gestellt wurde, in die
Luft fliegt. Oder war sie der Sprengstoff?
Janez Janša setzt als Erster den Begriff "collaboration" in
politisch-ökonomische Zusammenhänge. Produktionsbedingungen, die
Dynamik des neoliberalen Marktes, prekäre Arbeitssituationen. Zerüttete
Anatomie der Worte, paradoxe Ideologien, Vieldeutigkeit. Irit Rogoff
sagt: "I don't like the words creative, collaboration."
Können wir nicht andere Worte verwenden, zum Beispiel "mutuality"
(Gegenseitigkeit) oder "interest". Was benennen wir? Was verändert
sich, wenn Worte ausgetauscht werden? Verändert sich etwas?
Und wieder: "Where does creativity come from?" Goran Sergej Pristaš:
"The passion for the new." Der Kapitalismus klatscht in die Hände.
Einige Anwesende runzeln die Stirn. Weiter probieren.
Events of notions
"The Frequently Asked" ist eine Gedankenentwicklung, mit ihren
Ellipsen, Spiralen, ihrer Erregung und Langeweile. Sie hinterlässt mich
wie aus einem Traum, nämlich in Sinnlichkeit, in dem Fragen als
Knotenpunkte fungieren. Erinnerung betrachtet sich in ihrer
Vielschichtigkeit und unterzieht sich einer Reflexion. Tasten nach
Zukunft.
Fragen und Antworten eröffnen ein Feld, in dem sich Linien immer wieder
neu treffen, einander begleiten, einen neuen Bogen nehmen, stocken und
sich wieder rasant in die Kurve legen. Die Pluralität des Sinns und
seine Koexistenzen reichen weit über eine bloße Vielzahl von
persönlichen Stellungnahmen hinaus.
What is the place of childhood in your work?
What abandoned practice
you want to get back?
What pattern do you repeat? Not from the memory, but from the lack of
it?
What is the place of the ordinary in your work?
Und wieder: "Is art by definition political?"
"Why choose performance as a form of artmaking?" fragt Alastair
McLennan. Gesellschaftliche Denkpläne müssen zerdehnt werden, um ihnen
Neues einzufügen. Mikrostrukturen müssen untersucht, Zeichen und
Begriffe verlängert werden, damit ein anderes Denken, ein anderes
Wahrnehmen, ein weiteres Konstruieren von Welt möglich wird. "The
Frequently Asked" exerziert diese Prozesse und zeigt eine Destillation.
Unterschiedliche Formen von Wissen und ihre Strategien werden zusammen
gebracht. Zwischen diesen und trotz all dieser Worte öffnen sich Räume und
Möglichkeiten für Begegnungen. Diese scheitern auch, aber es geht weiter.
Und das ist gut so.
"When is life more important than art?"
Nach 6 Stunden beginnt der Dialog zwischen Rebecca Schneider und La Ribot. Die beiden tragen fast identische Kleidung: schwarzweiß gestreifte
Pullover und schwarze Hosen. Peinlich berührt, erstaunt, komplizenhaft.
Sie sitzen einander im High Noon des Scheinwerferlichts gegenüber. Zwischen ihnen: Stille. Wer wird als erste eine Frage stellen? Sie schauen einander in die Augen.
Und fragen gleichzeitig: "How would you like to die?"
(28.11.2007)
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