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"CROSSBREEDS 09" IM WIENER WUK: SCHNITTSTELLEN VON NEUEN MEDIEN, TANZ UND PERFORMANCE
Von Martina Ruhsam
Nachdem
ich die graffitibesprühten Wände im Stiegenhaus passiert habe und mir auffällt,
wie sehr ich diese urbane Schrift in anderen Teilen Wiens vermisse, betrete ich
die Kunsthalle Exnergasse. Ich betrachte eine Frau im Profil, die einer zweiten
Frau, die ich aus der Froschperspektive sehe, einen Kuss gibt. Die zweite Frau
ist die erste. Und beide Frauen sind ein Bild. Eine Projektion küsst die
andere.
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Videostill
von Katrin Hornek („Closed Circuit2“)
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Von 14. bis
17. Jänner 2009 fand im WUK in Wien das (vorwiegend) von Anita Kaya, Katherina Bauer
und Johannes Maile kuratierte Tanz-, Performance- und Neue Medien-Festival Crossbreeds
09 statt, das KünstlerInnen eine Plattform für „künstlerische Positionen im
Dazwischen“ bot. (Dieser Text berücksichtigt das Veranstaltungsprogramm von Mittwoch, 14.1. bis Freitag, 16.1.)
Unter crossbreed versteht man in der Biotechnologie eigentlich Rassenkreuzungen bei
Tieren - meist handelt es sich um Tiere, die reinrassige Eltern zweier
verschiedener Arten besitzen. Crossbreeding wäre dann das Züchten von Tieren,
die Eigenschaften beider Abstammungen besitzen. Das erklärte Vermittlerin Nathalie Koger in
ihrer Walking Lecture „Theorie in Bewegung“, die sie gemeinsam mit einer
Bergsteigerin hielt, während sie zwischen all den Videoinstallationen in der
Kunsthalle Exnergasse stand. Sie hatte die am häufigsten genannten Begriffe im
Programmheft eruiert, um dann Vorschläge für deren mögliche Definitionen zu
geben.
Das
Festival fokussierte auf KünstlerInnen, die insofern „crossbreeding“ praktizieren,
als sie mit der Verknüpfung von Tanz beziehungsweise Performance und digitalen Medien
experimentieren und dadurch nicht einer Disziplin zugeordnet werden können.
Dabei wurden die Spielräume erforscht, die digitale Medien dem Tanz eröffnen,
und fernab von der alltäglichen Funktion digitaler Medien als
Aufzeichnungsinstrumente wurden Techniken der Übersetzung, der
Vervielfältigung, der Fragmentierung und des Kombinierens ausgestellt.
Die enorme Fülle des Programms stellte durchaus eine Herausforderung für die Zuseher dar, denn, wie Johannes Porsch in seiner Walking Lecture - auf- und abgehend - wunderbar feststellte, können wir zwar schneller gehen, aber zu sagen, „denken wir rascher“, ergibt im Vergleich dazu keinen Sinn. Porsch ging seinen Gedanken im physischsten Sinn des Wortes nach: Denken und Gehen waren die Themen seines Vortrages, in dem er die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Verben an- und aussprach.
Präsentiert wurden die verschiedenen Arbeiten in den diversen Räumlichkeiten des WUK
(Werkstätten- und Kulturhaus): Im_flieger, in der Kunsthalle Exnergasse, im
Projektraum, im großen Saal des WUK, im Museumsraum, sowie in einer Kunstzelle
im Hof. Während das Filmprogramm (aus ca. 160 eingereichten Kurzfilmen wurden
12 ausgewählt) Kurzfilme österreichischer wie internationaler Künstlerinnen
umfasste, handelte es sich bei den Performances (mit Ausnahme des Stücks
„ROOM&ROAD“ von Mateja Bucar und Vadim Fishkin) um Arbeiten lokaler
KünstlerInnen.
„The use of the
camera engages the spectators as much in a mode of exchange as in a singular
perceptive activity. It encourages to an activity of reframing and of mobility
of the gaze - following the indications suggested on the plateau, but perhaps
more widely, following their own wish
to redefine the frame and the off-frame
according to their mind and linking.“
(Julie Perrin in:
Journal of Dance Studies, „Body and cinematography“, herausgegeben von
José A.
Sánchez und Isabel de Naverán, Madrid 2008)
Zu einem
(Wahrnehmungs-)Spiel mit Bildeinstellungen und Rahmungen wird man in
„ROOMS&ROADS“ nicht animiert. Die Mobilität des Blickes ist kaum gefordert,
denn die Bildprojektionen hatten vor allem die Funktion, mittels Licht, Farben
und verschiedener (meist) abstrakter Muster einen fiktiven Raum herzustellen,
der mit uninspirierten Bewegungen ausgefüllt war. Die Projektionen bleiben
Hinter- oder Untergrundfläche.
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Bild-Montage von Martina Ruhsam
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Auch in
„RAVE.“ genügte ein relativ statischer, frontaler Blick auf die Bühne. Die
Projektionsleinwand (auf der ein Video von Sabine Marte lief) war
zentralperspektivisch in der Mitte der Bühne angebracht. Die lange, zunehmend beschleunigte nächtliche Autofahrt auf einem Wiesenweg, die man auf der Leinwand sah, verdoppelte die Sogwirkung der großartigen Musik von Jorge Sánchez-Chiong, die durch die Licht- und Stroboskop-Effekte noch einmal überzeichnet wurde. Auf Raves wird stundenlang und bis zur totalen Erschöpfung zu monotonen Beats und Lichtwechseln getanzt - allerdings nicht in einer vorgegebenen Choreographie, wie es Brigitte Wilfing in „RAVE.“ tat. Sie folgte einer klaren choreographischen Struktur, die sich dann im Loop wiederholte, das formlose „Abtanzen“ zugunsten des eigenen Vergnügens wurde zum „Vortanzen“ einer zeitgenössischen, durch die starken Lichteffekte rhythmisierten Choreographie. Die laute, hypnotische Musik und die technoide Lichtshow entführten in einen Wahrnehmungszustand, den man in konzeptuellen Tanzstücken konventionell nicht erfährt - für zu groß hält man da die Gefahr des Distanzverlustes.
Wirklich
mobilisiert wurde der Blick des Zusehers in der Performance „Dudes II - Dudes
go camping“ (von Luke Baio und Dominik Grünbühel). Hier reicht selbst das
Ändern der Blickrichtung nicht mehr aus, man muss tatsächlich den ganzen
Körper durch den Raum bewegen, um allen Aktionen auf diversen Bildschirmen,
Projektionsleinwänden und Live-Schauplätzen folgen zu können. Die Dudes setzen
auf Skurrilität, Stummfilmästhetik, den Lach- und Stauneffekt ihrer (manchmal
mehr, manchmal weniger gelungenen) Slapstick-Comedy, die sie mit punkig
rebellischen Gesten vermischen und ein bisschen hektischer Brutalität würzen.
Das
Herzstück des diesjährigen Festivals waren die Videoinstallationen in der
Kunsthalle Exnergasse, wo etwa auf fünf übereinander montierten Bildschirmen
mit je unterschiedlichen Hintergrundflächen Menschen nicht nur auf dem „Boden“,
sondern mitunter von einem Bildschirm in den anderen kriechen. Eine Form von
Expanded Cinema - allerdings nicht ausgeweitet auf
nichtdigitale Oberflächen, sondern auf verschiedene Monitore. Um „expanded
bodyparts“ ging es in „Hand-Eye“, einer Apparatur von Alex Baker, die zum
Experimentieren mit der eigenen Wahrnehmung anprobiert werden konnte. Zwei
Kameras wurden dabei zu Extensionen der eigenen Arme. Mit einem Gestell vor den Augen, in das zwei Bildschirmchen eingebaut waren, und zwei Kameras an den Handgelenken
filmte der Nutzer die Umgebung. Der Bildausschnitt war durch die Ausrichtung der
Arme festgelegt. Dadurch wurde nicht nur unser, normalerweise eingeschränktes, Blickfeld ausgeweitet, sondern darüber hinaus auch möglich, zwei unterschiedliche Raumperspektiven nebeneinander zu sehen. Der Boden und die Decke eines Raumes konnten problemlos gleichzeitig beobachtet werden, die Apparatur ermöglicht ein ausgeweitetes Schielen, ohne jegliche Bewegung der Augen.
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Videostill von Andrea Maurer und Thomas Brandstätter
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Neben Jan
Machaceks Kurzfilm „in the mix“, für dessen Dreharbeiten die Kamera
auf einen Küchenmixer montiert wurde und dem konzeptuell radikalen Film „I
FORGOT“ von Rudi Fink und Felix Marchand zeigten Andrea Maurer und Thomas Brandstätter ihre neue Videoinstallation „flapstick“. Hier waren die Monitore nicht über-, sondern nebeneinander angeordnet, um dem Zuseher das eigene Kreieren einer diskontinuierlichen Choreographie zu ermöglichen. Ein Raster aus Stäben wird immer wieder transformiert, dekonstruiert und rekonstruiert. Vom Kapuzinerberg in Salzburg aus auf einen Parkplatz gefilmt, bekommt das kleine „Männchen“, das sich auf den Bildschirmen bewegt, den Charme einer Comicfigur. Sehr gelungen ist in dieser Installation das Vermitteln von Dauer, der Umgang mit einer ausgedehnten Zeitlichkeit. Es sind die Zeit- und Informationslücken, wie die beiden sagen, die als grammatische Gelenke der Bilder fungieren.
„The cinema functions through doubling, the
doubling of reality, of narratives, of characters, of bodies, and of image and
sound. […] It is that in between the images, the gaps, the cuts, and
connections that makes it possible for a movie to become about something else
than what is represented. It´s interesting to think about this in relation to
how form and content are connected, also in relation to theatre.“
(Mette Ingvartsen in: Cinematic Bodies, Affects and Virtuality, 2007 -
Mette Ingvartsen interviews Mette Ingvartsen: http://www.aisikl.net/mette/pieces/wwla/wwla_text.html)
In Bezug auf die Videoinstallationen fiel auf, dass sich alle Arbeiten auf Fernsehmonitoren und auf - mittels Videobeamern projizierten Bildern - abspielten. Es gab keine einzige Arbeit, die sich mit dem Internet bzw. mit neuen Kommunikationstechnologien beschäftigte (wie man angesichts des Verweises im Programmheft auf „Neue Medien“ vermuten würde). Auch die Film-Apparatur selbst kam nirgends ins Bild. Das filmische Dispositiv rückte in der Workstation „construct me“ (mit Ludwig Bekic, Yosi Wanunu, Satu Herrala, Brigitte Wilfing, Katharina Weinhuber, Florian Kmet, Philipp Kerber und Alexander Eberhard) in den Vordergrund - schon der Titel dieser Präsentation legt nahe, dass es hier um einen Konstruktionsvorgang ging.
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„construct me“ Foto: Martina Ruhsam
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Als ich in das Foyer kam, sah ich eine lebendige Szene einer Gruppe
kollaborierender Menschen:
Eine Frau hielt ihre Arme vor eine schwarze Tafel.
Im Raum: mehrere Kameras, eine
kleine Projektion und eine große Projektion
dieses Bildes, und in der Mitte Männer hinter Computern, einer davon
Handlungsanleitungen an die Frau vor dem schwarzen Hintergrund gebend.“
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„construct me“ Foto: Martina Ruhsam
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Eine Kamera nahm ein minimalistisches Set auf. Das Kamerabild wurde auf eine Holztafel projiziert, auf dem die Bildinhalte mit Papier abgeklebt und somit fragmentiert waren. Das Bild auf der Holztafel wurde wiederum abgefilmt, sodass in regelmäßigen Abständen am Computer von diesem Bild Fotos gemacht werden konnten. Aus den zahlreichen Fotos, die innerhalb des öffentlichen sechsstündigen Prozesses entstanden, wurde wieder ein Video montiert, in dem im Daumenkinostil all die Fotos in einer leicht stotternden Sequenz zu sehen waren. (Das Video wird könnte bald auf Youtube zu finden sein.)
Das Konzept der Videoerstellung - die multiple sukzessive Selektion von Bildinhalten - hatte Ludwig Bekic entwickelt. Der Dreh/das Konzert/die Installation/der Film/die Performance stach durch die Klarheit des konzeptionellen Zugangs hervor. Der Ablauf des Prozesses, nicht ein erwünschtes Endprodukt war von Ludwig Bekic vorgegeben - eine bestimmte Praxis, die verschiedenste Künstler auf verschiedenste Arten und Weisen immer wieder neu ausführen könnten. Und nicht unerwähnt bleiben darf natürlich der wunderbare elektronische Soundtrack von Superlooper, ist das fabrizierte Video doch nicht zuletzt als Videoclip zu ihrer Musik gedacht.
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„construct me“ Foto: Martina Ruhsam
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Zur Website von Crossbreeds 09
(24.1.2009)
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