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Willi Dorner: Uraufführung von "Inbetween" (1)

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DON’T LOOK BACK...

Von Judith Helmer

Lustlos ist das Leben der Menschen im computerüberwachten Stadtstaat Alphaville aus Jean-Luc Godards gleichnamigem Film von 1965. Die triste Zukunftsvision erzählt von einer gefühlsentleerten, technokratisierten Gesellschaft, in der Weinen und Lieben unter Todesstrafe gestellt sind.

Und auch der zweite Streifen, auf den sich Willi Dorner mit seinem neuen Stück „Inbetween“ im Tanzquartier Wien bezieht - Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ von 1968 - kritisiert in seiner Zukunftsvision die rationalisierte menschliche Zivilisation. Diese in einer Zeit entstandenen Dystopien, als der Computer noch nicht selbstverständlich zum alltäglichen Lebensraum der Menschen gehörte, thematisieren aus heutiger Sicht nicht zuletzt unseren größtenteils unreflektierten Umgang mit technischen Errungenschaften und dessen Auswirkungen.

Aber so weit will Willi Dorner laut seinem kurzen Statement im Programmheft zunächst gar nicht gehen. Sein Stück soll ein „ironischer Kommentar von drei Performern“ sein, der sich auf die Struktur von „Alphaville" bezieht. Sprache, auch Zitate aus dem Film, spielen dabei eine zentrale Rolle, ohne dass Dorner dem Ganzen einen narrativen Faden geben würde. „Wir befinden uns in der Zukunft", versucht Cezary Tomaszewski dem Publikum zu Beginn weiszumachen. „Wir befinden uns in einer Bürolandschaft“, hätte man eher verstanden, denn da stehen eine Videokamera, einige Mikrophone, ein Monitor und ein Schreibtisch auf der schlichten Bühne, die durchaus an die Atmosphäre der kalten Flure und leeren Gänge des tristen Alphaville erinnert.

Zu 54 Prozent Goldie Hawn 

Tomaszewski beginnt mit seinen Performer-Kollegen Satu Herrala und Anthony Missen anhand von Computerausdrucken ein Masken- und Identitätsspiel. Andy Warhol proklamierte bekanntlich, jeder könne für fünfzehn Minuten zu einem Star werden. Gleich zu Beginn von „Inbetween“ zeigen die Performer: In jedem von ihnen steckt nicht nur ein Star (und das dauerhaft), in ihnen stecken gleich mehrere, jedenfalls zu durchschnittlich zirka 48%. Per Computeranalyse testen sie ihre Gesichter auf Ähnlichkeiten mit Hollywoodgrößen und anderen Bekanntheiten, und meist liegt die Übereinstimmung zwischen 40 und beachtlichen 55 Prozent: „Ich bin zu 54 Prozent Goldie Hawn“, „laut Computer gleicht mein Gesicht zu 45 Prozent Johnny Depp“ usw. Zum Vergleich wird jeweils der Schwarzweiß-Ausdruck eines Stars neben das eigene Gesicht gehalten.

In einer Welt wie Alphaville, aus der die Emotionen verbannt oder unter Strafe gestellt sind, werden Gesichter und ihre Ausdrücke von eigenständigen Persönlichkeiten entkoppelt. So lässt sich dieses Spiel lesen, womit auch die folgenden Spiele mit den als Masken verwendeten Ausdrucken einen Sinn bekämen. Und in der digitalen Lookalike-Logelei steckt noch mehr Potential: Sie ist eine gar nicht so untaugliche Metapher für die universale Projektionsfläche „Star“, die nicht zuletzt über (meist eben nur partielle) Identifikation der Fans mit ihrem Idol funktioniert, sie lässt sich als Verweis auf die Austauschbarkeit auch der Gesichter auf den zahllosen Magazin-Titelseiten und Kinoplakaten lesen und wirft die Frage auf, was eigentlich genau diese fehlenden zirka 52% ausmacht, die uns Normalsterblichen von den Depps der Welt trennt.

Kryptische Hommage

Wahrscheinlich ging es Dorner in seiner Performance unter anderem um diese Fragen, um Identität und Individualität, um das Verhältnis von Medienangebot und Mediennutzer, um Fans und Stars, um das Konzept der Zeit und die Zukunftsbilder der Vergangenheit aus Sicht unserer Gegenwart. Man merkt, es sind nicht die kleinsten Fragen. Und es sind dies durchaus anregende Themen, über die man bei einem Glas Wein trefflich philosophieren könnte. Doch die Übersetzung in einen Bühnenabend, der mehr ist als Gerede, misslingt Dorner zu mehr als 48 Prozent. Statt Bilder, statt Bewegungen machen die Performer vor allem viele Worte und spielen nicht allzu originell mit etwas Videotechnik. Wie viel mehr dieser Abend hätte bieten können, das blitzt in gelungenen Momenten der Performance auf: etwa wenn die in weiße Plastikoveralls gekleideten Performer zu den aus „2001 - Odyssee im Weltraum“ bekannten Klängen in Slowmotion fast schwebend über die Bühne und übereinander gleiten.

Doch diese Momente sind rar, und so landet das Stück tatsächlich genau dort, wo es der Titel bereits verortet: im Dazwischen, irgendwo im Niemandsland zwischen einer kryptischen Hommage an das Kino und einer erratischen Reflexion über Film (und Theater), wo weder die filmischen noch die theatralen Mittel recht glücken wollen und am Ende vor allem viele Worte bleiben. „Don't look back“ ist der letzte Satz auf der Bühne. Wie in Kubricks 2001 hat womöglich auch bei „Inbetween“ als Einziger an Bord der 9000er Computer Kenntnis von der wahren Bestimmung des Unternehmens.

 

(9.12.2006)