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Willi Dorner: Uraufführung von "Inbetween" (2)

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VORAUSGRIFF IN EINEN RE-FLUXUS

Von Lisa & Louise Burns

Der Wiener Choreograf Willi Dorner hat sich in die Nähe von deufert+plischke gestellt, als er sein Stück „Inbetween" erarbeitete, dessen Uraufführung vor kurzem im Tanzquartier Wien zu sehen war. Diese Koinzidenz lädt dazu ein, die Arbeit „Directory: In Be Twin" des deutschen Künstlerzwillings als Referenzgestell für eine Lektüre von Dorners Werk heranzuziehen. Besser noch: zu sehen, ob einzelne Teile dieses Gestells auch bei Dorner wiederzufinden sind.

Die „Zwillinge“, mit denen der Österreicher arbeitet, sind Science-fiction-Filme aus einer Zeit, als sich in den Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg Zweifel mengten. Godards „Alphaville" entstand 1965 und Kubricks „Odyssee 2001" im bedeutungsgeladenen Jahr 1968. 1965 ist das Jahr, in dem Yvonne Rainers „NO-Manifesto" publiziert wurde, und einiges davon steckt auch in „Inbetween", der Rest läßt sich bei Mette Ingvartsens „YES-Manifesto" aus dem Jahr 2004 wiederfinden: „I'm very well, thank you, you're welcome." Den drei PerformerInnen, Cezary Tomaszewski, Anthony Missen und Satu Herrala, darf es gut gehen auf der Bühne.

Der Sprechakt als Zeitmaschine 

Man könnte sagen: wenn ironie sich in ein stück der bewunderung und leidenschaft festbeisst und dieses festbeissen plötzlich auch lust bereitet und diese lust eine wahrheit in die oberfläche kratzt, dass einem der humor wie nosferatu an die kehle springt, dann befinden wir uns in... ...between. Dorner baut die Gerüste oder Gebilde der beiden Filme nicht nach. Der Hinweis im Programm genügt. Das Großartige an dem Bühnenbild ist, daß es nach nichts aussieht und daher alles sein kann. Die Zukunft darin wird durch einen einfachen Sprechakt erreicht (Science fiction ist, dazu passend, auch immer Resultat eines Sprachspiels).

Kann jemand, der nach nichts aussieht, auch ein Star sein? Gut möglich. Vor allem, weil es im Starsystem heute darauf ankommt, auffällig und zugleich unauffällig zu sein. Sich in die ästhetischen Normen einzufügen, aber mit einer so besonderen Note, daß sich möglichst viele damit identifizieren können. Dies ist der nächste Zwilling, den „Inbetween" anspricht. Das auffällige Unauffällige und die Note der Norm - dazwischen zwängen sich Dorners Darsteller. Mit der nötigen Durchschnittlichkeit. Wieviel von Nicole Kidman hat jemand? Und wie gern das gesagt wird: du siehst ja ein bißchen aus wie... Die so angesprochene Person fühlt sich dann gestärkt.

abziehbilder brauchen eine Oberfläche 

Wozu es „in between" kommt: willkommen im arbeitsraum. hier will etwas erarbeitet werden. etwas arbeitet sich voran. die performer: sie spielen helden, sind keine helden. sie sind abziehbilder. Und sie brauchen eine unbedingte Oberfläche, denn sie beherrschen keine situation. sie sind die situation. sie sind gnadenlose fans. hier wird live-art mit dem skalpell des filmschnitts gefeiert und alle dürfen bei der obduktion der tanzenden organe/banalitäten zusehen.

Das Publikum ist in seiner Lektüre irritiert, denn das offensichtliche erzeugt ein grauen. das schmerzt. das auge will sich abwenden. oberfläche auf oberfläche zu oberfläche der oberfläche. das auge sieht zu sich, zu dem dort sich Abspielenden und dem Witz, den dieses zurückwirft. Es ist ein spiel der schichten. ein spiel mit der verzweiflung an der oberfläche. ein spiel der grimassen. ein spiel der klischees. und siehe: wie auch bei abgespielten schallplatten wird daraus ein anderes dokument einer leidenschaft. ein dokument des gebrauchs eines mediums. der handhabung eines modells, der blaupause der gefühle. einer vergeblichen handhabung. und aus diesem scheitern strömt ein betörender duft. berauschend.

Gesichtslos hinter dem Gesicht 

Darzustellende Schwächen in einer Performance als solche wiederzugeben, und nicht in der Absicherung durch ein rückversicherndes, kräftiges Gestell, das die Erzählung moderiert, ist immer noch (und gerade wieder) ein Skandalon. Eine drittklassige Schauspielerin öffnet eine Bibel, heißt es in dem Stück, während Starportraits auf eine Wäscheleine gehängt werden. Die Schauspielerin: „Looking at the bible is like looking at a dictionary." Verzerrtes Antlitz. „Anthony, could you come here?" Er kommt. Sie gibt ihm Anweisungen, gehorsam verzieht er sein Gesicht. Denn es ist eine Show, und im Fernsehen muß man mitmachen, um nicht als schwach zu gelten. wie im richtigen leben, das ein film ist.

  alphaville

Godard und Kubrick stehen auf der Bühne und machen Gesichter, so scheint es. Schon wieder zwischen einem Zwilling: dem Gesichtverlieren und dem Gesichtbewahren. Wer schafft es, aus der Gesichtslosigkeit herauszukommen, wenn einem ein Gesicht fabriziert, wenn einem ein Gesicht angepaßt wird? Willi Dorner verwandelt die Dystopie des Science fiction im Film in eine Utopie auf der Bühne: „I'm very well, thank you, you're welcome."

Dichter Text mit dünner Stimme 

Ein Choreograf vertraut seinem Publikum. Ein weiterer Zwilling: Publikum und Performer. Das Vertrauen ist gnadenlos. Die Gesichter der Darsteller hinter den Gesichtern der Stars: Ersatz. Die Live-Gesichter mit Hintergrund. Der Hintergrund vor den Gesichtern der Darsteller, diese löschend: Absatz. Gesichter, die sich absetzen, die keine großen Absätze versprechen, die keine Bleistift-Absätze tragen. Absatz.

Weiter im Text. Mit dünner Stimme dichten Text wiedergeben: natasha von braun tells lemmy caution that she loves him, but pronounces it as a child speaks its first words. (aus dem original treatment zu alphaville von jean-luc godard)

Bei „Inbetween" wird nicht nur das Zitable zitiert, das ist keine Performance, die eine tolle Performance haben will. Diese Zitatmaschine ist defekt, ihr entschlüpft Geplapper, das Davor und Danach einer Geste, eines Bildes. Dorner arbeitet an einem Schneidetisch wie ein tapferes Schneiderlein. Und mit einem Streich klatscht er die konsequente Show auf, die propere Dramaturgie, die Moral der an Lesebrillen angepaßten Gleichungen, die beruhigenden Logiken des Konzeptualismus, die Zwänge zu bestimmten Charismatiken, jegliche sich nach vorne stellende Cleverness und den Ernst der Lage. Alle sieben.

Kirche aus dem Dorf 

So bleibt er ein verläßlicher Partner. Und er wird zum Helden, der durch die Mauern der 90er und der 80er und der 70er bricht und - im Morgen landet. Was der Choreograf und seine Kollaborateure damit schaffen, ist ein Vorausgriff in einen Re-Fluxus, der auch sauer aufstoßen kann, weil er sich seinen Dekodenten als zerstreuter und nicht als fokussierender Text präsentiert. Und gerade dadurch sitzt „Inbetween" zwischen den vielen Stühlen, die das Bisher der zeitgenössischen Choreografie bereitstellt. Wie kann das passieren? Weil man mittlerweile klammheimlich einige der Sessel weggeräumt hat. Willi Dorner holt das unterschlagene Mobiliar hervor und stellt die Kirche wieder aus dem Dorf. Das ist sehr mutig und bestens gelungen.

 

(20.12.2006)