Willkommen im Dschungel

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MORAVIA NARANJO UND ANNA MACRAE ALS "VOICES OF THE SKIN" IM TANZQUARTIER WIEN

Von Elisabeth Hirner



Zwei Frauen posieren in pastelligen Bundfaltenhosen und Blusen mit Bubikragen vor weißem Hintergrund und lassen ihre Muskeln spielen. Eine männliche Stimme aus dem Verstärker sagt: „Side trizeps.“ Sie gehört einem Schlagzeuger, der an der gegenüberliegenden Wand hinter seinen Drums sitzt und den Rhythmus vorgibt. Positionswechsel, und wir ZuseherInnen dürfen den seitlichen Trizeps bewundern.

Gemeinsam mit der Diving Home Band (Kris Jefferson, Peter Panayi und Ric Toldon) gaben die beiden Choreografinnen und Tänzerinnen – die aus Venezuela stammende Moravia Naranjo und die neuseeländische und ebenfalls in Wien arbeitende Anna MacRae – ein getanztes Konzert: Voices of the skin. Über die gesamte Dauer des Abends hinweg entspann sich ein einziges Lied aus körperlichen und musikalischen Elementen. Die Musiker und die Tänzerinnen versuchten sich an unterschiedlichen Konstellationen von Körper und Klang: trällerten, flüsterten und schrien, improvisierten und akzentuierten, reagierten und standen still.

Gefühle der Fremdheit und der Kampf um Anerkennung sind ihre Themen. Ist es die Geschichte der Unterdrückten des Systems, die erzählt wird? „I am not allowed to vote“, singt Moravia Naranjo mit ihrer ausdrucksstarken Stimme, während sich Anna MacRae auf ihren Schultern drapiert. In Sequenzen ohne Musik erforschen Naranjo und MacRae künstliche Bewegungsformen: Extremitäten und Köpfe ziehen wie von Gewichten beschwert in verschiedene Raumrichtungen, angespannte Körperteile verhindern geschmeidige Bewegungen, Balanceakte auf verkrümmten Zehen.

Aufgekratztes Umherhüpfen

Diese Szenen wechseln mit an Popsongästhetik erinnernden Momenten, in denen beide Tänzerinnen synchron simpelste Schrittvarianten ausführen oder aufgekratzt herumhüpfen und sich gegenseitig naive Fragen stellen. „Can you take the sun from the sky?“ Dazu werden am Bass die immer gleichen vier Akkorde gespielt. Zum Finale des kurzweiligen Stücks lassen die KünstlerInnen nochmals ihre Muskeln spielen und produzieren gemeinsam mitreißende Rhythmen: „Welcome to the Jungle!“ – Im Dschungel ist alles erlaubt.

Das Verhältnis vom Tanz und Musik hat sich historisch mehrmals gewandelt. Mindestens seit Merce Cunninghams Stücken, in denen Musik und Choreografie gleichberechtigte Elemente der Aufführung sind, müssen sich Bewegungen nicht mehr auf Notenwerte beziehen oder umgekehrt. Tanzstücke, die ohne Musik auskommen, lösen längst kein Befremden mehr aus. Seit einigen Jahren holen ChoreografInnen vermehrt die Dimension des Musizierens zurück auf die Bühne. In Österreich haben unter anderen Magda Chowaniec oder Paul Wenninger Bands gegründet, die im Theater auftreten, und das junge The Loose Collective hat ein Musical kreiert. Dass Musik überhaupt erst durch Bewegung entstehen kann, thematisieren beispielsweise die Performances von Tarek Atoui oder Xavier Le Roys Recherchen zur „klassischen“ Musik.

Moravia Naranjo und Anna MacRae suchen nach eigenen Antworten, um die Materialität der Instrumente und Körper offenbar werden zu lassen. Dabei entschwinden jedoch viele offene Fragen im Dickicht der Melodien.

 

(20.5.2011)