initiiert und installiert von Thomas Ballhausen & Jack Hauser
Thomas Ballhausen
Dramentheorie. Zehn Angebote
(Anstelle einer Vorbemerkung)
„Während einer tanzt, schauen die anderen zu. Jeder tanzt allein. Die Zuschauer zischen, um die bösen Geister fernzuhalten. Wenn der Tänzer fertig ist, dürfen sie auf seine Gesundheit anstoßen; sie applaudieren nicht, denn es ist keine Darbietung.“
Aus: Susan Sontag: Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963.
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(1)
Das zufällig gelesene Fragment stellt die Situation auf den Kopf. Linearität, so war unlängst zu hören, wäre ja ohnehin heillos überschätzt. Freundlicher als die Zeile ‚Du hättest wenigstens anrufen können’ wird es nicht mehr werden. Im Wechselschritt geht es verletzend voran, der kaum sichtbare Beobachter begleitet das schändliche Geschehen wie ein mechanischer Chronist. |
(2)
Die Gesichter der anderen Gäste erscheinen bedrohlich vertraut. Jeden Moment kann man enttarnt werden, die nächste Katastrophe ist nur eine weitere Zufälligkeit entfernt. Versuche der Maskierung tragen noch zur weiteren Verfremdung der Gesamtsituation bei. Jede dieser Unternehmungen ist von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Unerkannt bleibt – es mutet ein wenig paradox an – über längere Zeiträume vielleicht aber doch nur derjenige, der sich nicht vorsätzlich verändert. |
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(3)
Wie Leihgaben wechseln die Körper für kurze Zeit die Besitzer. Bald schon aber hat man sich satt, wer will denn schon jemand anderen nötig haben. Die Notwendigkeit des Verlusts wird jeden Tag neu verhandelt. Wir sind Politiker und Piraten, kaum haben wir das Bett verlassen. |
(4)
Die Feuer in der Tiefe sind längst erloschen. Nur in den langweiligsten Zusammenstellungen, den unbeantworteten Briefen und den vergessenen Einladungen wird noch darauf Bezug genommen. Alljährlich werden an der Oberfläche Menschen angezündet, zum Gedenken an den alten Schrecken und seine Rhythmen.
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(5)
Unruhig wird zwischen den Orten gewechselt. Als ob es sich auf der Straße leichter schreiben und im Park leichter leben ließe. Der vorsichtige Blick zur Seite ist verräterisch. Lieber soll ein weiteres Unrecht begangen, als auf jeden Anflug von Ordnung verzichtet werden. Wer nicht mehr fliegen kann, kann sich auch in keiner Laterne, sei sie auch noch so geräumig, einrichten. |
(6)
Die Unsicherheit und die Gerüchte stiften leise Verwirrung, kaum fühlbaren Aufruhr unter den zitternden Oberflächen. Im Neigen des Kopfes, im Falten der Hände versteckt sich das Entschlüsselbare. Für Momente der Entspannung kann die Außenwelt vergessen werden. Heimisch kann hier aber trotzdem niemand werden. Der Status des Gasts lässt sich nicht abwaschen, vor dem Spiegel nicht wegbürsten. |
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(7)
Die Musik ist zu langsam, aber wir versuchen trotzdem zu tanzen. Der schleppende Schritt einer billig und banal scheinenden Romantik will uns einfach nicht gelingen. Für einfache Folgen und Figuren sind wir, so die uns in trügerische Sicherheit wiegende Halbwahrheit, nicht gemacht. Wir halten uns. Für immer ist eine ziemlich lange Zeit. |
(8)
Nachrichten wechseln zwischen den wie eigenständig agierenden Geräten hin und her. Phrasen werden abgespult, das Vielgesagte wiederholt. Die unbeabsichtigte Berührung einiger Tasten kann Existenzen löschen, Kriege auslösen oder Liebe stiften. Ein Zauberspruch ist also mitunter doch wie eine Telefonnummer, die man auswendig – by heart – weiß. Im hintersten Winkel des Verstecks gibt es angeblich keinen Empfang. Hier scharen sich die Verräter, die Flüchtenden und die Scheuen, die sich verführen lassen möchten. |
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(9)
Wir treffen uns vor verschlossenen Türen. Es muss kein Wort gesprochen werden, hier gibt es keine schon vor längerer Zeit vorgefertigten Sätze, die pflichtgemäß zu wechseln wären. Ein Nicken, ein filmreifer Blick und das Ansetzen zu einer Bewegung. Das reicht, mehr braucht es nicht, das ist das Signal. |
(10)
Die Botschaft ist ebenso eindeutig wie unhöflich: ‚WERDE ENDLICH ERWACHSEN’ steht da in Versalien auf dem matt leuchtenden Display. An wen sich die Aufforderung richtet, ist unbestimmt. Wenn die Aufgabe erledigt ist, werden wir lange nicht wissen, wohin wir uns wenden sollen. |
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