Wir bauen eine Laterne III

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initiiert und installiert von Jack Hauser & Thomas Ballhausen.
Thomas Ballhausen

Verborgenes. Zehn Untersuchungen


(Anstelle einer Vorbemerkung)
„Doch nun bin ich am Mysterium des Spiegels interessiert. Ich suche nach einer Möglichkeit, ihn zu malen oder mit Hilfe eines Wortes über ihn zu sprechen. Doch was ist ein Spiegel? Das Wort Spiegel gibt es nicht, es gibt nur Spiegel, denn ein einziger ist eine Unendlichkeit von Spiegeln. Ob es irgendwo auf der Welt eine Grube voller Spiegel gibt?“
Aus: Clarice Lispector: Aqua viva
Spiegel
Box13 (1)

Ich lege die Landkarte, die auf den Schreibtisch ausgebreitet war, zusammen, versuche einigermaßen vergeblich die ursprünglichen Faltungen einzuhalten. Die Momente des Aufbruchs bei der Abreise war wie immer hektisch und von Zeitknappheit bestimmt. Diesmal war es gar ein fünffingriger Würgegriff, der mir alles erschwerte. Einatmen, ausatmen, nichts vergessen, einatmen, ausatmen, alles vergessen. Es muss sich endlich etwas ändern, ich sterbe sonst tatsächlich.
(2)

Die Hand an das grobe Mauerwerk gepresst, fühle ich den Puls der Stadt, die unter dem Mauerwerk verlaufenden Leitungen. Etwas schläft unter dieser langsam abbröckelnden Haut. Sie hat längst verstanden, was für einen Wert das hat, aber sie will ihre Wahrheiten nicht mit mir teilen. Sie zieht es vielmehr vor, mich in den unmöglichsten Momenten mit den immer gleichen – und irgendwie auch immer gleich berechtigt klingenden – Vorwürfen zu konfrontieren. Die Mauer ist so kühl wie mein Gemüt. Da ist eine Stimme, die im Verputz der Dinge steckt, doch noch hat sich ihre Frequenz mir nicht erschlossen. Vielleicht wird hier ja auch von einer Wahrheit gesprochen, für die ich mich taub stellen muss.
Box18
Box19 (3)

Das bedrohlich anmutende Geräusch, das zu hören ist, wenn man eine lange getragene Maske anzieht. Ein unfreundliches Schmatzen, Puder rieselt auf meine Schultern. Mein Gesicht ist gerötet. Für einen Moment fürchte ich, dass sich Teile meiner Haut ebenfalls abgelöst haben und die nächste, darunter liegende Maskierung zu sehen ist. Das Wunder der Fälschung liegt nicht so sehr im Vermeiden der Verluste begründet, sondern im Aufbieten unvermuteter Reserven.
(4)

Sie zündelt gerne, sie ist eine Pyromanin. Ihre Begeisterung dafür, auch mich in Brand zu stecken, mich bis zum Grund ausbrennen zu lassen, wird nur von dem sonderbaren Wunsch überflügelt, das All abzufackeln. Die Häuser, an denen sie sich zu schaffen gemacht hat, beginnen sie bereits zu langweilen. Lieber möchte sie den Sternen beim Verlöschen  und Verglühen zusehen, nur um es beobachtet zu haben, nur um dabei gewesen zu sein, in diesem Moment, als die Finsternis begann. Sie möchte das All in Brand stecken, nicht zuletzt auch, um schließlich mit den Gesten einer selbstbewussten Siegerin verkünden zu können, dass sie, ganz wie sie es immer angenommen hatte, Recht behalten hatte. Es sei immer schon alles so gewesen, wie sie es von Beginn an vermutet hatte. Bei all dem, diesen bitteren Verkündigungen, wirkt sie nicht wirklich bösartig, bloß etwas unbeholfen. Alle ihre Freunde lieben sie, eben weil sie immer unter Verdacht steht und man ihr aber doch nie etwas hatte nachweisen können. Jeder von ihnen wird immer wieder versuchen, sie zu küssen, sich von ihr verführen zu lassen.
Box1
Box11 (5)

Was wollen wir in dieser Stadt, in der immer früher Abend ist? Das stumpfe Licht fällt auf die Bilder an der Wand, die, wie selbst eine flüchtige Überprüfung ergeben muss, keine Originale sind. Sie wurden, so legt es die Staubschicht auf der Oberseite der Rahmen nahe, schon vor längerer Zeit ausgetauscht. Selbst hier finden wir also nur gefälschte Bilder, Reproduktionen, die aus billig hergestellten Katalogen herausgelöst wurden.
(6)

Eine noch nicht fertig ausformulierte Antwort auf die Frage, welchen Eindruck ihr furchtbares Verhalten langfristig auf mich haben wird, tritt hinter die Notwendigkeit zurück, eine Antwort auf die Frage danach zu finden, ob ich all das nicht auch tatsächlich verdient habe. Was ist eigentlich mit Dir los? Sie verlangt mit einer gewissen Berechtigung nach einer Auskunft, die ich ihr weniger geben kann denn geben will. Man muss sich mit der Rolle des Gespenstes erst abfinden, bevor man sich mit ihr anfreunden kann.
Box10
Box9 (7)

Der Spiegel ist ganz still, seit Du weg bist. Keine Prophezeiungen, keine Nachrichten, nichts außer die unerfreuliche Verdoppelung meiner entgleisten Züge, meiner hilflos anmutenden Gesten. Ganz wie es meiner jetzigen Natur entspricht, wirke ich blass, durchscheinend.
(8)

Ich halte die gemachten Notizen ins Licht, doch die Schrift wird nicht deutlicher, keine heimlich angebrachten Zeichen werden sichtbar. Was da steht macht keinen Sinn, aber es verlangt doch nach einer Erwiderung, einem nächsten Spielzug.
Box3
Box14 (9)

Schließlich flechte ich in den mühsam abgepausten Klassiker kleine Wortbrocken, Fragmente einer Fremdsprache, die uns zumindest in Teilen geläufig ist. Farben, Nummern und Satzzeichen fügen sich, schreibend wie auch lesend, nach und nach zu einer Andeutung von Risikobereitschaft, einem Signal, das ich deutlicher nicht mehr setzen kann.
(10)

Die Leitung ist tot. Man muss dieses Spiel also tatsächlich stundenlang spielen, bevor man die eigene Rolle – geschweige denn die Rollen der anderen Mitspieler – verstanden hat. Ich schlüpfe in das vorbereitete Kostüm, die Täuschung muss schließlich plangemäß weiterlaufen. Heute machen wir wieder Schlagzeilen, nicht zuletzt, damit wir etwas gemeinsam haben.
Box25

Hier sind die weiteren: Wir bauen eine Laterne I

                                       Wir bauen eine Laterne II