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Wir bauen eine Laterne IV |
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initiiert und installiert von Jack Hauser & Thomas Ballhausen.
Thomas Ballhausen
Alles was mit Büchern zu tun hat, ist magisch. Zehn Spuren
(Anstelle einer Vorbemerkung) „Dying was an important business two hundred years ago, as it must always be in a civilised society.“ Aus: Richard Cobb: Death in Paris |
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(1)
Dies ist der Ort des Austauschs, zwischen diesen langen Regalreihen hinterlassen wir unsere Nachrichten, kleine Botschaften, die nicht immer gleich ans Ziel gelangen. Prüfend wirft der Beamte einen weiteren Blick auf meinen gefälschten Ausweis. Er kann sich, ganz im Gegensatz zu mir, nicht an meinen letzten Besuch erinnern, ich komme ihm nicht so bekannt vor, wie ich es befürchtet habe. Immer wieder vergisst er auch die von mir angegebenen Namen, eigentlich ein segensreicher Umstand. |
(2)
Wir haben uns schon vor längerer Zeit auf ein Buch zur Übermittlung der verschlüsselten Botschaften geeinigt. Der gelbe Umschlag, das Papier und sein Geruch anderer Jahrhundertwenden, verheißt mit spitzer Feder ausgeführte, lockende Obszönitäten. Das Blättern in dem Band lässt mich zumindest für wenige, flüchtige Momente wieder die Neugier und die Aufregung vergangener Zeiten spüren. Die Erinnerungen an vermeintliche Kinderspiele, papierne Hilfsmittel und die Erziehung zum Lügen blitzen kurz auf. Ich lernte, die Lüge zu lieben, sie zu zelebrieren. |
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(3)
Die statt ihrer Zeilen in dem Buch vorgefundenen Fotos behalte ich aus persönlichem Interesse. Dies hat rein gar nichts mit meiner Profession zu tun. Beide Aufnahmen richten sich, obwohl ich es vorerst nicht wahrhaben wollte, direkt an mich. Eines zeigt eine junge Frau, die ich Jahre, nachdem diese Aufnahme gemacht worden war, kennen lernte, eine junge Frau, deren heimlicher Geliebter ich eine zu kurze Zeit lang war. Die andere Aufnahme zeigt dem Betrachter den Blick aus dem Schlafzimmer der Frau auf das gegenüberliegende Gebäude. Erst dieser zweite Beleg entschlüsselte mir den ersten, machte mir klar, woher ich dieses junge, noch ganz mädchenhafte Gesicht kannte. Ich kenne diese Aussicht, ich kann mich erinnern, wo dieses Haus stand. Ich kenne diese Lippen, nein, ich kannte sie zumindest ein wenig. Beide Aufnahmen sind, so wie es für diese Art von belichteten Sofortunikaten früher üblich war, blau getönt. |
(4)
Ich kann nur Vermutungen darüber anstellen, wer die Fotografien aufgenommen hat. Ich kann Leute verdächtigen, die ich aus Schilderungen kenne. Ob es noch weitere dieser Belege gibt, ob es überhaupt Botschaften sind, die sich vorsätzlich an jemanden richten? Vielleicht täuscht mich mein Wunsch nach Interpretation über die Tatsachen hinweg, wieder einmal. Der Zufall ist mir diesmal wertvoller als ein möglicher Sinn, der sich durch die Entschlüsselung ergeben könnte. Da ist immer noch eine Schwäche für die Abgebildete spürbar, eine Schwäche, die ich mir nicht eingestehen wollte. |
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(5)
Der präsentierte Körper wird von der spitzen Wäsche zurechtgepresst, in Form gebracht. Das nur zu verständliche Begehren lässt uns Körperteile verwechseln, es trübt uns den Blick auf wesentliche Details. Nachdenklich streiche ich über das glatte Papier, schiebe die beiden Aufnahmen auf dem Lesetisch vor mir hin und her. Nachschlagewerke liegen herum, ihre Definitionen verschaffen mir heute keine Ruhe, keine Sicherheit. |
(6)
Eine Zeitlang lebten wir, wie in diesem französischen Gedicht, dessen genauer Wortlaut mir nicht mehr einfallen will, von Liebe und kaltem Wasser. Wir beschlossen so schrecklich zu kämpfen, wie es uns nur möglich war. |
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(7)
Ist das eine Stellvertretung fremder Götter, die da wirkt? Der Blick aus dem Fenster, nur kurz von der Lektüre aufblickend, legt es nahe. Wir erleben wieder ein letztes Aufbäumen, einen weiteren finalen Gewaltakt. Die Lichter ringsum sind Blitzschläge des Gedächtnisses, in die die vermeintlich letzten Kräfte fließen. Der dichte, fast schon gewaltvoll anmutende Regen kann die allgemeine Stimmung nicht von der Stadt waschen, sie nur kurz betäuben. Wir dürfen eine Werbepause erleben, eine fast schon unerhebliche Unterbrechung, gleich schon geht es weiter. |
(8)
In einer anderen Wirklichkeit bin ich wahrscheinlich eine viel verträglichere, umgänglichere Person. Hier aber müssen wir Geheimnisse erfinden, um etwas zu haben, das nur uns gehört und verbindet. Generationen gelangweilter Zuschauer würden sich sonst zu schnell abwenden, nur unter ihren neugierigen Blicken scheinen wir wirklich und tatsächlich zu existieren. Es wird einem offensichtlich immer noch zu leicht gemacht, sich nicht für die Welt zu interessieren. Was wir übereinander wissen, verbindet uns. |
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(9)
Die Brücke, zu der mich die Spur führt, erweist sich als ungesicherter Übergang zwischen den Zonen. Die Leute tragen Schutzmasken. Ist das ein Trend oder eine Vorsichtsmaßnahme, ich vermag es nicht zu sagen. Ich krame kurz in meiner Tasche und hole die aufgrund ihres Alters fast schon antik wirkende Gasmaske hervor, die ich seit den letzten Attacken immer mit mir herumtrage. Sie sitzt schlecht, ich muss kurz stehen bleiben und die Bänder, die sie auf meinem Kopf fixieren, nachziehen. Ungenügend geschützt, aber unkenntlicher als zuvor, setze ich meinen Weg fort, als wüsste ich, wohin ich unterwegs bin. Hier kann ich nicht bleiben. Hier nicht, hier auch nicht. |
(10)
Ich möchte lernen, die Katastrophe wie einen alten Freund zu umarmen, so heftig und ehrlich, wie nur wenige vor mir. Ich könnte mich mit ihr anfreunden lernen, da bin ich mir ganz sicher. Diesmal wird alles anders sein. Wir sind am Zug. |
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(21.01.2011) gewidmet Blaise Cendrars (01. 09.1887 - 21.01.1961)
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