CORPUS Suche


Wissen und Spaß

Drucken

STUDENTEN DES FORTBILDUNGSPROGRAMMS "EX.E.R.CE" ZU GAST BEI TANZ IM AUGUST 2007

Von Pirkko Husemann


Unter dem Dach ihres choreographischen Zentrums im südfranzösischen Montpellier betreibt die Choreographin Mathilde Monnier unter anderem ein Fortbildungsprogramm, das ausgebildete Tänzer und Choreographen auf eine professionelle Karriere, aber auch auf Ausflüge in andere Kunstsparten vorbereiten soll. Der jeweils auf sieben Monate angelegte Lehr- und Forschungsplan von ex.e.r.ce fällt jedes Jahr unterschiedlich aus und wird von herausragenden Künstlerpersönlichkeiten zusammengestellt. Für die Saison 2007/08 war Xavier Le Roy eingeladen, den Teilnehmern seine kritische Haltung zum professionellen Tanzmarkt sowie seine choreographischen Arbeitsmethoden näher zu bringen.

Nach einem Austausch mit Tanzstudenten von P.A.R.T.S. (den Performing Arts Research and Training Studios der Choreographin Anne Teresa de Keersmaker in Brüssel) und einem Aufenthalt bei PAF (dem Performing Arts Forum des Theaterregisseurs Jan Ritsema in St. Erme bei Reims), erhielten die Teilnehmer von ex.e.r.ce eine Einladung nach Berlin zum Festival Tanz im August. Im HAU 3, der kleinsten der drei Spielstätten des Hebbel am Ufer, hatten die jungen Choreographen reichlich Raum und Zeit, die im Rahmen ihrer Fortbildung erarbeiteten Arbeits- und Lernprozesse auf dem internationalen Parkett sowie vor den Augen des Berliner Publikums auszuprobieren. Unter dem Motto „Knowledge and Fun“ (K.A.F.) stellten sie sich gemeinsam mit Studenten des Bachelor-Studiengangs vom Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz, Berlin, ihr eigenes, zwölftägiges Programm zusammen.

Unleugbar groß und wichtig 

Die vom 20. bis 31. August täglich von 16 bis 19 Uhr organisierten Aktivitäten reichten von Gesprächsrunden und Workshops mit geladenen Gästen über Tanz-Karaoke und zwei Show-Marathons mit zehnminütigen Stücken. Ausgangspunkt waren die Möglichkeitsbedingungen der künstlerischen Kreation und Produktion, was in der Frage „What makes me show what I show?" auf den Punkt gebracht  und in einem Weblog dokumentiert wurde. Da ein wichtiger Faktor der Tanzproduktion die Positionierung im Feld der Veranstalter und Produzenten ist, luden die etwa 20 Ausrichter von K.A.F. fünf Festival-Kuratoren (Bettina Masuch von Tanz im August und Context, Wagner Carvalho von brasilianischen Festival Move Berlim, Barbara Friedrich als Initiatorin der Berliner Tanztage und Catarina Saraiva von Alcantara in Lissabon) dazu ein, über ihre Arbeit, ihre Programme und deren Konsequenzen für die Kunst zu debattieren.

Auf die an die fünf Gäste gerichtete Frage, was ihre Kriterien für die Auswahl von Gastspielen seien, antworteten die Befragten abhängig vom Profil ihres Festivals unterschiedlich. Schaut man sich das Programm von Tanz im August an, so lässt sich die Bedeutung von „großen Namen“ und „wichtigen Tendenzen“ im Tanz nicht leugnen. Der „choreographische Nachwuchs“ kommt hingegen eher kurz. Dafür gibt es in Berlin die chronisch unterfinanzierte Produktions-Plattform der Tanztage, die kürzlich von Peter Pleyer übernommen wurde. „Neue Ausdrucksformen“ in Tanz und Theater prägen das Programm des aus dem Festival Danças Na Cidade hervorgegangenen biennalen Alcantara-Festivals. Und das erst im Jahr 2003 initiierte brasilianische Move Berlim stellt insofern einen Sonderfall dar, als es sich auf politische und soziale Themen sowie auf ethnische und regionale Unterschiede innerhalb der hybriden brasilianischen Tanzszene spezialisiert hat.

Einfluss der Kuratoren 

Trotz dieser Unterschiede sind sich die Kuratoren darüber im Klaren, dass sie gegenüber den von ihnen eingeladenen Künstler eine Machtposition inne haben. Auf die Frage, inwiefern sie bewusst oder unbewusst auf laufende Arbeitsprozesse Einfluss nehmen, wurde mit offenen Karten gespielt: natürlich wird keine Produktion durch die offensichtliche Intervention eines Festivalleiters modifiziert. Dennoch ist wahrscheinlich, dass deren Feedback - und sei es auch noch so uneigennützig - Eingang in die künstlerische Selbstevaluation findet. Schließlich wäre ein Choreograph ja schön blöd, bei einem Probenbesuch eines bedeutenden Kurators dessen Rückmeldung völlig zu ignorieren. Gleichzeitig haben die Kuratoren ein gutes Gespür dafür, welche Arbeiten von karriereorientierten Künstlern direkt für den Markt produziert werden und welche im Gegensatz dazu aus einer Notwendigkeit und als Resultat einer konsequenten Arbeitsweise entstehen, ohne sich um Erfolgschancen zu scheren.

Dass und inwiefern solche Gespräche Auswirkungen auf die alltägliche Arbeit im K.A.F.-Forum hatten, zeigte sich dann beim Show-Marathon. Bei der Auswahl der präsentierten zehnminütigen Ausschnitte, wurde weder nach „großen Namen“ noch nach „wichtigen Tendenzen“ geguckt. Statt dessen fand überhaupt keine Vorauswahl statt. Jeder, der wollte, konnte mitmachen. Einzige Auflage war, dass die Präsentationen ohne aufwändige Technik auskommen mussten. Die Bandbreite der gezeigten Stücke war entsprechend vielfältig und ihre Qualität äußerst unterschiedlich: Der Neu-Berliner Shooting-Star Jeremy Wade führte 15 Kandidaten vor, die bei seiner Audition für das nächste Stück übrig geblieben waren. Die junge Tänzerin May Zarhy fragte in einem Monolog, ob es möglich sei, nur in Fragen zu sprechen, wobei sie ganz unübersehbar alle derzeit aktuellen theoretischen Diskurse über Differenz, Sichtbarkeit und Widerstand verarbeitete.

Perfektionierte Selbstorganisation 

Weniger textlastig fielen dagegen die Solos von jungen Tänzerinnen wie Eileen Szabo oder Priscilla Park sowie die Gruppenstücke von Chris Staloch & Simone Grindel und eine sportliche Bewegungsstudie von Silke Wiegand aus. Besonders erfrischend war dann der Auftritt von Nele Suisalu und Florent Hamon, dem man die Handschrift ihres Studienleiters Xavier Le Roy ansehen konnte. Sie machten sich eine Anekdote von Bettina Masuch über das Stück einer australischen Tanzkompanie zu eigen, indem sie das Publikum um Bewegungsmaterial baten und dieses auf humorvolle Weise in der Improvisation kombinierten und transformierten. Da die Präsentationen unterschiedlich weit ausgereift waren, wurde im Anschluss an den Marathon eine Feedback-Runde abgehalten, in der sich die Beteiligten untereinander über Hintergründe und Kontext der jeweiligen Fragmente austauschen konnten.

Diese und andere im K.A.F.-Forum realisierten Ideen zeigten, dass die ex.e.r.ce-Studenten die Selbstorganisation ihres Workshops-Programms perfektioniert hatten. Wo man einen verqualmten Aufenthaltsraum voll schmutziger Kaffeetassen erwartet hatte, wurden mit großem Engagement Fragen gestellt und Aufgaben entwickelt. Fast scheint es, als ob die ununterbrochene Produktivität hier zum Selbstzweck geworden war. Aber es wäre auch schade gewesen, wenn die Studenten sich Kurzauftritte in einem Stück von Yvonne Rainer oder Workshops mit Sarah Michelson hätten entgehen lassen. So wurde aus der fröhlichen Wissensproduktion eine Erschöpfung derselben. Welche Auswirkungen dies auf die zukünftige Entwicklung der beteiligten Tänzer und Choreographen sowie auf Le Roys Fortbildungsprogramm haben wird, sei vorerst dahin gestellt.

(2.9.2007)