Xavier Le Roy auf der Vase

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SAŠA ASENTIĆ: "MY PRIVATE BIOPOLITICS"

Von Irmela Kästner


Was will man noch erzählen, wenn alles schon gesagt scheint, man aber trotzdem mitreden möchte? Der junge Bosnier Saša Asentić hat sich den westlichen Kunstbetrieb genau angeschaut und hält ihm nun den Spiegel vor. Aus der Perspektive des europäischen Ostens, die zu der Zeit, als sich im Westen die heute dominierenden Netzwerke von zeitgenössischem Tanz und Performance erstmals formierten, eben noch nicht so sehr bekannt war. Doch der 30jährige Asentić genießt den Vorteil des Spätgeborenen, und er ist überhaupt ein Tausendsassa, der auf Tanzbühnen ebenso zuhause ist wie im Straßentheater und darüber hinaus als Kurator wirkt.

Ausgefuchste Zitate 

Dem entsprechend jongliert er mit Vorurteilen und Geschmacksdiktaten, mit Denk- und Bewegungsmustern. Mit Witz und Ironie, ein bisschen naiv, was ihn sympathisch, aber keineswegs harmlos macht. Sein Stück „My Private Biopolitics“ in Österreich zu sehen, diesem Brückenland zwischen Ost- und Westeuropa, und dann noch im Programm der sommerszene Salzburg, einem Festival, das eine lange und geradlinige Geschichte mit einer ausgesprochen westlichen Avantgarde der Performing Arts verbindet, veranlasst ein wenig zum Schmunzeln. Die Konzeptualisten im Tanz, wie Xavier Le Roy und Jérôme Bel, haben es dem Choreografen aus Belgrad besonders angetan. Doch die sind bei der diesjährigen sommerszene ja nun gar nicht gefragt. Tanz und Bewegung bestimmen diesmal den Kurs. Da vermutet man ein ganz ausgefuchstes kuratorisches Kalkül.

Denn Xavier Le Roys nahezu ikonenhafte Kopfüber-Pose aus „self unfinished“ in ausgeschnittener Schablone als Vasenfigur aufgeklebt zu sehen, ist schon erfrischend frech. Stets kommentiert und karikiert Asentić seine Handlungen. Er zitiert die Choreografen aus dem Westen und die Theoretiker wie Bojana Kunst und Bojana Cvejić aus dem Osten. Dann erzählt er, wie er selbst zum Tanzen kam. Gerade hat man begonnen, sich den 15Jährigen im Spagat, den er heute nicht mehr beherrscht, vorzustellen, da schüttelt er sich einmal kurz und gibt zu, gerade einen Jérôme Bel kopiert zu haben. Das Wechselbad aus Erwartung und Ernüchterung gehört zu seiner Strategie. Dann wieder redet er sehr viel, kommentiert den Kommentar auf den Kommentar, die Reflexion der Reflexion. Das nervt.

Östlich ist östlich 

Zum Glück ist er kein bisschen einfältig wie einige seiner Kollegen, auf die er sich hier bezieht, und die, ehrlich gesagt, trotz intellektueller Brillanz mitunter noch mehr nerven. Vor allem kann er sich bewegen, wunderschön, originell, urkomisch. Und er beherrscht obendrein den Entertainer, wenn er den schnulzigen Schlagersänger mimt. Mit ein paar Gesten skizziert er „Sacre du printemps“, tanzt seinen Nijinsky, Inbegriff einer Projektionsfläche, auf der sich Orient und Okzident, Klassik und Moderne, Tradition und Avantgarde virtuos und jenseits jeglichen Geschmackdünkels vereinen. Damit ist eigentlich alles gesagt. 

Auch wenn er es selbst daran zweifelt, seine Biographie kommt ihm durchaus zu Gute. Einen westlichen Choreografen hätten die Tanzproduzenten mit einem solchen Stück wahrscheinlich in die Wüste geschickt. Saša Asentić dagegen machen sie sich wohlweislich zum Komplizen. Darauf zählt er. Und punktet am Ende mit der entscheidenden Pointe: „Westliche Kunst kann heute überall herkommen. Östliche Kunst kommt immer aus dem Osten.“ Und das macht den Unterschied.


(8.7.2008)