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GEMISCHTE WARE BEI EINEM EDUCATIONPROJEKT DER BERLINER PHILHARMONIKER
Von Pirkko Husemann
Bei den Berliner Philharmonikern sind neue Zeiten angebrochen. Nachdem sich Stardirigent Simon Rattle und sein Choreograf Royston Maldoom im Rahmen der kulturellen Breitenarbeit vor drei Jahren Igor Strawinskys „Sacre du Printemps“ vorgenommen hatten, wurden mit den Berliner Schulkindern bisher nur große Werke der musikalischen Moderne vertanzt. Jetzt wagte Catherine Milliken (ehemals Ensemble Modern) mit ihrem „Zukunft@Bphil"-Projekt einen Vorstoß in kleinteiligere Formate, indem sie drei Choreografien zu drei kurzen Kompositionen in Auftrag gab.
Den gemeinsamen Nenner der zehn- bis zwanzigminütigen Inszenierungen bildeten das in die Mitte der Treptower Arena gestellte, unregelmäßig ausufernde Bühnenplateau des Architekten Pierre Jorge Gonzales sowie die Live-Begleitung durch die Philharmoniker. Unter musikalischen und ästhetischen Gesichtspunkten glich der Abend jedoch einem Gemischtwarenladen.
Zwei Rumpelstilzchen
Zu „Purple Silence", einer atmosphärischen Komposition für vier Hörner der 1957 geborenen Elena Kats-Chernin choreografierte Sjoerd Vreugdenhil, der langjähriges Mitglied des Ballett Frankfurt war. Um die quirligen Zweit- und Drittklässler in die Stimmung einer pupurfarbenen Morgendämmerung zu versetzen, hatte Vreugdenhil im Probenprozess mit Bildern der Verwandlung gearbeitet. Von Farben oder Phantasien der Kinder war auf der Bühne allerdings nur wenig zu sehen. Jungen und Mädchen in einheitlich weißen Kostümen machten synchronisierte Bewegungen. Damit sie sich weder in der Choreografie noch auf der weitläufigen Bühne verlieren konnten, gaben zwei Erwachsene, die in der Mitte auf einer Art Kletternetz hockten, die Richtung an.
Ziel der Kinder war es, von ihrem Platz im Raum in Richtung Mitte zu robben, auf das Spinnennetz zu klettern, dort einen Teil ihres Kostüms auszuziehen, das dann von einem Gebläse zu einer knuffigen Stadtsilhouette aufgepustet wurde. Zwei mutige Solisten durften hier und da aus der Gruppe ausbrechen, wie Rumpelstilzchen um die anderen herum hüpfen und zum Schluss noch ein paar einsame Umdrehungen am Rande der Bühne ausführen.
Freestyle und Selbstbestimmung
Deutlich mehr Handlungsspielraum ließ dagegen Xavier Le Roy zu. Kein Wunder, dass sich der promovierte Molekularbiologe eine abstrakte Komposition für 40 Schlaginstrumente von Edgard Varèse ausgesucht hatte: „Ionisation" bezeichnet den nuklearen Prozess, bei dem sich Atome in Ionen umwandeln. Tänzerisch umgesetzt wurde dieses physikalische Phänomen durch eine spannungsgeladene Choreografie, bei der Le Roy auf die aktive Beteiligung und Selbstbestimmung der 42 Schüler im Alter von neun bis elf Jahren setzte. Entsprechend hatte er sie darum gebeten, ihre Lieblingsmusik und ihr Lieblingsoutfit mitzubringen.
Bevor Rattles Musiker am Fuße der Bühne mit dem Klanggewitter einsetzten, gaben die Kinder ihren tänzerischen Freestyle zum Besten, während sie über Kopfhörer ihre eigene Musik hörten. Dann schwirrten sie in unterschiedlichen Tempi und in variierender Dichte über die Bühne. Beim Klang einer Sirene, drehten sie sich auf der Stelle im Kreis. Kaum war einen Moment Stille, froren sie in der Bewegung ein, was die Turnschuhe auf dem Tanzboden quietschen ließ. So hatte Le Roy die Kinder bei ihrem alltäglichen Tanzverständnis abgeholt und spielerisch an die strukturierte Improvisation herangeführt.
Mit dem Zeigefinger
Im Gegensatz dazu fiel der letzte Beitrag des Abends eher klassisch aus. Aletta Collins, die hauptsächlich für Operninszenierungen choreografiert, hielt sich für „Les Noces" von Igor Strawinsky an eine narrative Struktur. Während man bei einer Hochzeit eigentlich an ein fröhliches Ereignis denkt, inszenierte Collins das Fest allerdings mit erhobenem Zeigefinger. Was bei Strawinsky eine volkstümliche Zeremonie ist, wurde bei Collins zum Drama einer gesellschaftlich bedingten Zwangsheirat.
Die entsprechenden Sinnbilder fielen allzu deutlich aus: Ein junger Mann und eine hochschwangere Frau sitzen jeweils am Kopfende einer ungefähr 20 Meter langen Tafel. Zwischen ihnen eine Festgesellschaft aus verschiedenen Generationen. Senioren einer Tanzgruppe 50+ tanzen auf den Tischen, Jugendliche und Studenten einer Modeschule trinken aus der Flasche und kleine Drittklässler tummeln sich drum herum. Um trotz des Durcheinanders die bürgerliche Ordnung aufrechtzuerhalten, blieben Frauen und Männer, Jungs und Mädchen sowohl choreografisch als auch durch die Kostüme im Stil der 1920er Jahre sorgfältig voneinander getrennt. Es müssen wohl die silbernen, mit Helium gefüllten Luftballons in Herzform gewesen sein, die das bedauernswerte Paar letztlich dazu bewegten, Hand in Hand von der Bühne zu gehen.
Das eigentliche Spektakel fand dann im Anschluss an die Vorstellung statt. Nachdem sich die Masse der Zuschauer aus der riesigen Halle entfernt hatte, tanzten die kleinen, von der Anspannung und Aufregung befreiten Sternchen aller Altersstufen und Körpergrößen gemeinsam zu den aktuellen Discohits. Hier wurde deutlich, dass das Bewegungsverständnis der Schüler hauptsächlich von der Ästhetik cooler Musikvideos geprägt ist und dass die den Computerkids so oft unterstellte Trägheit schon bei den ersten Hip-Hop-Beats verfliegt. Die Freude am Tanzen jedenfalls war - so oder so - unübersehbar.
(15.12.2006)
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