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You are all I need

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ANNA MACRAE MIT "LOUD ENOUGH" BEIM JACUZZI FESTIVAL 2011 IN WIEN

Von Sabina Holzer




„Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes. […] Es ist die Masse allein, in der der Mensch von seiner Berührungsfurcht erlöst werden kann.“, 
schreibt Elias Canetti in „Masse und Macht“, 1960. Diese wesentliche Scheu der Kontaktaufnahme und ihre Überwindung bringt Anna MacRae in ihrem neuen Stück Loud enough als intensive choreografierte Entäußerung während des Jacuzzi Festivals im Wiener WUK auf die Bühne.

Satu Herrala, Raul Maia, Frank Willens, Min Kyoung Lee und Matthew Smith zeigen die Auflösung individueller Grenzen in spannenden, von Affekten geleiteten Konstellationen. Untersucht wird hier der Homo Fanatikus, der von den Göttern in begeisterte Raserei versetzte Mensch, auch Fan genannt. Seine agressive Grundhaltung kann, bei gegebenem Anlass, in euphorischen Jubel umschlagen, wie im Programmheft zu lesen ist. Die Götter der Fans sind heute freilich Stars. Sie zu verehren, durch sie mobilisiert zu werden und in emotionale Taumel versetzt zu werden, kann das größte Glück bedeuten.

Anna MacRae inszeniert eine Gruppe, die sich ihren Emotionen hingibt und in denen die einzelnen DarstellerInnen eine gemeinsame Intention teilend, ihren eigenen körperlichen Rhythmen und Impulsen folgen. Die übliche Gleichschaltung und Unisono-Ausführung von Bewegungen, durch die sich eine Gruppe oft dargestellt, wird verweigert. Gruppe bedeutet hier Horde oder Rudel und nicht Formation. Das Individuum bleibt existent. Kodifizierte Formen und Haltungen vermitteln sich als erkennbare Referenzen und werden kaum direkt umgesetzt. In diesem Ansatz von Choreografie sind Spuren von MacRaes Arbeit mit Meg Stuart, Boris Charmatz oder zuletzt mit Laurent Chétouane zu erkennen; es scheinen die Empfindungen zu sein, die sich Formen suchen, um mit ihnen zu tanzen. In diesem Sinn ist “Loud enough“ auch ein weiterer Schritt einer Auseinandersetzung, die MacRea in ihrem letzten Gruppenstück “With Subtitles" auf ihre eigene Weise umgesetzt hat.

MacRae lässt Optionen offen

Im Verlauf des Stückes entsteht ein assoziatives Bewegungsgewebe, das vom starken physischen und differenzierten Einsatz der PerformerInnen getragen wird. In diesem Gewebe blitzen Textsequenzen auf. „I am an animal. You are all I need!“, ruft Min Kyoung Lee zu Beginn, um dann fortzufahren: „I am in the middle of your picture." Die TänzerInnen äußern sich auch durch Liedtexte, die zeitweise in einen Sprechchor münden. Die angewendeten Texte in Loud enough stammen von widerspenstigen Popgrößen wie Patti Smith, PJ Harvey oder Nirvana.

Gegen Ende gibt es ein trunkenes Männertrio, das den choreografierten Rausch vielleicht am deutlichsten auf den Punkt bringt. Es sind Körper, die in- und aufeinander taumeln, die sich gegenseitig stützen, sich halten, aufeinander vertrauen und zugleich einander eigentlich nicht wirklich wahrnehmen. In kurzen Einzeilern machen die Männer lautstark ihren Herzen Luft: „My girl, my girl... !“, „Mama, I don't wanna be a liar!“, „Roxanne!“.

Eine kritische Betrachtung einer ewig pubertären Spaßgesellschaft oder die Darbietung der potentiellen Kraft einer differenzierten Gemeinsamkeit, die sich nicht instrumentalisieren lässt und keiner Ideologie folgen will? Loud enough läßt die Optionen offen. Und so kann man sich entscheiden, ob der letzte gemeinsame Song der PerformerInnen „I wanna stand with you on the mountain. I wanna swim with you in the sea.“ (Savage Garden: „truly, madly, deeply“) eine Hymne für eine bessere Welt ist – oder ob dieses vielbeschworene, vielversprechende Du letzlich nicht doch eine Hingabe in eine entpolitisierte, idealisierte Privatheit bedeutet.

(22.6.2011)