You Can Dance! #2+3

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EINE "PUSSY" VOR GERICHT

Das Casting bei Sat1 geht weiter. In Offenbach, Duisburg und abschließend in Stuttgart. Das Fernsehen sucht beharrlich Deutschlands Supertänzer. Die süßen Verführungen: 50.000 Euro, workshoppen in L.A. - und natürlich die Präsenz im Medium selbst.

Alle Kandidatinnen und Kandidaten tragen Nummern, wenn sie vor die vierköpfige Jury (Julie Pecquet, Kelechi Onyele, Paul Kribbe und Dirk Elwert) treten. Die Jury ist ein Gericht. Die Reporterin schnurrt, ganz im Geist der Gerechtigkeit: „Für die meisten ist dies der letzte Gang auf die Bühne. Die Jury verkündet die Urteile." (Dieses und folgende Zitate: YCD! #2, 17. 11. 2006) Sat1 setzt also fort, was schon bei seinen Gerichtsshows „Richter Alexander Hold" und „Richterin Barbara Salesch" für Amüsement sorgt: Die Imitation der Jurisprudenz im Fernsehstudio. „Der letzte Gang", das vermittelt so etwas wie Schafott-„Atmo". Die Zuschauer werden zu Kiebitzen. Und das Tanzen gerät zum Schauprozeß.

„Ich mag’s, wenn ich recht bekomme“ 

„Vorsicht“, warnt die Reporterin mit gesenkter Stimme, „der nachfolgende Tanz ist für Zuschauer unter 18 Jahren nicht geeignet!" (YCD #2) Es folgt ein harmloser Latein-Paartanz. Die Tänzerin trägt einen ziemlich kurzen Rock. Dirk Elwert lockert die wenig aufgeheizte Atmosphäre: „Mit so einer schönen Frau an der Seite könnt' ich auch toll aussehen beim Tanz.“ Wer, von solchen Komplimenten gebuttert, durch die erste Selektion kommt, tritt Tags darauf bei der Gruppen-„Choreo" auf. Dafür wird „richtig gekämpft" (Kandidatin Stephanie).

Was Sat1 vermitteln will, ist massig Spaß und einen ordentlichen Schuß „Emo". Die Kandidaten werden draußen vor dem entscheidenden Einminuten-Auftritt durch die Präsenz der Kamera zu wahren Ausbrüchen von guter Laune, spontan vorgebrachtem Ehrgeizäußerungen und allerlei akrobatischen Schabernäckchen verleitet. Vor der Jury ist Gehorsam von Vorteil, denn die muß ihre Autorität wahren, will sie nicht selbst vor ihrem höheren Richter durchrasseln: dem Sender, der die Quote vertritt. Kandidaten, deren Gemüter devot strahlen, haben gute Chancen auf „Gerechtigkeit". Elwert nach einer Darstellung: „An den Drehungen können wir noch ein bißchen arbeiten." Kandidatin: „Auf jeden Fall." Elwert: „Ich mag's, wenn ich recht bekomme, also bis morgen."

„Geil“ und „abgekackt“ 

Wir sehen die Gesichter der Juroren während der getanzten Plädoyers eingeblendet - wie sie erschrecken oder in Faszination versinken, wie sie sich als Schauspieler fühlen oder schier verzweifeln, und wie glücklich sie sein können: „Du bist unser Sonnenschein...!“ Für die Kamera müssen auch sie ein bißchen Show machen, so werden die Zuschauer optimal easy auf die Urteile vorbereitet. Nur keine Langeweile vorschützen. Die Jury ist immer voll Aufmerksamkeit und Power, sie ißt, trinkt, schläft nicht und geht nie aufs Klo.

Sie weiß, wie Kunst im Tanz zu definieren wäre. Kelechi Onyele: „Was ich schön fand, ist einfach dieser Mix aus Hip Hop, du hast ja auch Popping gemacht und so weiter, und was wir suchen, ist ja auf jeden Fall auch'n Künstler, und das war für mich auf jeden Fall Kunst, was du da gemacht hast.” Kribbe: „Es waren heute absolut sehr, sehr geile Menschen dabei..." Wie es so schön heißt: „Sat1 zeigt's allen.“

Wenn die Jury ihre Entscheidung trifft, erscheint sie in Zeitlupe, begleitet von schicksalssattem Geigensound, über Fahndungsfotos mit den Daten und Gesichtern der Kandidaten. Draußen im Warteraum herrscht natürlich Spannung bis zum Zerreißen, schließlich geht es darum: „Wer schafft es zum Workshop nach Berlin?" Feierliche Gesten der Jury, Deuten, Hinweisen, ein signifikanter Satz von Elwert: „Also der hat heute abgekackt...“ Die Geigen halten durch, wichtiges Gemurmel der anderen: „..der... was drauf gehabt..." Julie Pecquet gibt die Facts aus dem Zentrum der vier Geschworenen: „Jeder vertritt... [Zögern] seine Meinung. [Pause] Ich bin hart, aber gerecht. Ich habe den Blick dafür, wer in Frage kommt oder nicht."

„Arsch“ einer „Pussy“ 

Die harte Publikumsfrage des Senders lautet diesmal: „Aus welchem Land kommt der Tango? A) Aus Argentinien, B) Aus Dänemark." Für Kandiat Mark ist das Warten auf den Augenblick der Bewährung eine prickelnde Qual: „Es geht aufs Ego, es geht rauf und runter, und sich immer so bewerten zu lassen, das ist halt heftig.“ Drinnen im Saal indes gehen Dirk Elwert die Nerven durch. Eine überselbstbewußte Model-Beauty hat der Jury nicht genügt. Sie könnte doch mehr aus sich machen, sagt Onyele, nachdem sich die Kamera längstmöglich am Hinterteil der jungen Frau geweidet hat. Die dreht sich um und stöckelt beleidigt hinaus. Elwert ist das zuviel: „Mamamia!" Jurykollege: „Was ist mit dir los?" Elwert (gestikuliernd): „Das ist doch wahr, die shaked den Arsch, du redest mit ihr, sie versteht dich nicht, und dann wird hier noch die Sozialpädagogensülze gekocht! Jetzt ist gut. Echt. Das war der Hammer!" Und nachher für die Kamera: „Was mich maßlos geärgert hat: Die Pussys, sorry, die da irgendwie aufreizend den Po und alles andere schäkern, meinen, das sei Tanz. Hallo, dies ist eine Bühne!" Die „Pussy" nach ihrem Flop: „Ich bleibe lieber beim Modeln. Aus mit Tanzen.“

Ein Kandidat erklärt nach seiner leicht exaltierten Darbietung: „Ich tanze so, wenn ich abends weggehe." Elwert: „Jetzt weiß ich, warum ich abends nicht mehr weggehe!" Onyele empfiehlt dem jungen Mann, so nicht mehr zu tanzen, und schon gar nicht bei einer Gelegenheit wie „You Can Dance!". Begründung: „Weil du entehrst die Bühne damit!" Elwert kommentiert ernst: „Das Format will ja nicht den besten Hobbytänzer. Wir suchen ja schon Leute, die sagen, das ist mein Leben, das ist mein Beruf, und ich möchte damit auch eine Karriere machen." Der hohe Anteil an Hobbytänzern, die sich der Jury vorstellen, zeigt, daß der Sender das Format bestimmt. Und in dem geht es nicht um Tanz oder Karrieren, sondern eben um die Einschaltzahlen.

Fassungslos vor Glück 

Und die verlangen Nahaufnahmen von enttäuschten, verzweifelten Gesichtern, besser noch Tränen und einsame Abgänge aus dem Licht der Scheinwerfer mit schwerem oder spöttischem Sound, in Zeitlupe. Und auf der anderen quietschend jubilierendes Jungvolk, das, fassungslos vor Glück das nächste Mal beim Workshop in Berlin „alles, alles, alles geben will, was ich habe". Für Sat1 sind Tänzer entweder Leute, die man ordentlich demütigen darf oder possierlich kreischendes Hüpfgeflügel. Beziehungsweise, freundlich gemeint, „Arschbomben" wie Kandidat Ralf-Dennis.

Respektive Existenzen, denen man nicht trauen sollte. Elwert (YCD! #3 am 24. 11. 2006 in Stuttgart): „Laura, wir hatten heute schon eine Klassik-Kandidatin, die versuchte, uns mit Spitzentanz zu beeindrucken. Zeig ihr nicht, was du kannst, die wird dich aus Haß erschießen." Vorbildlich. Erst raus mit der Verliererin und dann hinterrücks noch eins drauf. So wird die Bühne zu einer Stätte, die man wirklich ehren kann. Preisfrage des Senders: „Bei welchem Tanz dreht sich der Tänzer auch mal auf dem Kopf? A) Breakdance, B) Walzer.“

(help / 25. 11. 2006)