You Can Dance! #4-6

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"ABKACKEN" BIS ZUM ZUSAMMENBRUCH 

Die corpus-Materialsammlung über die Suche nach „Deutschlands bestem Tänzer oder bester Tänzerin" in ihrer nächsten Fortsetzung - bis inklusive der ersten „Live Show" am 15. Dezember.

VERDIENTE CLUBSANDWICHES 

1. Dezember 2006. Berlin, im Radialsystem-Gebäude. 62 Tänzerinnen und Tänzer haben es geschafft! Sie kommen zu einem einwöchigen Workshop nach Berlin. Hier entscheidet sich, welche 14 Tänzer es in die erste Live-Show schaffen. Alle sind aufgeregt. Juror Kelechi Onyele sorgt für Beruhigung: „Und morgen, wenn ihr nicht brennt, dann geht's für jeden direkt heim." Auch Jurorin Julie Pecquet versichert: „Glaubt mir, das wird kein spaßiger Schulausflug sein. Das wird verdammt hart!" Die Tänzer werden auf vier Gruppen verteilt. Jede der Gruppen wird in vier Tagen vier Choreografien aus vier verschiedenen Tanzrichtungen lernen. Die durchwegs männlichen Choreografen werden vorgestellt.

Was ist Tanz heute? 

1. Ein „Mann für den Standard", Asis Khadjeh-Nouri: „Ich denke, jeder Mensch hat einen Körper, und ein Körper tanzt. Es ist eigentlich egal, ob das nun Sirtaki, Blues, Cha-Cha oder langsamen Walzer tanzt, wenn ein Körper funktioniert, müßte er eigentlich auch in jedem Tanz funktionieren."
2. Ein Salsa-„König" aus Hannover, Emile Moise: „Ich gebe den Leuten gezielte Übungen, damit sie sich fühlen wie Südländer."
3. „Und jetzt einen fetten Applaus!" für den „Mann mit richtig coolen Beats", der mit „Superstars" gearbeitet hat, Hiphopper Marco Da Silva: „Was die Kandidaten sich bei mir nicht erlauben sollten, das ist, mit meinen Choreografien ihr eigenes Ding durchzuziehen!"
4. Nicht fehlen darf Marvin A. Smith, der auch schon bei den Casting-„Choreos" seine coole Sonnenbrille gezeigt hat, ein Rausschmeißertyp mit dunkler Stimme und einem angebrannten Modernwhatsoevermixstyle.

Das ist bei „You Can Dance!" repräsentativ für den Gegenwartstanz: Standard, Salsa, Hip Hop und ein Modernwhatsoevermix. Fehlt da nicht noch etwas? Anna Maier beobachtet [dramatisch]: „Ab geht's in die Klassenräume. Geschwänzt wird nicht. Auf unsere Kandidaten warten vier anstrengende Tage. 62 Tänzer mit 1000 Gedanken: Pack' ich das, machen das meine Nerven mit, hab ich die richtige Konzentration?" Was mögen wohl die restlichen 997 Gedanken sein?

Sein Ding 

Khadjeh-Nouri zwängt seine jungen Leute in Normkleid und Anzug-Hemd-Uniform, Da Silva hingegen mag keine Jazz-Kleider beim Hip Hop. Juror Onyele überwacht die Fortschritte der Gruppe beim Hip Hop und nimmt einen Kandidaten in die Mangel.

Kandidat: „Hip Hop ist nicht meine Kampfdisziplin, das Hip Hop mach' ich nur nebenbei."
Onyele: [streng, Pokerface] „Das heißt, du entschuldigst dich jetzt dafür?"
K.: [verlegen] „Äh..."
O.: [von oben, mit scharfem Blick in die Augen des Kandidaten] „...und das ist nicht dein Ding, sagst du jetzt."
K.: [schlägt nervös die Lider nieder] „Äh..., ich liebe Hip Hop über alles..."
O.: „Nee, nee... schon gut."
K.: „...aber meine Stilrichtung ist an sich Latein."
O.: „Kannst du das oder kannst du das nicht?"
K.: „Nicht so, wie du das gerne hättest, wahrscheinlich."
O.: [wie aus der Pistole geschossen, mit wie stets ruhiger Stimme] „Das heißt, du bist heute hier fehl am Platz..."
K.: [lächelt gestreßt, hat die Falle erkannt]„Nein, absolut nicht!"
O.: „Das hast du ja gerade gesagt, daß du das nicht so kannst wie er das kann."
K.: „...ich hab das Hip Hop nebenbei gemacht."
O.: [mit erhobenem Zeigefinger] „Du weißt schon, daß wir hier vielseitige Tänzer suchen, und dazu gehört auch Hip Hop. Und wenn du dich jetzt hinstellst und sagst, daß das nicht dein Ding ist, weiß ich, das kannst du nicht."
K.: [Schultern hebend, unruhig]„Nein, Hip Hop ist absolut auch mein Ding, nur ich...
O.: „Also ist es dein Ding oder nicht?"
K.: [taktisch] „Es ist absolut mein Ding!"
O.: [obrigkeitlich] „Also dann geh trainieren!"
K.: [submissest] „Alles klar!"

Andere Baustelle. Andrea Maier überwacht einen Überwacher: „Ivos Schwächen beim Salsa werden von Paul [Kribbe, einer der Juroren, Anm.] sofort notiert." Und bei Mr. Smith herrscht Galeerenstimmung. Für den Sender muß vor allem die Anstrengung gut rüberkommen, welche die Rekruten hier auf sich nehmen, sonst zappt die Couchkartoffel am anderen Ende der Konsumkette möglicherweise weg. Beim Wiener Walzer sagt Kandidat Dennis Jauch, 18, zweifacher Europameister im Hip Hop: „Die Choreo ist geil, richtig mein Stil!" Fabian hingegen hat Probleme und muß bitterlich weinen.

Arschkarten und andere Analitäten 

Beim Hip Hop diszipliniert Onyele in Da Silvas Klasse: „Respektlosigkeit wird auch mitbewertet - wie ihr euch verhaltet im Raum, auch dem Choreografen gegenüber, wenn er euch den Rücken zudreht; es war totale Scheiße, was er da gebracht hat, und hat sich damit viel weggenommen". Der so angesprochene dreifache deutsche Meister im Hip Hop, Marc Sailer, gelobt vor der Sat1-Kamera demütig Besserung.

Tränen werden auch bei Mr. Smith und Da Silva öffentlich vergossen. Die Kamera weidet sich an dem köstlichen Naß. Standard-Choreograf Khadjeh-Nouri sagt zu Alesja: „Das ist kein Krieg hier, sondern bloß Tanzen. Und jetzt schmachte mal, ja, schmachte..." Am Abend des ersten Tages verteilt die Jury „gelbe Karten für unzureichende Leistungen". Musik und Bilder dramatisieren den Druck. Sounduntermalte Jurorenaugen in Großaufnahme. Da Silvas Hip Hop-Gruppe versagt. Wie kann das sein, bei allen den Drohungen? Die Mitglieder sind geknickt. Beim Salsa sagt eine Kandidatin: „Wenn der Partner verkackt, dann hat die Partnerin auch geschissen." Kribbe: „Meine Arschkarte, auf gut deutsch, geht auf Adonis." Verbal reimt sich ja auch so schön auf anal.

Einschleimen und verkaufen 

Adonis hat schon gelernt, worauf es ankommt: „...man muß sich bei den Choreografen, auf hochdeutsch gesagt, einschleimen." Alle nicken, wenn Onyele später so anfeuert: „Wenn ihr jetzt nicht macht, was ich euch sage, gibt es heute Abend Feuer und Flamme." Es ist der zweite Tag, und am Abend wird selektiert. 22 Kandidaten müssen raus. Die Spannung steigt. Da kann schon einmal ein Satz fallen wie dieser eines gesunden Kandidaten: „Jeder Spastiker kann einen Schritt lernen, irgendwann - aber darauf kommt es nicht an, du mußt es verkaufen."

Die Jury ist ganz objektiv: „Der tanzt toll, aber ich schau' ihm nicht gern zu beim Tanzen." Die Urteile werden verkündet. Die Kamera schaut gerne beim Wundenlecken zu. Die Verlierer werden von den Kollegen gestreichelt. Auch Marc Sailer wird abgestraft, er war wohl nicht brav genug. Adonis hat das hochdeutsche Schleimen nichts genützt. Fabian weint wieder. Die Kameras lecken genüßlich über die zu löschenden Gesichter. Die Ausgewählten hüpfen und jubeln und bekommen einen Wellnessabend inklusive Clubsandwiches im Hotel spendiert.

WIEDERHOLUNGSMUSTER

Eine Woche später, der 8. Dezember, bei Sat1. Tag drei des tollen Berliner Workshops. Ein Mittwoch. Das Programm ist im Prinzip dasselbe wie an den beiden Tagen davor. Die Bilder beginnen einander zu gleichen. Die Mitglieder der Jury sowie die Kandidatinnen und Kandidaten geben kleine Statements, die ersteren reden mit den letzteren und der Kamera. Es gibt Probleme und Problemchen. Von den verbliebenen 40 werden am Donnerstag 14 für die Live Show ausgewählt. Mr. Smith bringt ein wenig Erotik in seine „Choreo". Er scheint der einzige der von Sat1 eingeladenen Meisterchoreografen zu sein, der die Nerven niemals verliert. Dirk Elwert spricht aus, was alle wissen: „Morgen wird's ernst."

Der Grapscher 

Viel Zeit für die Zuschauer. Groß im Bild der Finger von Marvin A. Smith: „Don't freestyle!" Zahlreiche Kommentare müssen erklären, warum wir nicht wegschalten sollen. Auch Ivos Zerrung im Bein hilft der Dramaturgie nicht besonders, die sich nun mit besonders kurzen Schnitten zu helfen sucht. Desirées Füße tun höllisch weh. Und sehr schnell geht es an die Präsentation der Leistungen der Finalgruppen. Paul Kribbe ist so begeistert von Maditas Idee, sich am Ende ihres Tanzes auf den Jurytisch zu setzen, daß er ihr mit beiden Händen herzhaft auf den Hintern grapscht.

Nach Ivos Auftritt dürfen wir uns an dessen Leiden weiden. Anschließend dürfen wir die Kandidaten auf einer Spree-Bootsfahrt begleiten, während sich die Jury berät. Backstage-Reporterin Estefania Küster stellt die Preisfrage der Fahrt mit wackelndem Kopf und aufgerissenen Augen: „Hat sich denn zwischen euch denn schon irgendwie ... also Liebespärchen oder sowas?"

Tanzmäuse 

Danach kommt das Urteil der vier Experten. Der Gag der Dramaturgie ist: Erst einmal die Negativa ausführen, aber dann Wende, und etwa den Song „The Winner takes it all" einspielen. Hüpfen und Jubeln der Auserwählten - wie seit Teil 1 gehabt. Onyele trägt eine peruanische Mütze (seine Kopfbedeckungssammlung muß ähnlich umfangreich sein wie weiland Imelda Marcos' Schuhkollektion). Salbungsvoll, emotionalisierend die Urteilssprüche. Das ist etwas für's Herz.

Man kennt die Formulierungen freilich schon von vorher. Und Wiederholungen tun gut im von Harald Schmidt so genannten „Unterschichtfernsehen": Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt en suite. Die Umarmungen für die Hinauskomplimentierten werden inniger. Herzschlaggeräusche während der Kunstpausen in den Jurystatements. Pecquet, hingerissen von einem „Vorbild für alle Mädchen, die ein bißchen anders sein wollen", in der sie sich selbst wiedererkennt: „Mein kleines Mäuschen!" Und in Nicole erhält Xavier Le Roy Konkurrenz. Pecquet: „Ich glaube, wir werden mit dir die einzige Mikrobiologin in den Performanceshows haben, du bist definitiv dabei, Mäuschen!" Wollen die Kandidatinnen wirklich Tanzmäuse sein? 

Stanimir und Foufou müssen gemeinsam vors Gericht, weil es nur noch einen Männerplatz gibt. „Auch wenn es dich noch so maßlos stört", tadelt Rundenvorsitzender Dirk Elwert die Selbstverliebtheit des ersteren, „wir entscheiden, wer hier weiterkommt." Aber Foufous gute Technik zählt nicht genug. Elwert hievt Stanimir in die nächste Runde: „Wir haben uns für die stärkere Tänzerpersönlichkeit entschieden. Wir werden sehen, wie Arroganz aufs Publikum wirkt." Nämlich das des Live-Show-Publikums. Anna Maier verrät, was kommen wird: „Nach sechs spannenden Live-Shows ist eine Kandidatin oder ein Kandidat übrig - Deutschlands bester Tänzer."

ZUSAMMENBRUCH 

Wieder eine Woche später. Ein typisches, aus der TV-Einheitsshow bekanntes Lichtspektakeltheater mit Publikum. Anna Maier ist in ihrer Anmoderation der Tänzerinnen und Tänzer schon sehr lustig: „Diese 14 werden sich paaren. Jawoll, sieben Paare werden wir heute Abend sehen." Aber „für einen Tänzer und eine Tänzerin wird der Traum heute zu Ende sein". Die Jury ist diesmal zu fünft, der Standard-Choreograf Asis Khadjeh-Nouri sitzt dem ursprünglichen Glücks-Kleeblatt bei. Und das Publikum darf telefonisch mitstimmen.

Die Jury wählt die Paare, das Los entscheidet den Tanz und die Reihenfolge. Nicole und Jimmy tanzen zuerst, einen Merengue. Die Jury, enthusiastisch: Nicole ist ihr „Sonnenschein", die beiden vermitteln ein „Urlaubsgefühl" und es „wird nie wieder Winter werden". Hiphopper Jamel El Shemi choreografiert für das zweite Paar: Eva und Camillo. Ein Plakat im Publikum: „Hagen grüßt Eva". Die Jury: Camillo war „nicht männlich genug", zu „soft" (Eva dankt für diesen Kommentar), und Eva hat etwas spät gelächelt, aber so manches Jurorenherz schüttet sich aus: „Ich liebe euch" und „Ihr seid ein Traumpaar".

Augenpipi: Cale = Tanzgott 

Paar Nummer drei, „modern" eingerichtet von Marvin A. Smith: Dorina und Dennis auf „Lyrical Jazz". Juror Paul Kribbe: „Ich hab' schwerstens Augenpipi-Alarm hier." Also „Daumen hoch". Duo vier tanzt Samba, choreografiert von Dirk Heidemann. Marita und Kim. Sie sei zwar ein „Männertraum" heißt es, aber die Jury findet die beiden seien ein „Tickelchen schwächer" als die vorangehenden Paare. Und was ist „Crumping"? Ricarda und Cale zeigen es. Im Army-Look. Das Publikum zeigt Plakat: „Cale = Tanzgott". Die Choreografie stammt von einem Jurymitglied, nämlich Julie Pecquet. Der Juryentscheid, wenig überraschend: „Spitze".

Paar sechs tanzt Rumba. Sarah und Christoph. Aus der Jury tönt Onyele: „Christoph, deine Tanzpartnerin ist bei dir so sicher gewesen wie das Ei zwischen den Beinen [„Bitte?" - hat die Moderatorin das jetzt richtig...] ...eines Pinguins." Anna Maier findet das Wort „Wortspiel" und kann sich am Ende das längst erwartete Witzchen über die Zahl sechs doch nicht verkneifen.

Die Jurorin als Choreografin 

Last but not least: „Contemporary". Robin hat das Wort zuvor noch nicht so oft gehört. Die Choreografin, wieder Julie Pecquet, möglicherweise auch nicht. Yasemin und Robin bemühen sich um ein Modernwhatsoever. Publikum kann ein Cabrio gewinnen. Die Jury zu Robin und Yasemin: „Ihr seid zwei Glückskekse", weil sie diese geniale Choreografie tanzen durften. Frau Pecquet darf wieder nicht mitstimmen.

Eine halbe Stunde später kommt der Entscheidungsprozeß. Anna Maier betont, daß Tränen Schweiß und, jawohl, „auch Blut" geflossen sei, denn es gab ja auch Verletzungen. Der Publikumsentscheid fällt zuungunsten von Sarah und Christoph, Dorina und Dennis, Marita und Kim aus. Diese sechs müssen sich nun in halbminütigen Solotänzen bewähren.

Abschied von Kim und Marita 

Während die Jury berät, erfahren wir, daß Robin ein Stoffmeerschweinchen hat, das ihn ganz sicher unterstützt hat. Daß Camillo hat seine Männlichkeit wiederhat und Jimmy Sarah, „meinem kleinen Engel", die Daumen drückt. Doch nun geht es an den Ausschluß. Elwert wieder einmal: „Es ist schwer." Okay, Ladies first. Anna Maier: „Marita, wir werden dich ganz fest vermissen." Und bei den Männern heißt es: Kim ade.

Anna Maier witzelt in Richtung Publikum: „Stehen sie nicht zu schnell auf, damit der Adventkranz nicht vom Tisch fällt." Kim weint. Im Hintergrund umarmen einander die Kandidaten. „Tschüß." Im Rücken der Moderatorin bricht Kim auf der Bühne zusammen. Erschrocken beugen sich die anderen über ihn. Die Jury kommt noch einmal ins Bild, sie hat's gesehen, ihre Gesichter wirken eingefroren.

 

(help / 16.12.2006)