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"RoS INDEXICAL" BEI TANZ IM AUGUST 2007
Von Pirkko Husemann
Schon in Yvonne Rainers „NO manifesto“, das sie nach ihrer Zeit mit dem Judson Dance Theater im Jahr 1965 als Rückblick auf ihr legendäres Solo „Trio A“ formulierte, hieß es: „NO to spectacle no to virtuosity no to transformations and magic and make believe no to the glamour and transcendency of the star image no to the heroic no to the anti-heroic no to trash imagery no to involvement of performer or spectator no to the style no to camp no to seduction of spectator by the wiles of the performer no to eccentricity no to moving and being moved.“ Kein Wunder also, dass Rainer auch ihre Auseinandersetzung mit Waslaw Nijinskys „Le Sacre du Printemps“ mehr als 40 Jahre später und im Anschluss an ihre Filmarbeiten nicht als authentische Rekonstruktion oder gar als Hommage an den vielfach re-inszenierten Tanzklassiker anlegte. Schon der Titel der bei der dokumenta 12 in Kassel uraufgeführten Choreographie „RoS Indexical“ (RoS steht hier für „Rites of Spring“) macht deutlich, dass es Rainer um einen Index, d.h. einen Verweis auf ein real existierendes, konkretes Bezugsobjekt geht.
Die Idee hätte auch von der New Yorker Wooster Group stammen können: Ausgangspunkt von Rainers Re-Vision des Frühlingsopfers war eine Fernsehdokumentation der BBC über die Uraufführung der legendären Choreographie zur Musik von Igor Strawinsky im Jahre 1913 in Paris. Vergleichbar mit der Wooster Group, die sich für ihre Theaterinszenierungen medialer Aufzeichnungen bedient, greift auch Rainer in ihrer Annäherung an Nijinskys Choreographie auf eine archäologische Arbeitsweise zurück. Dabei gräbt sie sich durch verschiedene Erinnerungsschichten, die sich im Laufe des vergangenen Jahrhunderts auf dem Original der Uraufführung abgelagert haben. Während sich die Wooster Group für ihren „Hamlet“ (2006) bei den Fragmenten einer Fernsehaufzeichnung einer Broadway-Inszenierung von 1964 bediente, waren für Rainer vor allem Tonspur und Bildfolge der Fernsehdokumentation mit dem Titel „Riot at the Rite“ aus dem Jahre 2006 von Interesse.
Empörte Buhrufe
Der Film, der sich vor allem um den Skandal dreht, den Choreographie und Komposition in ihrer Zeit beim Publikum ausgelöst hatten, ist in „RoS Indexical“ allerdings nicht zu sehen, sondern in erster Linie zu hören. Strawinskys Musik wird wiederholt von empörten Buhrufen aus dem Publikum und von Auftritten der an der Realisierung der Uraufführung Beteiligten unterbrochen. Zu sehen sind wiederum vier Frauen unterschiedlichen Alters in Trainingsoutfits im Stil der 1980er Jahre, die an die Musical-Verfilmung „Fame“ denken lassen. In der ersten Szene sitzen Pat Catterson, Emily Coates, Patricia Hoffbauer und Sally Silvers mit Kopfhörern auf den Ohren an einem Tisch und summen den Beginn der Melodie von „Sacre“ vor sich hin, bis der Soundtrack des Films auch für die Zuschauer hörbar einsetzt. Dann steigen die vier Tänzerinnen in ihre „Filmrollen“ ein, indem sie Fragmente der ursprünglich für 42 Tänzer und Tänzerinnen konzipierten Choreographie zum Besten geben.
Je nach den in ihre Körper eingeschriebenen Tanzstilen und den altersbedingten Bewegungseinschränkungen fallen die Ergebnisse unterschiedlich aus. Mal wirken sie virtuos, mal haben sie eine parodistische Wirkung, wobei Rainers Frauen vor allem die Konzentration auf die metrische Struktur der Komposition anzusehen ist, die durch die vielfältigen akustischen Störungen und szenischen Unterbrechungen noch verkompliziert wird. Es sind gerade die Fehler und Unschärfen der Tonspur, die Rainer für die Aneignung der Choreographie nutzt. Besonders deutlich erscheint dies in Momenten, in denen die Musik von Dialogen oder Tumulten unterbrochen wird. Hier hat Rainer Nijinskys Choreographie um Elemente aus Sitcom und Stand-up Comedy erweitert: die Tänzerinnen bewerfen das Publikum mit imaginären Tomaten oder lümmeln auf einem gelben Sofa herum. Den berühmten Tod des Frühlingsopfers am Ende der Choreographie ersetzt Rainer durch einen Tanz obzöner Gesten, der in ein deftiges HipHop-Musikvideo passen würde. So opfert sie das Opfer durch den wiederholten Griff in den Schritt eines vorgeschobenen Unterleibes.
Erweiterndes Eingeständnis
Ein Meta-Kommentar zu diesem albernen bis unschicklichenTreiben findet sich auf einer Vielzahl von schwarzen Prospekten, die im zweiten Teil der Aufführung von der Decke springen. Mit Worten wie „recall“ und „change“ oder „act“ und „voice“ verweist Rainer auf das Re-enactment der Tanzgeschichte. So führt sie dem heutigen Publikum noch einmal vor Augen, dass es keineswegs Zeuge einer originalgetreuen Rekonstruktion, sondern vielmehr Teilhaber an einer eigenwilligen Rezitation ist. Rainer macht den Zuschauern unmissverständlich klar, dass sie das ursprüngliche Ereignis verpasst haben. Wie es die amerikanische Performance-Theoretikerin Rebecca Schneider formuliert hat, ermöglicht dieses Eingeständnis wiederum eine Erweiterung der Wahrnehmung: „Missing it, you are available to hear it otherwise, through the retelling, the recitation of the document, and thus are ,present‘ to it otherwise, in a mode of transmission - a re-enactment." Diese Aktivierung und Reflexivierung des Publikums setzt allerdings dessen Bereitschaft zum Mitdenken beim Zuschauen voraus. Wer sich auf diesen für Rainer typischen „Denksport“ nicht einlässt, mag allerdings eine „ordentliche“ Rekonstruktion vorziehen.
(28.8.2007)
Siehe auch das corpus-Interview „Meeting Yvonne Rainer“
Aufführung von „RoS Indexical“ im Tanzquartier Wien: 19. und 20. Oktober 2007, 20.30
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