Zombietanz auf Zuckerguss

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DAS WIENER NEUJAHRSKONZERT 2010

Von Helmut Ploebst


Es war gespenstisch, dieses Neujahrskonzert im Wiener Musikverein, das immerhin das klassische Musikereignis mit dem größten (Fernseh-)Publikum überhaupt sein soll. All die Zuschauermillionen sehen dabei - in Live-Übertragung - auch, was das Wiener Ballett dazu zu bieten hat. Üblicherweise wird aus diesen Auftritten satter und naiver Kitsch. Dieses Mal allerdings gab es diese Orgie des „guten“ Geschmacks in einer Zombie-Version.

Die philharmonische Neujahrsfreude ist, und das wissen alle insgeheim, weniger ein Konzert als vielmehr eine mehr als zwei Stunden dauernde Werbeeinschaltung für das österreichische Tourismusgewerbe. In diesem Wiedergänger einer Musikveranstaltung treten Marken an wie der Komponist Johann Strauß, die gastgebenden Wiener Philharmoniker, ein prominenter Dirigent - diesmal war es Georges Prêtre -, das prächtige Musikvereinsgebäude, das Wiener Exklusivbackwaren-Gewerbe, die österreichische Erholungslandschaft, und, last and least, auch das Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper. Dessen Tanzdelegation wurde dieses Jahr in Kleider des berühmten Designers Valentino gesteckt, ins Kunsthistorische Museum transferiert und mit zwei, wie die Moderatorin raunte, „Stars der Pariser Oper“ aufgemotzt.

Dahinter huscht der Choreograf

Es geht um Stimmung, nicht um Information. Die Namen der „Stars“ wurden nicht verraten. Was soll's, sagt damit das Medium, es sind ja nur TänzerInnen. Eleonora Abbagnato ist Erste Tänzerin und Nicolas Le Riche ist Étoile in der Compagnie der Pariser Opéra Garnier. Immer wieder abgebetet wurde dagegen der Name des Modeschöpfers, der denn auch bis zum Gehtnichtmehr ins Bild gerückt war: Valentino beim Entwerfen, Valentino im Privatjet mit seinen überzüchteten Hunden, Valentino beim Begutachten des TänzerInnenmaterials. „Valentino Clemente Ludovico Garavani“, schnurrte die Vorbeterin begeistert.

En passant huschte auch der Choreograf der beiden Balletteinlagen, Renato Zanella, ins Bild. Doch die Kamerainstallationen und die Regiebox für die Direktübertragung aus dem Musikvereinssaal genossen wesentlich mehr Aufmerksamkeit der Kamera. Und über das Grüppchen der Wiener TänzerInnen war rein gar nichts zu erfahren. Gut, könnte man sagen, das ganze Event ist ja nur ein Werbespot, nicht so tragisch. Und im Gegensatz zu den Namen der Musiker (darunter immerhin eine Frau) sind die der TänzerInnen immerhin im Abspann genannt.

Ja, aber warum erfahren wir nichts über die Musiker? Nun, weil die Philharmoniker eine Meta-Identität darstellen, einen „Organismus“, der als Marke über dem Individuum steht. Das ist ganz plausibel. Doch die wenigen TänzerInnen, die ihrem „Organismus“, der Compagnie, entnommen wurden, befinden sich in einer etwas anderen Situation, gar nicht zu reden von den anonym bleibenden Pariser GasttänzerInnen.

Was auch immer aus zeitgenössischer Perspektive von Ballerinen und Ballerinos gehalten werden mag, die sich auf das letzte autoritäre Regime, das im Tanz heute noch existiert, einlassen müssen, wenn sie klassisch tanzen wollen - diese Ignoranz haben sie nicht verdient. Als lebende Kleiderständer in absolut banalen Stücklein Aufputz für eine Komödie der Eitelkeiten zu sein und ihre Körper auf dem PR-Boulevard so zu verkaufen, daß sich eindeutig vermittelt, wie auswechselbar dieses Dekorfleisch ist: das macht diese InterpretInnen zu Untoten eines unheimlichen Unterhaltungsbetriebs.

Schaukelwalzer im Rosameer

Dieses Neujahrskonzert war eine ganz besonders deutliche Demonstration der Verachtung des Balletts, und das sollte zu denken geben. Und dann erst sollte gefragt werden, warum es denn ein so hanebüchenes Zeug sein muß, das diese TänzerInnen zum Besten geben, warum das ganze Neujahrskonzert nicht welthaltiger sein kann, wenn es schon in alle Welt ausgestrahlt wird. In eine Welt, in der die Verhältnisse so katastrophal sind wie schon lange nicht mehr, das frivole Geckentum eines Valentino so patzig wie exklusiv hinauszuplärren, das ist mehr als nur provinziell. Es ist zutiefst zynisch.

Die Normmedien sahen das anders: „Der Walzer schaukelte durch ein Meer aus frischem Rosa mit etwas Grau und Blau, was den schwungvollen Kontrast der Choreografie zum erlesenen Marmor der festlichen Stiegenaufgänge und den alten Meistern an den Wänden noch verstärkte.“ Und: „In ihren herrlich luftigen Valentino-Kleidern, deren Vielschichtigkeit in Design und Farbe erst dann voll zur Geltung kamen, wenn sich bei den die Schwerkraft überwindenden Hebungen der Tüll bauschte oder wenn durch eine schnelle Beinbewegung versteckte Blüten oder glitzernde Unterröcke aufblitzten, wirken die Tänzerinnen diesmal noch eleganter als sonst, fast feenhaft.“

Im bürgerlichen Wiener Blatt „Die Presse“ ist also gut nachzuvollziehen, wie der Neujahrswerbespot das Medium benebelt und welche Sprache daraus geboren wird. Unter deren Oberfläche verbirgt sich die historisch verankerte Verdrängungsarbeit der Wiener Bourgeoisie. Deren Mechanismus faßt der Musikexperte Otto Brusatti so zusammen: „Lieber tanzen und vergessen, lieber Komatrinken und die Leute ausnehmen.“ In der Tageszeitung „Der Standard“ [1] weist Brusatti auf die Ideologie hin, die unter der Walzerseligkeit liegt. Der „Donauwalzer“ hatte einmal folgende Textpassage: „,Der Ring ist ein Juwel, dort wohnt ganz Israel; in zehn Jahren baun's bequem sich dort ein neues Jerusalem!‘“ [2] Zu diesem Antisemitimus kam extreme Frauenfeindlichkeit, etwa bei „Klug Gretelein“ und „Wein, Weib und Gesang“ von Strauß.

„...an den Weibern regressirt“

Der letztere Walzer hatte 1898 - auch darauf wies Brusatti schon 1999 hin - diesen Text: „,Martin Luther hat wirklich die Wahrheit gesagt, denn sonst hätt' das Konzil damals ihn nicht geplagt, als er sprach: Wer nicht liebt, Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang. Denn man braucht deshalb noch kein Luthraner zu sein, selbst der koscherste Jud liebt G'sang, Weib und Wein. Es hat Mohamed freilich den Wein confiszirt, doch dafür hat er sich an den Weibern regressirt!‘“ [3]

Das Neujahrskonzert 2010 war eine mit Zuckerguß verkleisterte Katastrophe (wirklich lustig war nur Prêtre selbst, dessen Verhältnis zu den Philharmonikern am besten mit einem Musikerwitz beschrieben werden kann, an dessen Ende das Orchstermitglied sagt: „Ich weiß nicht, was er dirigiert. Wir spielen Beethovens Fünfte.“). Die Art der Bejubelung dieser Oberfläche in den Normmedien ist symptomatisch für eine Gegenwart der Verdrängung. Letztendlich war es einzig der Standard-Gastautor Otto Brusatti, der gegen den hofberichterstatterischen Einheitsbrei in der Blätterküche angeschrieben hat. Wer die Postings liest, die auf der Standard-Homepage unter dem Text des Autors aufscheinen, lernt als Zugabe noch den Aggressionsgrad kennen, den der österreichische Kulturmensch in Verteidigung seiner Geisterbahn entwickelt... Es ist gespenstisch.


Fußnoten:
[1] Siehe http://derstandard.at/1262208731409/Kommentar-der-anderen-Musik-mit-boesen-Klaengen (eingesehen 3.1.2010).
[2] Otto Brusatti, Der Standard, 6./7.2.1999, S. 39; siehe unter http://www.ifs.tuwien.ac.at/~andi/somlib/data/standard_1999/files/19990206.149.HTM (eingesehen 3.1.2010).
[3] Ibidem.