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MICHIKAZU MATSUNE UND DAVID SUBAL MIT ASYLWERBERiNNEN IM BRUT WIEN
Von Astrid Peterle
„Mein Vorname ist Charan Jeet Singh, das heißt ‚sei sehr willkommen‘“. So beginnt die Erzählung von Charan Jeet Singh Kakar aus Afghanistan in Michikazu Matsunes und David Subals neuestem Performance- und Installationsprojekt „Daneben“, das im brut Konzerthaus drei Abende lang gezeigt wurde. Sehr willkommen - dieser Eindruck wurde den 32 AsylwerberInnen, mit denen Matsune/Subal „Daneben“ durch zahlreiche Gespräche erarbeiteten, bei ihrer Ankunft in Österreich wohl nicht vermittelt. Die Erzählungen jedes einzelnen von ihnen zeugen von den individuellen Leidensgeschichten, welche die Menschen zur Flucht antrieben, von dem zermürbenden Warten und den Schikanen, mit denen sie als AsylwerberInnen in Österreich tagtäglich zu kämpfen haben.
Nachdem sich das Performer-Duo Matsune/Subal in seinem Vorgänger-Projekt mit dem Tourismus, „einer Massenbewegung der Unterhaltung und Erholung“ (Matsune/Subal) auseinandersetzte, entschlossen sich die beiden, sich einer weiteren „Massenbewegung“, der Migration zu widmen. Dazu nahmen sie Kontakt zu in Österreich lebenden AsylwerberInnen aus Tschetschenien, Aserbaidschan, der Mongolei, Afghanistan, dem Iran, dem Senegal und einigen anderen Ländern auf. Aus den Gesprächen, die Matsune/Subal mit den AsylwerberInnen führten, entstanden einerseits Ton- und Textaufzeichnungen, die in der Performance-Installation eingesetzt werden, und andererseits eine Broschüre bzw. eine CD, die die BesucherInnen am Ende der Performance mit nach Hause nehmen können.
Behördlich ausgeblendete Familie
In den Black-Box-Räumen im Künstlerhaus erwartete die BesucherInnen eine Konfrontation mit den Erzählungen der AsylwerberInnen in zwei verschiedenen Medien und mit der stummen physischen Präsenz der (meisten) Beteiligten, die sowohl Erschütterung als auch Unbehagen auslöste. Die einzelnen AsywerberInnen standen, saßen, lagen still in den Räumen neben jeweils zwei weißen, an der Wand oder dem Boden befestigten Tafeln, die ihre Namen und eine Erzählung von ihnen wiedergab und einem Kopfhörer, der von der Decke hing. Während die BesucherInnen sich neben den AsylwerberInnen platzieren mussten, um die Erzählung lesen zu können, konnten sie im Kopfhörer entweder der Stimme der AsylwerberIn lauschen, oder einem Lied, das für die jeweilige Person von Bedeutung ist.
So erschlossen sich etwa die Erzählung von Naran, einer Frau aus der Mongolei, die vor ihrem gewalttätigen Mann flüchtete und ihre kleine Tochter zurücklassen musste oder Maryam Hatueva, einem 13-jährigen Mädchen aus Tschetschenien, das mit ihrer Schwester und ihrer Großmutter nach Wien kam und gerne Britney-Spears-Lieder singt. Golinder Singh Malhotra aus Afghanistan berichtete, dass er als Sikh, dem Rindfleisch zu essen verboten ist, in seinem Asylwohnheim ständig Rindfleisch vorgesetzt bekommt, obwohl er die zuständigen Personen schon mehrmals bat, dies zu unterlassen. Shukrullah Tangistanipour aus Iran erzählte davon, wie er seit fünf Jahren vergeblich versucht, durch Vorlage von Fotos seiner Frau und seines Sohnes die Asylbehörde davon zu überzeugen, dass er verheiratet ist und nicht ledig, wie es die Behörde in seinem Antrag vermerkte.
Die Erzählungen, mit denen die BesucherInnen in „Daneben“ konfrontiert wurden, machten betroffen. Obwohl die Performance-Installation das Bewusstsein für die tragische Situation vieler AsylwerberInnen schärfen konnte, erzeugte sie zugleich auch zahlreiche offene Fragen und eine große Portion Unbehagen. Wie sollte das Publikum sich gegenüber den anwesenden AsylwerberInnen verhalten? Sollte man sie, die wie Ausstellungsobjekte stumm und relativ unbeweglich vor, neben oder gar unter einem, wie in einer Galerie ausgeleuchtet platziert waren, ansprechen, grüßen, anlächeln? Zwar entstand durch die intimen Erzählungen und durch die Tonaufnahmen eine große Nähe zu den AsylwerberInnen, auch durch ihre Präsenz, aber jenseits eines Lächelns schienen die BesucherInnen nicht wirklich in Kommunikation mit ihnen treten zu können.
Warum mussten sie stumm verharren?
Die Positionierung der AsylwerberInnen in den Räumen kreierte die subtile Situation, dass man sich ständig die Frage stellen musste, wer denn nun unter all den Personen im Raum ein Asylwerber ist und wer nicht. Dennoch - die Positionierung der AsylwerberInnen wurde von Matsune/Subal unglücklich konzipiert: Das Unbehagen, das manche BesucherInnen verspürten, kann zwar potentiell zu einer Reflexion des eigenen voyeuristischen Blicks führen. Doch zu einer eingehenden Kritik an „Sozialvoyeurismus“ und Ignoranz gegenüber dem Daneben fehlte der Performance-Installation ein wichtiger Faktor: die Handlungsfähigkeit der AkteurInnen. Warum mussten die AsylwerberInnen stumm verharren und sich betrachten lassen?
Der Vergleich zu Coco Fuscos und Guillermo Gómez-Peñas legendären Performances im öffentlichen Raum und in Galerien, „The Year of the White Bear and Two Undiscovered Amerindians visit the West“ (1992-1994) drängte sich auf, obwohl diese Performances aus einem gänzlich anderen Konzept entstanden: Die beiden KünstlerInnen stellten sich als fiktive, kostümierte AmerindianerInnen ähnlich der Völkerausstellungen des 19. Jahrhunderts aus. Fusco und Gómez-Peña waren während der Performance als Ausgestellte und Betrachtete handlungsfähig und sie nutzten die Performance dazu, die Reaktionen der ZuschauerInnen zu reflektieren und schließlich selbst auszustellen.
Eine derartige Umkehrung der Subjekt-Objekt-Position war in „Daneben“ nicht ersichtlich und wohl auch nicht intendiert. Dem Text von Matsune/Subal im Programmheft ist zu entnehmen, dass die AsylwerberInnen in „Daneben“ „in ihrem sozialpolitischen Umfeld porträtiert“ werden. Mit diesem Umfeld war aber wahrscheinlich nicht der Theaterraum gemeint, in dem die AsylwerberInnen und ihre Erzählungen schließlich für das Publikum sichtbar wurden. Ist ein Theater der richtige Ort für eine Performance-Installation wie „Daneben“? Welches Publikum erreicht eine derartige, politisch engagierte Performance innerhalb des „geschützten“ Raums des Theaters? „Daneben“ hätte sicherlich ein anderes Potential entfalten können, wäre es in einem sozialen Raum, der auch für andere Personen als das übliche Performance-Publikum leicht zugänglich ist, gezeigt worden. Die Übertragung in einen anderen Raum wäre wahrscheinlich auch nicht so „risikofrei“ wie eine Präsentation im Theater. Dies hätte aber umso mehr verdeutlicht, dass die Rolle der AsylwerberInnen in „Daneben“ überdacht werden müsste - um ihnen nicht nur eine medial-vermittelte, sondern eine unmittelbar physische Stimme zu geben, denn viel Raum zum Kommunizieren ihrer Geschichten, Wünsche und Hoffnungen wird ihnen schon von staatlicher Seite nicht gegeben.
„Daneben“ wäre eine Möglichkeit, Menschen näher zu kommen, die meist fern gehalten werden. Während der Performance ist diese Möglichkeit aber leider eine einseitige geblieben. Eine vertiefende und ebenbürtige Kommunikation zwischen den BesucherInnen und den AsylwerberInnen konnte erst nach der Performance entstehen: bei der Einladung zum gemeinsamen Essen der afghanischen Gemüse- und Fleischeintöpfe in den Theaterräumen - frei nach dem Motto: „Beim Essen kommen die Leute zusammen“. Schade, dass „Daneben“ nicht zeigen konnte, dass ein Zusammenkommen auf gleicher Ebene auch ohne Essen möglich ist.
(20.2.2010)
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