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Zum Gehen verführt

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TANZQUARTIER WIEN: MIT SATU HERRALA UND DAVID BERGÉ DURCH DIE STADT

Von Elke Krasny



Der Walk-Guide drückt die Klinke der Spielplatztür. Noch lässt sie sich nicht öffnen. Es ist zu früh am Tag. Die Gruppe hat sich vor der Mariahilfer Kirche getroffen. Sie ist schweigend aufgebrochen, zu jener Zeit, in der die Stadt aus ihrem Schlaf erwacht. Gemeinsam umrunden sie den Spielplatz. Genau zu dem Zeitpunkt, als sie die Straßenseite wechseln, fährt die Parkaufseherin mit ihrem Auto vor und nimmt den Schlüssel zur Hand. Hat jemand ihren Auftritt bestellt oder hat die Choreografie des Zufalls für dieses exakte Timing gesorgt?

Entlang des Weges entfalten sich die Erfahrungen. So weit, so geläufig. So weit, so gewohnt. Die Stadtbenützer schreiben ihre alltäglichen Fußnoten in das urbane Getriebe der flüchtigen Bewegungen. Doch nichts davon bleibt. Ohne darüber nachzudenken, gleiten sie also wie spurlos durch die Stadt. Die Aufmerksamkeiten verlieren sich. Die Sinne werden stumpf.

Als ästhetische Praxis des gemeinsamen Gehens entwickelten der Photograph David Bergé und die Performerin und Choreographin Satu Herrala ihre „Vienna Footnotes“. In mehrwöchiger Recherche und Erprobung haben sie aus allen möglichen Wegen in Wien präzise Dramaturgien für die Mitgehenden entworfen, die sich nicht nur auf die baulichen Manifestationen der Stadt beziehen, sondern auf deren konkrete Erfahrbarkeit, die sich je nach Lichteinfall, Jahreszeit, aber auch Tageszeit unterscheidet. Ein raffiniertes Spiel des Innehaltens und der Rahmungen erzeugt neue Stadtausschnitte, lässt Gewohntes in die Perspektive des Ungesehenen treten. Die beiläufige Wahrnehmung wird zur Kunst der Beobachtung. Nur kleine Gruppen, fünf bis sieben Menschen, werden von David Bergé und Satu Herrala auf den Spaziergang mitgenommen. Die Gruppe soll sich noch an der Grenze der Unauffälligkeit bewegen können.

Die Aufführung ist auch ihre Lektüre

Im Zusammenspiel zwischen den eigenen Schritten und der Dynamik der Stadt entsteht für alle die Performance. Kein Weg gleicht dem anderen. Die Aufführung ist zugleich auch ihre Lektüre. Der Zufall wird zum besten Mitspieler. Die Intensitäten sind verlockend. Subtil komponieren die Wege in Hinauf und Hinunter, in Straßenmitte und Straßenrand, in Innehalten und Weitergehen, in rahmenden Aussichten und erstaunliche Einsichten, in rauhe Oberflächen und glatten Untergrund, in Übergange und Überlagerungen zwischen privat, öffentlich und halböffentlich. Es ist ein „Exponieren der Gruppe“ wie Bergé und Herrala betonen, aber auch ein „Exponieren der Umgebung“.

Wanderlust nannte Rebecca Solnit ihr Buch über die Geschichte des Gehens. Für die amerikanische Autorin ist das Gehen eine Angelegenheit von Amateuren, die die Felder aller anderen Expertinnen und Experten durchstreifen, von der Anatomie bis zur Religion. „Footnotes“ verwandelt die Gehenden in BeobachterInnen. Als Expertin des eigenen Tuns verwandelt sich die Stadt wieder in jene Landschaft, die zu surrealen Verführungen einlädt und sich jenseits des konsumistischen Entertainment-Paradigmas entfalten kann. Die Aufmerksamkeit schärft sich durch die Abfolgen. So wird die Beobachtungsgabe herausgefordert, nicht nur die visuelle, auch die akustische.

An drei Tagen wurde gegangen. Drei Termine gab es täglich, 5:30, 14:30, 17:30. Zwei Tourguides: Bergé und Herrala. Das macht 3 x 3 x 2. Insgesamt 18 Wege. Doch so kann man nicht rechnen, denn Jede und Jeder erzeugt durch das Gehen die eigene Performance des Weges. Eine Multiplikation! Einmal entlang des Weges kreuzt man die andere Gruppe. Auch sie schweigt. Man nimmt einander wahr. Das Schweigen intensiviert die Erfahrung. Kleine Zeichen des Tourguides weisen den Weg. Im Fahrstuhl zum richtigen Stockwerk. In luftiger Höhe wird ein Fenster geöffnet. Die Erwartungshaltung steigert sich entlang des Weges. Auf einer Bank wird Platz genommen. Alle, an denen man vorbeikommt, sind potenzielle AkteurInnen. Ihre Geschichte wird nie geschrieben. Ihre Performance bleibt unbekannt.

Vor vielen Jahren hat Peter Eisenman versucht, das Verhältnis zwischen Architektur und Text zu verändern. Eisenman radikalisierte seine Geste und nahm dem Text auch den Text. Was blieb, war ein weißes Blatt mit Fußnoten. Im Verschwinden der Bedeutung in die Fußnote schlägt das akademische Herz der Referenzen. David Bergé und Satu Herrala transplantieren die Fußnoten in die Stadt zurück und lassen es zu, dass sich diese, gänzlich unakademisch, Schritt für Schritt in erfreuliches Eigenleben übersetzen, das sich mit Bedeutungsreichtum anfüllt und viele leere Blätter beschreiben könnte.


(2.6.2010)