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VOM PÄDAGOGISCHEN WERT DER ARBEIT VON KÜNSTLERN AN SCHULEN

Erwin Dorn ist Projektentwickler für Linz 09 und hat die pädagogische Leitung in dem Projekt „I Like to Move It Move It“ übernommen. Er unterrichtet am Bundesrealgymnasium Traun Deutsch, Geschichte und Darstellendes Spiel. Sein Studium absolvierte er an der Universität Graz. Er unterrichtete in Südengland an einer Comprehensive School und besuchte verschiedene andere Schulen im europäischen Ausland. 1999 entwickelte er als Teamverantwortlicher den musisch-kreativen Zweig am BRG-Traun mit einem Architekturschwerpunkt. Für corpus sprach Helmut Ploebst mit Dorn über die Bedeutung von „I Like to Move It Move It“ für den Schulunterricht.


corpus: Wie ist Ihre Vorgeschichte als Pädagoge im Hinblick auf „I Like to Move It Move It“?

Erwin Dorn: Als wir gerade bei der Entwicklung des musisch-kreativen Schwerpunkts für unsere Schule waren, bin ich in Österreich herumgefahren, kam nach Salzburg an ein Gymnasium und habe gesehen, dass in dieser Schule Tanz unterrichtet wird. Ich habe dort mit Schülern gesprochen und hatte eine Art Schlüsselerlebnis. Obwohl ich ja eher vom Sprechtheater komme, habe ich gespürt, wie wichtig das körperliche Moment ist. Ich orientiere mich immer daran, was Schüler und Schülerinnen interessiert. Und die SchülerInnen dieses Gymnasiums haben mir die Augen geöffnet, indem sie sagten, wie gescheit es ist, dass es dort Tanz gibt. Das war ein ganz wichtiger Mosaikstein zur Entwicklung unseres musisch-kreativen Schwerpunkts, und wir haben tatsächlich Tanz von der 3. bis zur 6. Klasse als Unterrichtsfach etabliert. Und darüber bin ich sehr froh, auch wenn diese Sache in eine ganz andere Richtung gegangen ist. Also, so wie sie tanzen in Reih und Glied... (lacht). Aber das hat sich auch verändert, die Kollegen und Kolleginnen haben ja auch Fortbildungen gemacht...

corpus: ...und gesehen, dass es eine größere Bandbreite gibt?

Dorn: Ja, genau. Außerdem habe ich einen Architekturschwerpunkt für die 7. Klassen initiiert, in dem Architekten unterrichten. Ohne die vielen Architekten in meinem Freundeskreis wäre das allerdings nicht zustande gekommen.

corpus: Die ChoreografInnen, die bei „I Like to Move It Move It“ unterrichten, kommen nun - über eine Initiative von Linz 09 - von Guido Reimitz und Airan Berg. Dabei geht es noch einen Schritt weiter.

Dorn: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass Schule, wie sie zur Zeit funktioniert, nur zum Teil wirklich funktioniert. Denn Körperlichkeit wird in der Schule immer mehr ausgeklammert. Das war in den 70er Jahren anders, als man wenigstens noch über Sexualerziehung geredet hat und da etwas gewagt hat. Jetzt wird Körperlichkeit immer mehr schlicht ignoriert.

corpus: Warum dieser Rückschritt?

Dorn: Ich vermute, das hat viel mit den heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun. Rundum erleben wir einen Neoliberalismus, in dem nur zählt, wie man als Einzelner vorankommt. Da wird nur noch das Wissen wichtig genommen. Die persönliche Entwicklung steht nicht mehr im Vordergrund.

corpus: In der Nachkriegszeit bis zu den 70ern gab es Unterricht und Leibesübungen im Hinblick auf Disziplinierung, und heute im Neoliberalismus gilt es, den Einzelnen auf Effizienz auszurichten.

Dorn: Ja! Und da gibt es eine interessante Verquickung. Wir wissen, dass es auch in dieser Effizienzideologie wichtig ist, den Körper sprechen zu lassen.

corpus: Sie meinen die Fitnesskultur?

Dorn: Auch. Aber da ist aber noch etwas anderes. Jeder Personalchef beobachtet, wie ich mich bewege...

corpus: ...weil er auf eine bestimmte Art von Körpersprache trainiert ist.

Dorn: Daher muss man darauf achten, dass die Beschäftigung mit der Bewegung in der Schule nicht wieder instrumentalisiert wird. Meine Absicht ist es nicht, den Schülerinnen und Schülern etwas zur Verfügung zu stellen, das dann utilitaristisch verwertet werden soll. Sondern, ihnen etwas zu geben, mit dem sie sich selbst weiterentwickeln können. Ich bin der Auffassung, es gibt zu wenig Körperlichkeit an der Schule, und der Turnunterricht allein ist zu wenig. Der ist schon notwendig, aber es ist auch wichtig, den Körper sprechen zu lassen.

corpus: Wie hatte sich das in dem musisch-kreativen Schwerpunkt strukturiert?

Dorn: Die Erfahrung an der Schule ist, dass wir dort in 50-Minuten-Einheiten arbeiten, und dass wir alleine arbeiten. Das gibt es kaum in einem anderen Bereich. Dieses zerstückelte Tun produziert auch zerstückeltes Wissen. Und, radikal gesagt, auch einen zerstückelten Menschen. Daher kamen meine Kolleginnen und Kollegen und ich zu der Auffassung, dass es Sinn macht, wenn die Schülerinnen und Schüler über einen längeren Zeitraum hin an etwas arbeiten. Das heißt, wir unterbrechen den „normalen“ Schulablauf für die involvierte Klasse eine Woche lang. Sie hat keine Mathematik oder Physik, arbeitet auch nicht an einem naturwissenschaftlichen Projekt - also utilitaristisch gedacht -, sondern an einem Projekt, das sie selbst entwickelt und das im kreativen Bereich stattfindet.

corpus: Also Literatur, Musik oder...

Dorn: Dabei hat sich allerdings immer wieder auch die Musical-Schiene eingeschlichen, und deshalb bin ich froh, dass es „I Like to Move It Move It“ gibt. Ich habe vor Kurzem mit Schülerinnen und Schülern an einem Stück von Sarah Kane gearbeitet, und da ließen wir in Anlehnung an Jérôme Bel die Leute nur über die Bühne gehen. Die Schüler haben selbst gespürt, wie gut das ist, und es hat sie tief beeindruckt. Also wichtig ist: Eine ganze Projektwoche - und davor bis zu acht Wochen Arbeit zum Thema in Deutsch, Musikerziehung oder Bildnerischer Erziehung, immer im Doppelpack und jeweils länger als nur während dieser 50 Minuten.

corpus: Waren Ihre KollegInnen begeistert von dem Experiment im Unterrichten?

Dorn: Erst einmal gab es Konflikte und Unsicherheiten. Wie geht man mit Schülern in diesen ungewohnten Situationen um? Welche Position hat welcher Gegenstand? Bleibt auch genug Zeit für die klassische Wissensvermittlung, usw. Das ist klar bei so einem Projekt. Das ist sogar das Fleisch jedes Projekts. So ein Projekt braucht den Diskurs. Und auch die Bereitschaft, sich auf den Prozess einzulassen. Nur so kann es funktionieren. Und bei den Schülern ist es so, dass sie es in Wirklichkeit sind, die ihre Themen selbst erarbeiten.

corpus: Zum Beispiel?

Dorn: Eine Klasse etwa hat über Buschs Amerika gearbeitet, über Klischees und so weiter. Und wir haben darauf geachtet, dass gemeinsam entschieden wurde, was zu tun war. Wie etwas transportiert werden kann. Alle Möglichkeiten des Ausdrucks sind gefragt. Eben auch Tanz, wenngleich man das bei solchen Themen nicht vorweg vermuten würde. Das sind ganz wichtige Prozesse. Und da ist noch etwas entscheidend: Beim Tanzen ist es wie beim Singen, Malen und Schreiben - es kann jeder.

corpus: Die Schüler freuen sich schon allein über die Abwechslung.

Dorn: Und über die Prozesse, die sehr wichtig sind. Wenn man ehemalige Maturanten fragt, was ihnen von der Schule geblieben sei, sagen alle: Ich kann mich an das Projekt erinnern, als ich das erste Mal auf der Bühne war, als ich mich das erste Mal bewegt habe. Wenn ich auf der Uni meine Seminararbeit präsentiere, bewege ich mich nach dieser Erfahrung ja ganz anders. Es ist schon großartig, welche Reflexionsfähigkeit die Schüler und Schülerinnen dadurch erlangen können: Was bin ich und was ist der andere. Auch ich als Lehrer habe dabei viel gelernt. Ein Kollege - er ist Biologe, wir unterrichten gemeinsam Darstellendes Spiel - hat zu mir gesagt, seit er das macht, seit er den Raum spürt, seine Bewegung im Raum und so weiter, hat sich sein Biologieunterricht verändert.

corpus: Wie?

Dorn: Er nimmt anders wahr. Das betrifft das, was er sieht, wenn er in den Klassenraum hineingeht, wie er den Raum erlebt, was für ihn Körper bedeutet, wenn er in die Klasse geht. Früher war ihm das egal, er hat nicht wahrgenommen und erwartete, wenn die Schüler unruhig waren, dass sie sich einfach wieder auf den Stoff konzentrieren sollten. Jetzt gibt es eine andere Wertschätzung. Und man muss gar nicht extra betonen, welche Auswirkungen das für alle Beteiligten im Unterrichtsgeschehen hat!

corpus: Die Lehrerinnen und Lehrer sehen mehr Möglichkeiten für ihren Unterricht, und das verändert ihr Verhältnis zu den Schülern?

Dorn: Keine Frage! Es kommt zu einer ganz anderen Qualität des Austauschs. Schüler und Schülerinnen beginnen vorzuschlagen, wie man dies und das tun könnte. Das Lernen in diesen Projekten ist für die Lehrer vielleicht noch wichtiger als für die Schülerinnen und Schüler, behaupte ich.

corpus: Weil man als Lehrer von einer bestimmten Ausbildung kommt, die dann in der Unterrichtspraxis entweder verstärkt oder beeinsprucht wird?

Dorn: So ist es.

corpus: Es gibt jetzt im März schon erste Erfahrungen mit „I Like to Move It Move It“?

Dorn: Schon das erste Projekt, ein Theaterprojekt, fand in einer Berufsschule statt. Lauter junge Männer spielten dort, die Spengler werden und dergleichen. Und ich frage die Schüler nachher, wie es war. Sie sagen: Super. Und was es ihnen bringt? Nichts, ist die Antwort. Ich darauf: Dann kann man so etwas ja auch bleiben lassen. Und die Reaktion: Nein, man kann ja nicht wissen.  Also, sie spüren da ist etwas. Aber sie können es nicht benennen. Schüler, die zugesehen haben, sagten, schade, dass wir nicht dabei waren, und Lehrer fragen, wie das alles nach dieser Phase weitergeführt werden könnte.

corpus: Ein Zeichen für Nachhaltigkeit.

Dorn: Schon. Und viel spannender, als zum Beispiel „König Lear“ aufzuführen.

corpus: Was ist davon zu halten, wenn Künstler, die keine Unterrichtserfahrung haben, direkt mit den Schülern zusammentreffen?

Dorn: Manche SchülerInnen und KollegInnen reagieren mit vorsichtiger Reserviertheit, andere mit großer Ungeduld, wann endlich angefangen werden kann. Und das betrifft die Mehrheit. Die Schüler spüren ja auch, dass da etwas auf sie zukommt, das nicht lehrplanmäßig verortet ist. Worin das mögliche Scheitern mit inkludiert ist und wobei man nicht genau im Vorhinein weiß, dass am Ende etwa der pythagoreische Lehrsatz verstanden worden sein muss. In jeder Schule gibt es ein selbst gemachtes System, in dem auch viel möglich ist. Aber „I Like to Move It Move It" strahlt etwas anderes aus, und das kommt in die Schule. Dabei spielt es eine entscheidende Rolle, dass die SchülerInnen und die LehrerInnen mit Leuten zusammen arbeiten, die nicht im System Schule verankert sind. Diese Begegnung mit KünstlerInnen ermöglicht neue und aufregende Formen des Lernens - in all seinen Facetten. Und das Projekt hat auch deshalb so viel Kraft, weil es einen politischen Diskurs darüber gibt und weil es an so vielen Schulen stattfindet. An 60 Schulen finden Projekte mit Schülern statt und an 30 weiteren solche mit Lehrern.

corpus: Künstler lösen andere Arbeitsprozesse aus als die bisher auf die Schule zugeschnittenen. Kann sich das insgesamt auf das Schulsystem positiv auswirken?

Dorn: Das System Schule birgt eine große Gefahr: Da werden interessante Projekte, die ja durchaus nicht immer gefällig und geschmeidig in die Alltagssituation der Schule passen, aufgenommen, wird dort eine Kante und da eine Ecke abgeschliffen und schließlich so lange daran herumgekaut, bis sie sich gut in die Schulwirklichkeit integrieren lassen. Aber „I Like to Move It Move It“ soll meiner Meinung nach nicht so zerkaut werden, dass es „artgerecht“ im Schulsystem Platz findet. Wir müssen das Besondere daran bewahren. Und es soll nicht nur eine kostenlose Fortbildung für die Lehrer bieten. Wir versuchen, etwas Neues zu machen, und wir müssen darauf achten, dass man nicht sagt, das war eine schöne Sache, und dabei bleibt es dann.

corpus: Wie muss dem begegnet werden?

Dorn: Eine diesbezügliche Begleitung läuft hier parallel zu der Arbeit, die in den Schulen stattfindet. Uns geht es ja um einen Beitrag zur Schuldiskussion, und nicht nur um ein begrenztes Projekt. Jetzt aktuell zieht der Konflikt um die zwei zusätzlichen Stunden ohne Lohnerhöhung zwischen Lehrern und Unterrichtsministerium auch Energie ab.

corpus: Wenn Sie sich im Zusammenhang mit dem Schwerpunkt und mit dem Projekt wünschen könnten, wie Schule künftig ablaufen könnte, welche wären Ihre dringendsten Wünsche?

Dorn: Einer der wichtigsten Punkte wäre die Einzelarbeit der Lehrer in Teamarbeit zu ändern. Und die Schule braucht Menschen von außen, die über einen längeren Zeitraum an der Schule sind. Drittens, die Schüler sollten über einen längeren Zeitraum hin an Projekten mit KünstlerInnen arbeiten.

corpus: Tanz ist ja immer noch ein Exote unter den Kunstsparten, der da eingeladen wird, der zum Teil mit Theater zu tun hat, mit Organisation und der hoch kooperativ angelegt ist. Warum ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, gerade Tanz an die Schulen zu bringen?

Dorn: Dafür gibt es mehrere Gründe. Es fehlt in der Schule etwas, wovon jeder, der mit Bildung zu tun hat, spricht: die Körperlichkeit und der Ausdruck. Es gibt niemanden an der Schule, der sich mit den Schülern kompetent darüber austauschen könnte. Und daher ist dieser Exote so wichtig. Gerade Exoten sind es ja, die uns die Augen öffnen.

corpus: Etwa für prozessuelle anstatt ergebnisorientierte Arbeit?

Dorn: Die Lehrziele für die Unterrichtssequenzen sind ja immer definiert. Bei diesem Projekt, in dem Tanz und Theater so wichtig werden, ist das nicht möglich. Diese Unsicherheit ist ein Motor für Kreativität. Dieser Prozess bleibt bis zum Schluss offen. Im Unterricht passiert das nicht. Das Unabgeschlossene in der Schule auszuhalten, das ist nicht einfach.


(29.3.2009)