Erskine-N-Collider

Ein Performance-Projekt im AIL Wien

Von CORPUS

Um die Idee eines Diskursmaterie-Colliders erstmals live als Performancepraxis zu testen, hat corpus ein entsprechendes Versuchsszenario entworfen: den Erskine-N-Collider. Die Umsetzung dieses Experiments im Rahmen einer Philosophiekonferenz mit dem Titel „Art as a Medium of Thinking – Künste als Medien des Denkens“ war möglich, weil uns die Organisatorınnen der Konferenz, Arno Böhler mit Jens Badura und Elisabeth Schäfer, freundlicherweise eingeladen hatten, innerhalb dieser Veranstaltung ein dazu passendes Projekt zu präsentieren. [1]

 

Die Struktur des Erskine-N-Collider ist der eines Teilchenbeschleunigers wie dem LHC von Cern nachempfunden: Eine Gruppe von Teilnehmerınnen aus dem Publikum stellt sich im Kreis auf und hört Texte, die von Performerınnen vorgetragen werden. Die Performerınnen speisen als „Akzeleratorınnen“ die Diskursmaterie so in verschiedenen Konstellationen in die Wahrnehmung jedes einzelnen Teilnehmers ein. Insgesamt bildet das teilnehmende Publikum im Kreis einen sozialen „Speicherring“, in dem sich die von den Akzeleratorınnen gelesene Diskursmaterie ansammelt und in bestimmten Momenten in Bewegung setzt. Jede/r der Teilnehmerınnen im Ring ist dabei als Individuum sein oder ihr eigener „Detektor“.

 

Alle 19 für das Experiment geeignet erscheinenden Texte sind dem Anlass der philosophischen Konferenz entsprechend in engerem oder weiterem Sinn mit dem Namen von Friedrich Nietzsche verbunden und wurden ausschließlich dem corpusArchiv entnommen. Für das insgesamt fünfteilige Versuchsszenario wurden als „Akzeleratorınnen“ die Wiener Performerınnen Lisa Hinterreithner, Rotraud Kern, Andrea Maurer und Paul Wenninger sowie die corpusKollaborateurin Heidi Wilm eingeladen, diese Texte in fünf unterschiedlichen Scores vorzulesen.

 

Kollisionen der Diskursmaterie waren sich dort zu erwarten, wo diese in „gegenläufiger“ Bewegung aufeinandertrifft: Vor allem wenn zwei, drei bis maximal fünf verschiedene Texte gleichzeitig gelesen werden, bilden sich Wahrnehmungs- und Sinnkollisionen, die nur von den Zuhörenden selbst registrert werden können.

 

Dokumentation der Performance im Wiener Angewandte Innovation Laboratory (AIL) am 26. November 2016:

 

Erskine-N-Collider, Circle 5: im Kreis Andrea Maurer und Heidi Wilm; außerhalb Lisa Hinterreithner, Rotraud Kern und Paul Wenninger.

 

Collider-Konzept von Helmut Ploebst als Information für die Performerınnen („Akzeleratorınnen“):

 

 

Alle Fotos: Nikolaus Gansterer (Mobiltelefonkamera)

 

Erskine-N-Collider, Circle 5: im Vordergrund Paul Wenninger

 

Versuchsanordnung auf dem Grundrissplan des AIL: 5 Kreise, Ø je 5 Meter (Ablauf: I > II > III > IV > V=I) nach Erskines Bild in Samuel Becketts Roman Watt; die blauen Punkte bezeichnen die Positionen der „Akzeleratorınnen“ (hellblau jeweils die „injector“-Position mit dem Texteinsatz), die Kreisöffnungen verschieben sich im Uhrzeigersinn.

 

 

Teilimmersive Performance: Das Publikum zwischen Partizipation und Rezeption – die „Ergebnisse“ jedes Versuchs ereignen sich nur in den Wahrnehmungsapparaten der Teilnehmerınnen, dort, wo die Diskursmaterie der Texte kollidiert. In einem weiteren, künftigen Testlauf würden die „Detektorınnen“ aufgefordert werden, über ihre Erfahrungen in Einzelinterviews zu berichten.

 

Erskine-N-Collider, Circle 5: links außen Lisa Hinterreithner, im Kreis Andrea Maurer (links) und Heidi Wilm.

 

Textquellen des Erskine-N-Collider und Teilnehmerin an der Überlappung von Circle 1 (weiß) und Circle 5 (blau):

 

 

Fußnote:

  1. ^ ART AS A MEDIUM OF THINKING – KÜNSTE ALS MEDIEN DES DENKENS (25.-26.11.2016), organisiert über das FWF PEEK-Projekt “ARTIST-­‐PHILOSOPHERS. PHILOSOPHY AS ARTS-­‐BASED-­‐RESEARCH”, im ANGEWANDTE INNOVATION LABORATORY (AIL), Universität für Angewandte Kunst Wien, hat den Erskine-N-Collider auch finanziell unterstützt. Dafür herzlichen Dank an Arno Böhler!

 

(7.2.2017) 

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