Ξ: Tauchgang einer Choreonautin

KAT VÁLASTUR SCHLIESST IHREN ZYKLUS “OH! DEEP SEA” IM BERLINER HAU 3 AB

Von Helmut Ploebst

[Dieser Text ist Teil von Projekt Ξ: corpus reaktiviert Beiträge aus

seinem Archiv 2006-2017; wiederveröffentlicht am 6. März 2019]

 

Es ist ein Buch in sechs Kapiteln. Vier Choreonautınnen sind in einer Schattenwelt angekommen. Wortbruchstücke flimmern über eine dunkle Wand, die über der Bühne hängt. In der Mitte dieser Bühne liegt ein gläsernes, in die Länge gezogenes Sechseck auf dem Boden. Erst zerhackt Stroboskoplicht einige Minuten hindurch die Bewegungen der Tänzerınnen. Die stakkatohafte Abfolge von Licht und Dunkel erzeugt Unterbrechungen, die in der Folge auf die Choreografie übertragen werden. Das Unterbrechen der „Belichtung“ verwandelt sich in ein Unterbrechen der Bewegungsflüsse der vier Figuren.

Scheinbar. In dem Stück Oh! Deep Sea – Corpus III (Untertitel: Your whole life passes before your eyes) von Kat Válastur, das gerade im HAU 3 uraufgeführt worden ist und den vierten Teil einer Serie darstellt, wird ein im Tanz bekanntes – letzthin auch von Ula Sickle in ihren Light Solos gezeigtes – Paradoxon vorgeführt: Wie im Stakkato der Unterbrechungen das Unterbrochene im Fluss bleibt. Der Effekt zwingt zu dem Schluss, dass da das flimmernde Medium Film zitiert wird. Und zwar in besonderer Form: als ein Live-Film, der nicht in 24, sondern in nur vier Bildern pro Sekunde abläuft.

Auch diese Methode der Unterbrechung wird passagenweise durchbrochen. Immer wieder bewegen sich die Figuren in ungebrochenem Fluss. Ab und zu werden auch Stills – als „Einblendungen“ – eingeschmuggelt, die einen eigenen Strang bilden. Als Erzählerin verschränkt Válastur fiktive, assoziative und „reale“ Ebenen miteinander. Dem Programm ist zu entnehmen, dass sie ihr Stück in der Odyssee verankert. Und zwar in jenem Teil, der Odysseus in den Hades führt, wo er unter anderem auf den toten Seher Teiresias trifft, womit eine Verschränkung zwischen Vergangenheit und Zukunft geschieht. Und wo daher die Zeit aus den Fugen gerät: Immer wieder tickt und verstummt also im Stück eine Uhr. Dabei vermischen sich unter anderem Bezüge auf den Maler Francisco Goya („1819“, das Jahr, in dem Goya in sein Landhaus übersiedelte und dieses mit seinen Pinturas negras ausmalte, mit finsteren Motiven, die die Quinta del Sordo – das „Landhaus des Tauben“ – in eine Unterwelt verwandelte) mit der „Geschichte der Jungfrau Maria“ zu einem unheimlichen Pandämonium.

Das Narrativ als Objekt

Im projizierten Text tauchen ab und zu die Vornamen der Tänzerınnen auf, von Ana Laura Lozza, Ixchel Mendoza Hernández, Enrico Ticconi – und von Kat Válastur selbst. Im vierten Kapitel wird eine Traumgeschichte projiziert: „One day, when I was doing things at home / the things I usually do at home...“ ...die Wände geraten aus den Fugen, Flucht vor den drängenden Wänden. Oder im Wald, Lachen und Pissen, einem Wal werden die Knochen gezogen, ein Picknick mit Gänsen, die Erde bebt, Atem anhalten – ein Feuer! Dazwischen schlaglichthaft Szenen auf einer Straße. Menschen liegen da, sitzen, stehen herum wie in Momenten eingefroren. Musik und Licht treiben die Figuren von einer in die nächste Alptraum-Atmosphäre. Immer wieder verzerren sich die Gesichter der Choreonautınnen zu grinsenden Grimassen. Die Figuren werden von dem Geschehen absorbiert und dann wieder in einen Realraum entlassen. Emotionsmuster werden hochgezogen und wieder fallengelassen. Ein Schuss fällt, es knarzt, schweres Atmen und zischendes Fauchen sind zu hören.

Das gläserne Sechseck auf dem Bühnenboden stellt die Struktur des Stücks dar: „Becoming“, „My Portrait“, „My Night“, „A DREAM“, „Hu(ge)manity“, „I“. Sechs Kapitel. Ein Bezug auf Válasturs Solo What scratches the glass from the inside von 2008. Noch ein Bezug – auf das Duett Lang aus demselben Jahr, in dem es, wie auch in Oh! Deep Sea – Corpus III, um die Relativität der Zeit geht. Die Geschichte, die wieder erzählt werden könnte, obwohl sie das schon so oft wurde, versinkt in den Projektionen des Erzählakts – oder besser: in Spiegelungen des narrativen Raums, diesem Kabinett der Täuschungen, in dem die Figur des Erzählers das Erzählte verzerrt, zerhackt, vervielfältigt und zugleich stillstellt und beschleunigt.

Kat Válastur verhandelt das Erzählen der dem Tanz meist eigenen nichtliterarischen Ebene. Für sie ist allerdings das Narrativ im sozial- und kulturanthropologischen Sinn tatsächlich ein Objekt, das sie mit künstlerischen Methoden in seiner Systemik aufzufalten imstande ist. In dieser Annäherung übersetzt sie das „graphein“ im Tanzzusammenhang in eine Kunst der Steuerung von „geschriebener“ tänzerischer Bewegung. Ihre Choreografie ist dabei Teil einer Choreonautik, also der Navigation im „Schriftraum“ von Tanz, die sich in dessen Dynamiken von performativen, motiven (bewegungspartikularen), semiotischen, ikonologischen, narrativen und kontextualen Strängen orientiert. Válastur macht da einen bahnbrechenden Vorschlag, und das in einem von der ersten bis zur letzten Sekunde stimmigen Stück innerhalb eines bisher überaus konsequenten Werkkatalogs.


(3.12.2012)

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