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ODER: DIE UNSICHTBARE HAND DES LEHRERS[i]
Von Gunter Gebauer
Das Kind ist der Held der Leibeserziehung. Von
den traditionellen, inzwischen als veraltet geltenden Formen der Pädagogik, die
einen Erziehungsstil der offenen Körperdisziplinierung favorisierte, ist im
Beitrag von Dieter Lenzen die Rede. Hier soll die Sprache auf moderne
Erziehungsangebote gebracht werden, die der Lehrer dem Kind macht: als „erster
Spielkamerad“, der „unbemerkt“ seine „Übungsspiele … mit den inneren Wünschen
der Schüler“ verschmilzt (C. Diem) oder las Helfer in „einer Not“ (J. Funke) -
„eine Not …, die darin besteht, dass der Körper durch die Umstände des
modernen Lebens missachtet und unterdrückt wird und dass .. . die Menschen in
ihrer gesamten leiblichen Verfasstheit bedroht sind“.
Der Lehrer tritt nicht mehr in seiner Rolle
als Lehrender in Erscheinung, er stellt sich neben den Schüler, nimmt gar eine
„entprofessionalisierte“ Rolle an, „den Kindern ein angenehmer Mensch“, der
„nicht eine ‚Sache‘ vermittelt, sondern das Kind direkt zu formen beansprucht“
(H. von Hentig). Seine Autorität hat er an „Lernangelegenheiten“ abgetreten, an
ausgeklügelte didaktische Arrangements ohne das Aussehen von Unterricht. So
präpariert er mit einer Hand, die den Schülern unsichtbar bleibt, das Terrain,
lässt die Dinge sprechen, macht die Teilnahme am Unterricht zum Gegenstand
freier Entscheidung, verspricht „angenehme Erfahrungen“, „die Entdeckung einer
eigenen Quelle von Lust“. Erziehen will er aber nach wie vor; seine Didaktik
steckt in den Dingen, seine Methodik versteckt sich im Hinlenken auf die
Lernangelegenheiten. Statt zu kommandieren, spricht er die Sprache der Gefühle.
Nach der neuen Konzeption des Sportunterrichts, wie ihn z.B. von Hentig entwirft,
„muss“ er „die Kinder ‚verführen‘“.
Schlüsselbegriff des ‚Verführungs‘-Diskurses
in der Geschichte der Leibeserziehung ist „die Natur“: Die Leibesübungen werden
als Mittel entworfen und propagiert, das eine Befreiung des einzelnen auf dem
Stand der modernen Zivilisation zu seiner individuellen Natur bewerkstelligen
könne. Ihre Praxis sei geeignet, die Kultur mit der Natur zu versöhnen. Das
Programm der Wiederherstellung der menschlichen Natur geht auf Jean-Jacques
Rousseau zurück. Es zeigt sich im historischen Abstand ein Sachverhalt, den
auch die gegenwärtigen ‚Verführungs‘-Diskurse, allerdings nicht mit der
gleichen Deutlichkeit, durchscheinen lassen: dass sich die Befreiung der
individuellen Natur unter der Leitung des Körperpädagogen mit einer im Verborgenen
wirkenden Machttechnik des Erziehers verbindet.
Der „Fall Jean-Jacques Rousseau“ ist
historisch abgeschlossen; die Folgerungen, die aus ihm zu ziehen sind,
betreffen teilweise auch gegenwärtige Tendenzen der Befreiung des Körpers im
Sportunterricht[ii]. Der
Gedanke der Wiederherstellung der körperlichen Natur tritt in der Theorie der
Leibeserziehung in vielen Varianten auf. Ihnen allen ist eine Konzeption der
Leibeserziehung gemeinsam, die bei dem Postulat verloren gegangener
Möglichkeiten des Körpers ansetzt. Der zweite Gedanke besteht im Entwurf von
Leibesübungen, die zu einer Wiederherstellung des Verlorenen führen sollen.
Eine derartige Kompensation entgangener Möglichkeiten ist zu bewerkstelligen –
dies ist die entscheidende Wendung – mit Hilfe einer Pädagogik: mittels
systematischer und methodischer Übungen unter der Leitung eines Erziehers und
in Richtung auf definierte Erziehungsziele.
1. Rousseaus Idee der
Wiederherstellung der menschlichen Natur
Das im Émile romanhaft imaginierte
Erziehungsprogramm[iii] beruht auf
einer Ablehnung von Forderungen, Regeln und Normen der Gesellschaft. Selbst der
übliche Rahmen, innerhalb dessen die Erziehung stattfindet, wird gesprengt: Die
Erziehung soll bis zum Ende des Jugendalters außerhalb der Gesellschaft, ohne
jede Institution, nur in der Gemeinschaft der Erzieher und Schüler stattfinden.
Das
Rousseau-Programm enthält im Wesentlichen drei Annahmen über den natürlichen
Körper und seine Befreiung:
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(1)
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Der Körper hat seine eigenen Gesetze und sein eigenes Recht. Beiden soll
Geltung verschafft werden. Erziehung beschränkt sich darauf, der Natur zu folgen. Rousseau meint, auf
diese Weise eine Art laissez-faire-Prinzip der Erziehung aufgestellt zu haben
(„negative Erziehung“)[iv].
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(2)
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Körper-Erziehung erhält Priorität vor Wissensvermittlung. Die freie
Entfaltung des Körpers führt zur Entwicklung der Persönlichkeit. Die Erziehung
des Körpers wirkt auf die Seele ein. Die Befreiung des Körpers wird in der
Absicht unternommen, zu einer Befreiung der Seele zu führen; dies ist der Sinn
des Rousseauschen Ganzheitsgedankens.
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(3)
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Der Körper wird unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung gesehen. Er befindet sich nach Rousseaus Auffassung in
einem stufenweise fortschreitenden Prozess der Weiter- und Höherentwicklung.
Die erzieherische Anstrengung konzentriert sich darauf, eine optimale
Entwicklung des Schülers herbeizuführen.
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Das Rousseau-Programm wirft drei bedeutende
Probleme auf: Wie lässt sich erkennen, was die Natur der Menschheit oder des
jeweiligen zu erziehenden Menschen ist? Wie lässt sich im Erziehungsprozess das
Naturhafte vom Gesellschaftlichen unterscheiden – wie kann sich die Natur
entfalten, wenn Gesellschaftliches auf den Erziehungsprozess einwirken kann?
Wie gelingt es dem Erzieher, der Natur zu folgen? Den Naturzustand gibt es nicht mehr, aber das Individuum Jean-Jacques
Rousseau ist fähig, sich eine Vorstellung davon zu machen und diese
weiterzugeben. Die Lage ist sogar noch komplizierter, und dies ist äußerst
aufschlussreich für die Einschätzung von Rousseaus Natur-Vorstellung: Rousseau
räumt ein, dass es den Naturzustand „vielleicht nie gegeben hat und
wahrscheinlich nie geben wird“[v].
Die Natur-Vorstellung entspringt Rousseaus Imagination. Es ist nicht einmal
notwendig, ihr Zutreffen zu behaupten[vi].
Hingegen hält Rousseau seine Natur-Vorstellung für denknotwendig. Selbst wenn es den Naturzustand nicht gegeben haben
sollte, hat „man aber dennoch rechte Begriffe“ darüber nötig, „um den jetzigen
Zustand richtig beurteilen zu können“[vii].
Rousseaus Natur-Vorstellung ist als regulative Idee angesehen worden[viii].
Es ist wenig sinnvoll, an dieser Stelle eine
Auseinandersetzung mit der Rousseauschen Erkenntnistheorie zu suchen. Ob
regulative Idee oder eine andere Interpretation – nichts führt an der Einsicht
vorbei, dass die Natur-Vorstellung bei Rousseau nicht empirisch nachweisbar,
auch nicht durch Zwischeninstanzen vermittelt auf Beobachtbares bezogen werden
kann, sondern eine Setzung ist, die eng, wenn auch nicht an Rousseaus
empirische Person, so doch an seine Vorstellungswelt gebunden ist[ix].
Die Annahme, in anderen Personen würde eine
innere Instanz zu gleichen Vorstellungen führen, lässt sich heute nicht
ernstlich behaupten. Es ist jedoch eine andere Weise denkbar, auf die
vergleichbare Vorstellungen wie bei Rousseau in anderen Personen erzeugt werden
können: Rousseau wirkt weniger durch den abstrakten Gedankenvortrag als durch
beispielhafte überredende literarische
Prosa. Als Schriftsteller gelingt es
ihm, seine Vorstellungen zu verbreiten. Diese haben weniger den Charakter
philosophischer Hypothesen als den literarischer Imaginationen.
In Rousseaus Werk finden sich Stellen, an denen der imaginäre Charakter des
Naturbegriffs klar erkannt wird. Es handelt sich dabei keineswegs um abseitige
Stellen, Zitate ohne Wichtigkeit, sondern gerade um wesentliche Passagen, die
in der Literatur zur Stützung des Rousseau-Arguments herangezogen werden.
In der 5. Promenade der Rêveries du promeneur solitaire[x],
die für Rousseaus Naturauffassung zentral ist, wird eine exemplarische,
besonders tiefe Erfahrung der umgebenden Natur eindringlich beschrieben: Die
Erfahrung des Wassers in seinem Exil auf der Peterinsel im Bieler See gehört zu
den „plus douces jouissances et des plaisirs les plus vifs“ (den süßesten
Genüssen und den lebhaftesten Freuden)[xi]
von Rousseaus Leben. Eine vergleichbare Erfahrung ist dennoch an einem ganz
anderen Ort möglich, selbst in einem dunklen Loch in der Bastille. Noch lange
Jahre nach seinen Träumereien auf der Peterinsel erzeugt Rousseau in sich
„dieselbe Freude, als ob ich noch dort wohnte“; er erzeigt sie „sur les ailes
de l‘imagination“ (auf den Flügeln der Imagination).
Die reale Natur ist für Rousseaus
Naturerfahrung nicht notwendig: Wenn erst einmal Naturerfahrungen gemacht
worden sind, kann das Individuum aus seiner eigenen Imagination vergleichbare
erzeugen. Mehr noch: die selbst erzeugten Erfahrungen können „noch angenehmer
sein als zu der Zeit, als ich wirklich dort war“[xii].
Die Imagination Rousseaus verarbeitet
Erfahrungen der realen Natur; sie gewinnt dabei Macht über diese und erzeugt
vergleichbare, möglicherweise noch intensivere Erfahrungen aus sich selbst. Die
Imagination wird gegenüber der
wirklichen Natur autonom. Das Individuum verliert die Fähigkeit,
zwischen Erfahrungen der realen Natur und imaginierten Naturerfahrungen zu
unterscheiden.
Ist es unter diesen Bedingungen noch sinnvoll,
von „realer“ Natur zu sprechen? Dies erscheint nicht mehr möglich: „En sortant
d‘une longue et douce rêverie … me trouvant enfin ramené par degrès á
moi-même et á ce qui m‘entourait, je ne pouvais marquer le point de séparation
des fictions aux réalités“[xiii]
Wenn das Individuum, das sich für eine Festlegung dessen, was Natur eigentlich
sei, berufen hält, zwischen der Erfahrung realer Natur und imaginärer
Naturerfahrung nicht zu unterscheiden fähig ist, kann nicht länger angenommen
werden, dass es die reale Natur erkennt. Der Rousseausche Naturbegriff ist
wesentlich imaginären Charakters.
Die Erkenntnisfähigkeit wird vollständig in
das einzelne Subjekt gelegt und von dessen Eigenschaften (z.B. Stimmungen,
Gefühlen, Sinnesreizen, Eindrücken) mitgeformt. Sie macht sich zwar anderen
Personen zugänglich, indem sie ausgedrückt wird; insofern ist sie keine private
Einrichtung. Aber sie kann, weil sie von der Imagination beherrscht wird, keine
allgemeine Geltung beanspruchen. Denknotwendig ist die Natur-Vorstellung
Rousseaus zweifellos nicht. Sie ist nur notwendig für eine bestimmte Art der
Kritik an der Gegenwart, insbesondere an der Zivilisation, und für das Programm
der Natur-Wiederherstellung. Die Setzung einer Natur-Vorstellung führt zu einem
Programm der Menschenformung.
Jede Form der Erziehung muss das Problem
lösen, wie der Erzieher die von ihm auf den Schüler ausgeübte Formung
legitimiert. In Rousseaus Erziehungsprogramm dient der Naturbegriff gerade als
Legitimationsgrundlage. Die Rousseausche Legitimation der Bildungsarbeit hat
zur Folge, dass der Schüler ausschließlich nach dessen Natur-Vorstellungen
erzogen wird. Die Natur-Imagination Rousseaus entfaltet, wenn sie auf den
Prozess der Menschenformung angewendet wird, politische Wirksamkeit. Ich werde
im Folgenden ihre Funktion als Legitimationsgrund des Rousseau-Programms
untersuchen.
2. Der
Natur folgen
Rousseau zielt als Erzieher keinen mit einem
historischen Zustand der Menschheit identifizierbaren Zustand an. Er gibt
nichts anderes an als Möglichkeiten
der Menschheitsentwicklung; er beschreibt (im 2. Diskurs), wie der Naturzustand
hätte sein können, und er imaginiert
als Ergebnis eines fiktiven
Erziehungsprozesses einen Zustand, der eine – extreme – Möglichkeit
menschlicher Existenz darstellt (im Émile).
Er gibt diese als potentielle Entwicklung in der Zukunft aus. Dadurch scheint
Rousseaus Erziehungsprogramm eine besondere Legitimation zu erhalten: Erziehung
ist Wiedergewinnung der ursprünglichen Bestimmung des Menschen. Wir sollen als
Erzieher in der Zukunft erarbeiten, was wir für die Vergangenheit der
Menschheit halten. Das Rousseau-Programm stellt sich im ursprünglichen Wortsinn
als „revolutionär“ dar.
Die Rückkehr in die Vergangenheit, die im
Rousseau-Argument entworfen wird, ist aus einem literarischen Entwurf entstanden, nicht aus einer politischen
Analyse. Diese Herkunft lässt sich im Erziehungsprogramm Rousseaus deutlich
erkennen. Der Natur zu folgen, ist eine durch und durch zwiespältige
Angelegenheit: Der Schüler kennt seine eigene Natur nicht; diese Kenntnis hat
einzig und allein der Erzieher. Die Natur äußert sich nicht so eindeutig, dass
sie für andere Personen als den Erzieher erkennbar wäre. Es gibt widrige
Einflüsse und Entwicklungen. Die meisten kommen aus der Gesellschaft; sie
müssen unterdrückt werden. Aber es gibt auch einige, die aus der Natur selbst
stammen. Auch diese müssen zum Verschwinden gebracht werden.
Vom Erzieher wird viel verlangt. Er muss von
der eigentlichen Natur die
gesellschaftlichen Zutaten und von der wesentlichen
Natur die hindernden Quertriebe unterscheiden und diese unterdrücken. Er muss
weiterhin quasi-natürliche Bedingungen des Erziehens herbeiführen. Sein
subjektives Erkenntnisprinzip entscheidet autonom über die Formung des
Menschen, der in seine Hand gegeben worden ist. Wenn allein der Erzieher die
Natur kennt und wenn die Erziehung der Natur folgen soll, erhält die
Natur-Deutung des Erziehers eine absolute Autorität[xiv].
Das Rousseau-Programm konzentriert eine enorme
Macht und Erziehungsgewalt in der Hand einer Person. Der Erzieher simuliert die
Natur; mehr noch: indem er entscheidet, welche Natur fördernswert ist, leitet er die Natur. Er folgt der Natur,
aber den Lauf der Natur hat er vorher selbst gezeichnet. Die erzogene Person
erhält die Freiheit, sich ihren Anlagen und Fähigkeiten entsprechend zu
entwickeln. Dies geschieht in Situationen, die allesamt vom Erzieher
herbeigeführte Lerngelegenheiten sind. Die freie Entfaltung der Natur des Schülers
ist ein bis ins letzte vorausberechneter Prozess. Alle Entwicklungsprozesse
sind im Vorhinein präpariert, arrangiert, kalkuliert. Die Naturentfaltung
erweckt den Eindruck von Spontaneität, Natürlichkeit, Selbstverwirklichung; der
Prozess selbst ist nicht gesteuert. Die Rationalität ist eines höheren Grades.
Es ist viel mehr Wissen im Spiel als bei einer erzieherischen Leitung durch
explizite Normen, Regeln und Vorschriften.
Der Erzieher setzt seine Rationalität in
dreifacher Weise ein: Die günstigen Entwicklungsprozesse werden ausgewählt;
ungünstige zum rechten Zeitpunkt, im Entstehen, unterdrückt. Es werden
Rahmenbedingungen geschaffen, unter denen die ausgewählten Prozesse nur einen
bestimmten Verlauf nehmen können. Der Verlauf jedes zugelassenen Entwicklungsprozesses
wird im Voraus aufgrund der Kenntnisse des Erziehers prognostiziert und der
Prognose entsprechend in einen Plan
eingesetzt.
Ziel der Entwicklung ist allein die Entfaltung
der Entwicklungsprozesse; hierin wird die Legitimation des Rousseau-Programms
gesucht. Die Entwicklungsprozesse führen aber genau dahin, wohin der Erzieher
sie zu steuern wünscht[xv].
Der Plan der Natur ist der des Erziehers. Der
Erzogene gewinnt in seiner Entwicklung die Erfahrung, dass er sein eigener Herr
sei. „Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, die den Schein der
Freiheit wahrt: so nimmt man den Willen selbst gefangen.“[xvi]
Der Erzogene erfährt nicht mehr, dass er einem Willen unterworfen ist, weil
sein eigener Wille von der Macht des Erziehers besetzt ist[xvii].
„Zweifellos darf es (das Kind, G.G.) tun, was es will. Aber es darf nur das tun
wollen, was ihr wünscht, dass es tue.“ Auf diese Weise wird eine Form der Macht
eingerichtet, bei der die Machtausübung nicht mehr auf Widerstand stößt, den
sie brechen müsste und dessen Erlöschen nicht zu garantieren wäre. Die Macht
wird von dem beherrschten Subjekt sich
selbst gegenüber ausgeübt. Diese Form der Machtausübung ist mehr als nur
eine Manipulation des Subjekts[xviii].
Es lässt sich überhaupt nicht bestreiten, dass dieses seine Natur frei
entfalten kann; der Émile enthält
eine Fülle eindrucksvoller Beispiele dafür. Das Entscheidende ist, dass dem
Erzogenen die Vorstellung von seiner eigenen Natur, die Forderung nach
Verwirklichung dieser Natur und die Legitimation dieses Ziels die
Wiederherstellung von Verlorenem von
seinem Erzieher gegeben worden sind. Pädagogik wird im Entwurf des
Rousseau-Programms zu einem Macht ausübenden Wissen[xix].
Die wesentlichen Kennzeichen der von Rousseau
eingerichteten Machtform sind die Unangreifbarkeit des Erziehers und die
Immunität seiner Theorie: Der Erzieher folgt der Natur, er unterwirft sich
ihren Forderungen und Anordnungen. Er achtet genau darauf, dass er nicht in
Konflikt mit seinem Schüler gerät. Mit der List der Vernunft erzeugt er solche
Lernangelegenheiten, bei denen sein Schüler spontan die gewünschten Reaktionen
hervorbringt[xx]. In den
Fällen, in denen ein offenes Verbot unumgänglich ist, versteckt er seine
Intentionen hinter vorgeschobenen Sachzwängen. – Die Erziehungstheorie immunisiert
sich dadurch gegen Einwände, dass sie auf die Imagination des Erziehers
zurückgeht. Ebenso verhält es sich mit dem Erziehungsziel, den Zustand des
Naturmenschen herzustellen. Es ist eine Erziehungs-Fiktion, die Rousseau als
Pädagoge propagiert. Schließlich ist die Annahme, die vorgeschlagene
Erziehungsform, die auf Entbehrungen, Härte, Zwang der Verhältnisse u. ä.
vertraut, führe zu einer Höher- und Weiterentwicklung des Individuums,
letztlich zu einem Fortschritt der erzogenen Persönlichkeit, nichts anderes als
eine Projektion der Rousseauschen Natur-Vorstellung auf einen unbekannten
zukünftigen Zustand. Die Macht ausübenden Instanzen sind alle imaginär – bis auf den Erzieher; und
dieser tritt als Diener der imaginären Instanzen in Erscheinung.
Die Situation erscheint paradox: Das
Rousseau-Programm ermöglicht eine perfekte Kontrolle über den Erzogenen; sie
führt insofern handfeste Machtverhältnisse herbei. Andererseits sind alle an
der Einrichtung der Machtform beteiligten Instanzen imaginär – bis auf den
Erzieher; es treten keine Autoritäten auf.
3. Macht durch Imagination
Wie können imaginäre Instanzen zu einer
perfekten Kontrolle über Personen führen? Ich werde zu zeigen versuchen, dass
sich alle aufgeführten Elemente, die so wenig zueinander zu passen scheinen,
nahtlos zu einem hochwirksamen Erziehungsarrangement zusammenschließen. Dafür
wähle ich ein Beispiel aus dem Émile.
Émile ist in das Alter gekommen, in dem er aus
seiner Zurückgezogenheit heraus in die Gesellschaft eingeführt werden soll.
Dies ist der schwierigste Moment in der gesamten Erziehung. Der Schüler soll
sich der Gesellschaft gegenüber öffnen, aber er darf nicht mehr lernen, als dem
Erzieher lieb ist. E darf sich nicht gegenüber dem Erzieher verschließen. Er
soll gesellschaftliche Kontakte und Beziehungen knüpfen, aber er darf nicht zur
„Zuchtlosigkeit“ ermächtigt werden. Er soll denen widerstehen, „die ihn in
Versuchung führen könnten“[xxi].
Kurz – wie dosiert man den gefährlichen Einfluss der Gesellschaft, so dass der
Schüler sich mit Personen, auch des anderen Geschlechts, verbindet, aber doch
nur den Vorstellungen des Erziehers folgt? Es geht darum, die Kontrolle über
den Schüler selbst dann beizubehalten, wenn dieser gesellschaftlichen
Einflüssen sehr persönlicher, intimer und konkreter Art ausgesetzt ist.
Die geschickteste Entscheidung besteht nach
Rousseau darin, dem Schüler zuvorzukommen. Da der Kontakt mit dem anderen
Geschlecht ohnehin nicht zu vermeiden ist, schlägt der Erzieher von sich aus vor, eine Gefährtin zu
suchen, so dass er „alle seine (Émiles, G.G.) Empfindungen auf das lenkt …,
was er suchen oder vermeiden soll“[xxii].
Der Erzieher macht Émile verliebt[xxiii].
Dies geschieht nun allerdings nicht durch die Begegnung mit einem Mädchen,
sondern durch die Schilderung einer imaginären Person weiblichen Geschlechts -
der Erzieher erfindet eine Gefährtin, Sophie. In wen sich Émile verliebt,
spielt im Grund keine Rolle, denn es ist die Beschreibung eines Mädchens, die Émiles Liebe erregt. Rousseau
setzt auf die Wirksamkeit eines „Phantasiebildes“. Dieses ist viel
wirkungsvoller als die Wirklichkeit; es erscheint Émile „begehrenswerter als
die Wesen aus Fleisch und Blut, die ihm auffallen“[xxiv].
Wirkliche Mädchen können Émile nicht im Mindesten gefährlich werden; dafür ist
„der Abstand zwischen seinem Ideal und der Wirklichkeit zu groß“. Die
Vorstellungen Émiles werden von den Imaginationen des Erziehers besetzt. Émiles
eigene Bereitschaft, sich dem weiblichen Geschlecht zuzuwenden, setzt die
Imagination in Handlungen um. Aus eigenem
Antrieb erfüllt er das Ziel des
Erziehers, und er verschafft sich das Gefühl von Liebe und Glück. „Sein Herz
ist in Sicherheit.“ Warum? Weil der Erzieher Émile „gegen seine Sinne“ „verteidigt“.
Émile wird optimal gelenkt[xxv].
Er handelt spontan und in Übereinstimmung mit seiner Natur; er ist glücklich,
und er fühlt sich frei. Es treten zusammen auf: pädagogisches Wissen, totale
Kontrolle, Entfaltung der Natur, subjektive Befriedigung und der Eindruck von
Freiheit. Was fehlt, ist die Wirklichkeit. Sie ist in den Augen Rousseaus nicht
viel wert. Kontakt mit wirklichen Personen verdirbt den Charakter. Wirkliche
Liebe ist nichts „anderes als Sinnestäuschung, Lüge, Einbildung“[xxvi].
Die Macht der Imagination auf Kosten der Wirklichkeit – wie immer man diese
definiert – ist die Macht über den Schüler. Die Machtausübung übernimmt der Schüler selbst. Er handelt, indem er den Imaginationen des
Erziehers folgt. Sein eigenes Handeln verwickelt ihn tief in das Gewebe das die
Vorstellungen des Erziehers für ihn
vorbereitet haben. Spontanes, freies Handeln des Subjekts wird im
Rousseau-Programm zur Ausübung der
Macht gegen sich selbst, weil es Handeln in einer imaginären Welt ist. Das
Prinzip der macht ist der Sieg der Imagination über die Wirklichkeit.
4. Entwirklichung und Macht
Wodurch ist die Imagination einer
Wirklichkeit im Unterschied zur sinnlichen Wahrnehmung der Wirklichkeit
gekennzeichnet? Im Wesentlichen lassen sich folgende Merkmale auszeichnen, die
miteinander verbunden sind: Sinnliche Erfahrungen werden symbolisch gedeutet und
die Symboldeutung in einen Gesamtentwurf integriert. Dieser setzt den auf
Erfahrung zurückführbaren Bestandteilen neue, eigene symbolische Bestandteile hinzu, die sich die ersteren
unterwerfen. Wenn er als abgeschlossener Plan vorliegt, wird er gegenüber
sinnlichen Erfahrungen autonom. Er
wirkt dann auf die Erfahrung zurück, indem er diese beeinflusst (z.B.
modelliert oder verändert).
Die Erfahrung, die unter einen solchen
Gesamtentwurf gestellt wird, ist entwirklicht.
Die Machtform des Rousseau-Programms wird durch den Gesamtentwurf der
verlorenen und befreiten Natur eingesetzt. Sobald das Subjekt diese Imagination
annimmt, begibt es sich freiwillig in Abhängigkeit von der
Erziehungskonzeption.
In Émile
ist es der Erzieher, der die Macht über den Schüler innehat – zum Besten des
Schülers; was „das Beste“ ist, legt der Erzieher fest. Bei den Verwirklichungen
des Rousseau-Programms ist die Lage verwickelter: Mit Sicherheit ist es keine
Person, auch keine Personengruppe, die Fiktionen erfindet und von der eingerichteten
Machtstruktur persönlich profitiert. Es handelt sich vielmehr um einen
apersonalen Mechanismus der Machtausübung, die über eine ganze Gesellschaft
organisiert ist: Die gesellschaftlichen Subjekte übernehmen die Kontrolle, die
in der Vergangenheit von Personengruppen ausgeübt wurde, sich selbst gegenüber
- sie sind Kontrolleure und Kontrolliert zugleich. Eine Gesellschaft, deren
Mitglieder sich unaufhörlich in den Mechanismen der Machtausübung verstricken,
wird nicht von einzelnen Personen, auch nicht von einer Klasse beherrscht[xxvii].
Es gibt innerhalb der Machtstrukturen Positionen, die von Personen eingenommen
werden. Die Positionsinhaber nehmen die Vorteile wahr, die aus einer total
beherrschten Gesellschaft zu ziehen sind. Als Personen unterliegen sie selbst
einer analogen Kontrolle wie die anderen Gesellschaftsmitglieder.
Die Analyse
des Rousseau-Programms unter dem
Machtaspekt zeigt, dass der Erzieher eine Machtstruktur über den Erzogenen
aufbaut und ständig organisiert. Abgesehen davon, dass ihm diese Position
Vorteile – wenn auch nicht in erster Linie materieller Art – verschafft, ist
die Frage zu stellen, wer letztlich den
Nutzen aus den pädagogischen Machtstrukturen zieht. An einer effizienten Kontrolle
über die Gesellschaft sind alle Macht
ausübenden Positionen innerhalb der Machtstrukturen interessiert. Es geht
in erster Linie um eine Technologie der Macht, die eine Gesellschaft
beherrschbar und kontrollierbar macht und dieser die Möglichkeit nimmt, sich
gegen die Machtstrukturen zur Wehr zu setzen.
Die Analyse des Rousseau-Programms hat einen
Hinweis darauf gegeben, wie Personen zu einer Kontrolle sich selbst gegenüber
verführt werden – durch Imagination und Entwicklung. Rousseau hat nicht nur den
neuen Machtmechanismus mit größter Klarheit dargestellt und propagiert; er ist
zugleich der Erfinder einer bedeutenden und folgenreichen Imagination, der
verlorenen und zu befreienden Natur.
Die Absicht dieser Arbeit besteht darin, an
einem exemplarischen Fall zu zeigen, wie Macht durch Imagination eingerichtet
und ausgeübt werden kann. Der befreite Körper, das Ziel des Rousseau-Programms,
ist in dreifacher Hinsicht imaginär: Die Ursprungsnatur des Körpers ist eine
romanhafte Imagination Rousseaus, die er auf einen vorgeschichtlichen Zustand zurückprojiziert.
Die Vorstellung ihres Verlusts ist in der ersten Imagination begründet und
setzt dieser eine zweite hinzu, nach der die Geschichte der Menschheit als
Geschichte einer Entfernung vom Ursprung aufgefasst wird. Der
wiederhergestellte Körper wird als ein natürlicher Körper postuliert, als
verwirklichte und befreite Natur. Er ist indes nicht ein Stück Natur, sondern
die Verwirklichung eines Bildungsprogramms, in dem der Erzieher die Natur des
Körpers festlegt und herausarbeitet.
Der Gedanke eines Verlusts der ursprünglichen
Natur und deren Wiederherstellung führt einen Verlust herbei: den Verlust an
Wirklichkeit und an Freiheit des Subjekts über sich selbst. Rousseaus Beispiel
zeigt, wie von der Erziehung des Körpers her Macht auf den Geist ausgeübt
werden kann. Die Machtausübung bedient sich keiner offen erkennbaren
repressiven Technik mehr. Sie wirkt über die Bestärkung von Körper-Phantasien,
die den Geist gefangen nehmen. Je tiefer wir von der Möglichkeit überzeugt
sind, mit unserem Körper wahre, echte, authentische Erfahrungen zu gewinnen,
desto wirksamer stützen wir die Macht, die pädagogische Machtstrukturen über
uns gewonnen haben. Je freier wir uns dabei fühlen, desto enger haben wir uns
selbst eingeschnürt. Es kann von dieser Überlegung her verständlich werden,
warum politische Ideologien, deren Macht sich nicht zuletzt auf Appelle an die
Einbildungskraft stützt, im Sport und seinen Erziehern wichtige Verbündete
erblicken.
Fußnoten:
[i] Der Artikel erschien zuerst 1988 in Gebauer, Gunter (Hg.): Körper und Einbildungskraft, Inszenierungen des Helden im Sport,
Berlin.
[ii] Während von Hentig es sorgfältig vermeidet, den Sportunterricht unter
dem Gesichtspunkt einer normativen
Naturauffassung zu entwerfen, übt die von ihm beeinflusste Konzeption der
„Körpererfahrung“ nicht dieselbe Vorsicht.
[iii] Das Rousseau-Programm hat sich von seinem Begründer losgelöst und
selbständig gemacht. Es ist möglich, dass es angewendet wird, ohne Rousseaus
Schriften zu kennen. Meine Überlegungen beziehen sich auf die Wirkung dieses
Programms. Insofern wird Rousseaus Werk hier nicht aus dem Zusammenhang der
Philosophiegeschichte, sondern von der Wirkung seiner Konzeption her
interpretiert. Diese Arbeit sucht eine Auseinandersetzung mit dem Rousseauismus
in der Pädagogik, nicht so sehr mit Rousseau selbst.
[iv] Die Nähe des
Rousseau-Programms zur wirtschaftlichen und politischen Doktrin des Liberalismus
ist unverkennbar. Es wäre interessant, die gemeinsame Geschichte von
Wirtschaft, Erziehung, Moral, Gesetzgebung und Sport unter dem Aspekt des
Liberalismus herauszuarbeiten. Ein erster Versuch wird in dem Beitrag Zwischen Besitz und Gemeinschaft in
diesem Band unternommen.
[v] Émile S. 67.
[vi] Ein gleichartiges Vorgehen wendet Rousseau bereits im zweiten Diskurs
an. Vgl. Starobinski 1964: „… pour peindre la constitution originelle de
l‘homme, c‘est vers son propre coeur qu‘il se tourne … il peut donc librement
consulter son imagination … son coeur garde l‘empreinte ineffaVable de la nature.“ (S. LIV) Vgl. Cassirer 1970, S. 13: „Es gibt nur eine lebendige Quelle für dieses Wissen
(das wahre Wissen vom Menschen, G.G.) – aber freilich ist es kaum einem beschieden
gewesen, es unter seinen künstlichen Umhüllungen, unter all den willkürlichen
und konventionellen Zutaten zu entdecken und ans Licht zu ziehen. Diese Entdeckung ist es, deren Rousseau
sich rühmt und die er einem Zeitalter gegenüber als sein eigenes Verdienst in
Anspruch nimmt. Der Gelehrsamkeit, dem Wissen, den philosophischen und
soziologischen Theorien der Zeit hat er nichts anderes als den schlichten
Anspruch seines Selbstbewusstseins und seiner Selbsterfahrung
entgegenzusetzen.“ „Er hat die Natur geschildert, wie er sie in sich selbst
fühlte.“ Man kann Cassirers Rousseau-Interpretation voll zustimmen. Was aber
erstaunt, ist seine unkritische Darstellung von Rousseaus Erkenntnistheorie;
vgl. dazu: „…es war nötig, dass ein Mensch einmal sich selbst malte, um uns
den primitiven Menschen zu zeigen…“
[vii] 2. Diskurs, S. 67.
[viii] Starobinski 1977, S. 23 und
1964, LVII.
[ix] Rousseau „verabsolutiert … seine eigene Überzeugung und wird der
Gefangene dessen, was Hegel Eigendünkel
nennen wird“ (Starobinski 1977, S. 29).
[x] Die „Rêveries“ werden im folgenden zitiert nach Rousseau 1959.
[xi] Rêveries, S. 1046.
[xii] Rêveries, S. 1049.
[xiii] Rêveries, S. 1048: „Wenn ich aus einer langen und süßen Träumerei
erwachte und mich schließlich stufenweise zu mir selbst und meiner Umgebung
zurückgebracht fand, konnte ich die Trennungslinie zwischen Fiktion und
Wirklichkeit nicht angeben.“
[xiv] Wichtig ist dabei, dass es nicht der Erzieher ist, der Autorität
erhält. Es ist für den Erzogenen ungleich schwieriger, sich gegen die Autorität
der Natur-Deutung zur Wehr zu setzen als gegen die Autorität einer Person.
[xv] Die List des Rousseau-Programms wird von Rousseaus Theorie der
Landschaftsparks exakt widergespiegelt. Rousseau 1964a beschreibt den idealen
Garten im IV. Teil der Nouvelle Héloise,
in einem Brief von Saint Preux (Brief XI), der den Garten Julies darstellt. Der
Garten sieht „verwildert“ aus; „menschliche Arbeit“ ist nicht wahrnehmbar (S.
473). Eine Ordnung ist nicht erkennbar. „Alles ist grün, frisch, kräftig, und
die Hand des Gärtners zeigt sich nirgends: Nichts widerspricht der Idee einer
verlassenen Insel, die mir beim Eintreten gekommen ist, und ich sehe keinen
menschlichen Schritt. ‚Ah!‘, sagt Herr de Wolmar, ‚das liegt daran, dass wir
uns große Mühe geben, sie auszulöschen‘“ (S. 478 f.). Julie sagt selbst über
ihren Garten: „Zwar hat die Natur alles hervorgebracht, aber alles unter meiner
Leitung, und es gibt dort nichts, was ich nicht angeordnet hätte“ (S. 472).
Julie gibt als Begründung für die Ausnützung natürlicher Prozesse an, dass es
für sie unmöglich sei, die Natur an wilden Orten aufzusuchen. Aufgrund dieser
Unmöglichkeit, muss sie sich darauf beschränken, der Natur „Gewalt anzutun, sie
in gewisser Weise dazu zu zwingen, mit ihnen (mit ihr und ihrer Familie, G.G.)
zu leben“ (S. 480). Rousseau lässt Julie, einem Impuls der Ehrlichkeit folgend,
hinzufügen: „Und dies kann nicht ohne ein wenig Illusion geschehen.“ Neumeyer
1947, S. 190 konstatiert mit Recht ein „feeling of unreality“, das Rousseaus
Gartenvision auslöst.
[xvi] Émile, S. 105.
[xvii] Vgl. Rousseau 1978b, S. 338: „Soll ich den Jugendlichen in dem
Augenblick sich selbst überlassen, wo er sich am wenigsten benehmen kann und wo
er am leichtesten ausbricht? … Bisher habt ihr alles nur mit Gewalt oder mit
List erreicht … Man muss ihn zwingen oder täuschen, damit er euch gehorcht.
Bedenkt aber, in wie viele neue Ketten ihr sein Herz gelegt habt. Die Vernunft,
die Freundschaft, die Dankbarkeit, tausendfältige Regungen des Gemüts sprechen
nun in einem Ton zu ihm, den er nicht missverstehen kann.“
[xviii] Die Annahme, dass Personen
manipuliert werde, geht davon aus, dass es einen Willen, Absichten, Ziele o. ä.
gibt, die die Personen wirklich
verfolgen würden, wenn sie nicht mit
Erfolg davon abgelenkt würden. Die Machtform des Rousseau-Programms ist dagegen
viel gründlicher wirksam: Sie lässt keine Intentionen mehr zu, die ein
Individuum ursprünglich entwickeln könnte.
[xix] Vgl. Starobinski 1977, S. 23: „Der Beweis für den Erfolg einer solchen
Erziehung besteht im inneren Glück, in der ruhigen Zuversicht, der Autarkie und
Sicherheit, die der Schüler bis an sein Lebensende unter Beweis stellen wird.“
[xx] Cassirer, S. 67: „So artet zuletzt die fanatische Wahrheitsliebe, die
dieses Erziehungssystem leisten sollte, in ein seltsam-kompliziertes System von
Täuschungen, von sorgfältig berechneten
pädagogischen Kunstgriffen aus.“
[xxi] Émile, S. 353.
[xxii] Émile, S. 353.
[xxiii] Abscheu vor der Liebe zu erregen sei „naturwidrig“. „Gehe ich den
entgegen gesetzten Weg, so komme ich mit größerer Sicherheit ans Ziel.“ „Ich
sehe darin (in den erwachenden Begierden, G.G.) das wahre Mittel, ihn …
willfährig zu machen. Über Leidenschaften gewinnt man nur durch Leidenschaften
Macht; … immer bietet uns die Natur die Mittel, mit denen wir sie in Ordnung
bringen können“ (Émile, S. 351).
[xxiv] Émile, S. 353 ff.
[xxv] Vgl. Cassirer 1970, S. 22: Rousseau „wendet sich nicht einfach schon
an vorhandene und gegebene Subjekte des willens, sondern sein erstes Absehen
geht darauf, sich die rechten Subjekte, an die sein Ruf ergehen kann, zu schaffen. Ohne diese Form der Willensbildung ist jegliche Herrschaft über den
Willen trügerisch und eitel.“
[xxvi] Émile, S. 354.
[xxvii] Diese Ausführungen stützen sich weitgehend auf Foucaults Analyse
moderner Machttechniken. Die vorliegende Arbeit stellt einen Versuch dar,
Foucaults Analysetechnik auf die Untersuchung des Bereichs der Pädagogik zu überragen, der sich weitgehend in der
Sportpädagogik niedergeschlagen hat. Ich versuche, Foucaults Analyse um die
Rolle zu erweitern, die die Imagination spielt. Vgl. von Foucault insbesondere:
Überwachen und Strafen. Die Geburt des
Gefängnisses; Sexualität und Wahrheit.
Literatur:
Cassirer, E.: Das Problem Jean-Jacques
Rousseau. Darmstadt 1970. Reprint aus: Archiv für Geschichte der
Philosophie XLI.
Diem, C.: Wesen und Lehre des Sports und der
Leibeserziehung. Berlin2 1960.
Foucault, M.: Überwachen und Strafen.
Die Geburt des Gefängnisses. FfM, 1976 (frz. 1975).
Foucault, M.: Sexualität und Wahrheit.
Der Wille zum Wissen. Bd.I. FfM, 1977 (frz. 1977).
Funke, J.: Einleitung. In: Funke, J.
(Hg.): Sportunterricht als Körpererfahrung. Reinbek 1983.
Hentig, H. von: Lerngelegenheiten für
den Sport. In: Gruppe, O. (Hg.): Sport in unserer Welt - Chancen und
Probleme. Wissenschaftlicher Kongress in München vom 21.–25. August 1972.
Heidelberg, New York, 1973, S. 101–111.
Neumeyer, E.M.: The Landscape Garden as
a Symbol in Rousseau, Goethe and Flaubert. In:Journal of
the History of Ideas VIII, 1947, S. 187–217.
Rousseau. J.-J.: Oeuvres Complètes.
Paris, Bd. I, Confessions. Autres textes autobiografiques.
1959; Bd. II,
La Nouvelle Héloise. Théâtre. Essais littéraires. 1964a; Bd.III, Du contrat
social. Ecrits politiques 1964b; Bd. IV, Émile. Education. Morale. Botanique.
1969.
Rousseau. J.-J.: Schriften zur
Kulturkritik. Die zwei Diskurse von 1750 und 1755. Franz./deutsch,
hrsg. v. Weigand, K, Hamburg3 1978a.
Rousseau. J.-J.: Emile oder Über die
Erziehung. Übers. von Schmidt. L., Paderborn 1978b.
Schabert, T.: Natur und Revolution.
Untersuchungen zum politischen Denken im Frankreich des 18. Jh. München 1969.
Starobinski, J.: Einleitung in Rousseau.
J.-J.: Oeuvres Complètes. Bd.III, 1964b, S. XLII–LXXI.
Gunter
Gebauer ist Sportphilosoph und Professor am Institut für Philosophie der Freien
Universität Berlin.
(29.3.2009)
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