Bilder sind Zeit

“CROWD”: EIN GESPRÄCH MIT DER CHOREOGRAFIN GISÈLE VIENNE

Von Helmut Ploebst

corpus: Sie bringen nicht unbedingt jedes Jahr ein Stück heraus. Crowd ist 2017 entstanden, The Ventriloquists Convention im Jahr 2015, The Pyre 2013.

 

Gisèle Vienne: Ich brauche auf jeden Fall Zeit. Mir geht es darum, nur das zu produzieren, was notwendig und wichtig ist, und ich mache jedes Stück so sorgfältig ich nur kann. Ich stelle mich auch immer in Frage: Ist es noch notwendig, daß ich Stücke mache?

 

corpus: Für Crowd haben Sie sich mit dem Thema Jugend auseinandergesetzt. Warum war das notwendig?

 

Vienne: Dazu ist erst einmal zu sagen, daß die Tänzer in Crowd nur auf der Bühne sehr jung wirken. Sie sind bereits zwischen 23 und 36 Jahre alt und alle sehr professionell. Eines der Themen im Stück ist Jugendkultur. Für mich war das immer ein großes Thema. Und es kam noch stärker heraus, als ich 2004 angefangen habe, mit Dennis Cooper zu arbeiten. Crowd hat mit alternativer Jugendkultur in Bezug auf Musik und da mit der Technoszene zu tun. Es geht aber nicht um Leute, die Rave-Parties besuchen, sondern darum, was diese jungen Leute bauen und was das bedeutet. Das hat übrigens auch mit mir persönlich zu tun: Anfang der 1990er Jahre war ich noch in der Schule und habe mein Abitur in Berlin gemacht. Dort gab es eine ganz spannende Musik-, aber auch Theaterszene – das war eine künstlerisch sehr stimulierende Zeit für mich.

 

„Das repetitive Element von Techno-Musik läßt den Autor verschwinden

und macht die ganze Nacht zu einem Lied.“

 

corpus: Zu Beginn der Arbeit an Crowd stand eine Recherche über Le Sacre du printemps. Die Strawinsky-Musik war seinerzeit ja auch ein Einbruch in die Musikkultur und wurde teils sehr aggressiv rezipiert. Sie haben einmal gesagt, daß Sie die in Sacre enthaltene Gruppensoziologie auf die Jugendkultur von heute und ihre Tänzerınnen-Gruppe übertragen haben.

 

Vienne: Ja, das betrifft aber eher die Dramaturgie. Die Struktur von Sacre widerspiegelt auch Strukturen von archaischen Ritualen. Und ich habe die Struktur für Crowd aus Sacre heraus erarbeitet. Ich hätte das nicht erzwungen, aber ich habe gesehen, daß das Stück den typischen Strukturen von archaischen Festen gefolgt ist. Anfangs habe ich mit Dominique Brun gearbeitet, die eine neue historische Version von Sacre entwickelte, und viel von ihr gelernt. Das war ein starker Einfluß. Aber ich wollte eigentlich immer schon an einem zeitgenössischen Fest arbeiten, und dafür war dann auch eine andere Musik wichtig. Und ich fand das repetitive Element von Techno-Musik interessant, das den Autor eigentlich verschwinden läßt und die ganze Nacht zu einem Lied macht. Da reiht man nicht mehr Stück für Stück aneinander, sondern erzeugt über die Wiederholungen Gefühle.

 

corpus: Erzeugen oder rekonstruieren Sie in dem Stück eine bestimmte Wirklichkeit?

 

Vienne: Crowd hat etwas extrem realistisches und akkurates an sich – und dann, aus dem Wiedererarbeiten der Bewegungen heraus, auch etwas ganz unrealistisches. Eine seltsame Mischung, die Gefühle der Erinnerung, der Phantasie in sich trägt und etwas geisterhaftes, widersprüchliches. Die Arbeit an der Zeit wird von der Perspektive einer subjektiven Perzeption von Zeit entfaltet, und Bilder werden ganz tiefgehend als Zeit betrachtet. Dabei entsteht eine hohe Dichte. Ich habe mit Dennis Cooper ausgesprochen intensiv an den narrativen Teilen gearbeitet. Mein Schnitt ist sichtbar, aber ich wollte auch, daß die Zuschauer an die Geschichten herangehen, die sie besonders ansprechen. Daher machen die Besucher, je nachdem, wie ihre Wiedererkennungsprozesse verlaufen, auch ziemlich unterschiedliche Erfahrungen. Das gilt übrigens nicht nur für Leute, die mit der Technoszene vertraut sind. Crowd referenziert auch auf eine ganze Menge anderer menschlicher Erfahrungen.

 

Gisèle Vienne                                                                                                                                                                               Foto: Patric Chiha

 

corpus: Sie sagen, daß Sie sich viel Zeit genommen haben, um Ihre Gruppe zusammenzustellen. Wie sind Sie da vorgegangen?

 

Vienne: Manche Tänzer kannte ich bereits, andere weniger. Ich will nie zu aufdringlich sein, aber meine Arbeit besteht darin, Leute anzuschauen. Manchmal sind sie überrascht, wie viel ich an ihnen sehe. Ich bin immer sorgfältig und möchte auf jeden Fall Maßarbeit leisten. Also müssen den Tänzern die Charaktere und Geschichten, die wir bauen, sehr gut passen. Dabei ist viel Fiktion im Spiel, und oft wissen weder ich noch die Zuschauer, was wahr und was erfunden ist. Aber die Fiktion ist auch eine Art, sich zu enthüllen – das zeigt zum Beispiel auch ein ganz naher Freund von mir, der Wiener Regisseur Patric Chiha, in seiner Dokumentation über Stricher, Brüder der Nacht. Die Jungs in diesem Film geben an und erzählen offensichtlich einige falsche Dinge. Auch hier findet eine Annäherung an die Realität statt, in der man die Wahrheit nicht erzwingt, sondern sich enthüllt, wie man will. Und so sind auch meine Tänzer sie selbst. Aber eben nicht „nackt“, sondern sie tragen Anzüge aus Fiktionen.

 

„Das Publikum kann nicht alles sehen, aber es hat viel Zeit

und so die Möglichkeit, genauer in die Details zu schauen.“

 

corpus: Hat sich eine starke Beteiligung der Tänzerınnen am Stück ergeben?

 

Vienne: Auf jeden Fall kam von ihnen viel Material, das Cooper dann als Narrativ entfaltet hat. Im Stück performen fünfzehn volle Charaktere mit ganzen Geschichten, was eigentlich zu viel ist. Das Publikum kann nicht alles sehen, aber es hat viel Zeit und so die Möglichkeit, genauer in die Details zu schauen. Manchmal gibt es auch verschiedene Schichten von Überarbeitungen. Das ist musikalisch-choreografisch sehr aufregend, man hat herrliche Rhythmen und Spannungen, die das Narrativ und die Situation für die Tänzer verändern. Ich denke dabei auch an den Experimentalfilmer Martin Arnold, bei dem man das Musikalische und die narrativen Verzerrungsmöglichkeiten sieht. Auch in Crowd gibt es eine supertechnische Zeit- und Schnitterarbeitung. Daß die Tänzer diese Slow Motion, Cuts, Sakkaden, Loops und so weiter hinkriegen, ist zum Teil sehr hip-hop-mäßig. Eigentlich waren mir Hip Hop, Voguing, Krumping bereits von Showroomdummies (2001) an sehr nahe. Das Schwierigste, Schönste und Spannendste ist, wie man daraus wieder eine eigene Sprache macht: Also zum Beispiel, wie kann ich nicht Slow Motion sein, aber mich in einem Zustand befinden, der ermöglicht, daß ich mich natürlich langsam bewege.

 

corpus: Ist „Slow Motion“ nicht ein allzu filmorientierter Begriff?

 

Vienne: Es geht nicht um eine Imitation eines Effekts, sondern um eine Reinterpratation, die sehr persönlich wird. Das ist sehr technisch, aber es ist wichtig, das zu überschreiten, sodaß die Tänzer sich frei ausdrücken können und nicht alle die gleichen Qualitäten haben. Dahinter steckt viel Arbeit mit Meditation, damit die Tänzer wirklich dieses Sensitive erhalten und sich selbst und die Umgebung hören. Das ist eine ganz tolle Vorbereitung auf Improvisation und Auf-der-Bühne-sein, denn im europäischen Tanz geht es immer noch sehr um Kontrolle. An diesem Loslassen haben wir sehr intensiv gearbeitet, um in den Zeitbewegungen entspannt sein zu können – also daran, wie unsere Spielregeln die Möglichkeiten erweitern können, anstatt sie einzuschränken.

 

corpus: Geht dabei die Emotionalität vor der Form?

 

Vienne: Eine extreme Mischung, superformal und superemotional! Manche haben gesagt, die Komposition ist so perfekt, daß die Zuschauer nicht erkennen, was geschrieben und was improvisiert ist. Restriktion und Emanzipation – in purer Komposition kann man das nicht hinbekommen: Ich werfe ein paar Steine, und es ist perfekt. Diese Zufälligkeit wollte ich haben. Der Rahmen von Crowd ist sehr fixiert, aber darin ist viel Platz für den Zufall. Da müssen die Tänzer sehr frei sein. Das sind sie jetzt auch, so frei und so sensibel … zum Glück, denn eine Zeit lang dachte ich, meine Regeln sind zu rigide, die Tänzer werden sich nie emanzipieren. Aber sie haben so fein daran gearbeitet... Für mich ist das Potential, zu dem ich hinkommen möchte, immer unerreichbar – aber eigentlich finde ich es positiv, daß etwas größer ist als die Arbeit.

 

„Was ich fühle, kann meine Gedanken entfalten,

und starke Gefühle können Gedanken ins Wanken bringen.“

 

corpus: So groß, wie Gefühle es eben auch sein können?

 

Vienne: Mich hat die Vielfalt der Gefühle sehr beschäftigt. Und was mich am Teenagertum  interessiert, ist diese Wende von Kindheit zum Erwachsensein, das bleibt überhaupt ein Thema bis zum Tod: die Achterbahn der Gefühle, wie sie auch bei meinem Stück Jerk (2008) zu sehen ist. In der Kunst wird man immer verdächtigt, zu manipulieren, wenn man mit Gefühlen arbeitet. Ich habe Figurentheater studiert, aber ursprünglich Philosophie. Und was mich von der Philosophie zur Kunst gebracht hat, war das Physische. Ich dachte, physische Erfahrungen sind eine Erweiterung der Gedanken. Was ich fühle, kann meine Gedanken entfalten, und starke Gefühle können Gedanken ins Wanken bringen. Und ich mache mich eben manchmal verdächtig wegen der Emotionalität in meiner Arbeit. Ich kann zum Beispiel auch den Zweiten Weltkrieg nur gefühlsmäßig verstehen – daß die Leute durch diesen Wahnsinn mit seinen geschickten Spektakeln emotional verführt wurden. Gefühle sind ja immer da, aber wie geht man damit um? Menschen sprechen immer mit Gefühlen, das kann man nicht verdrängen, also laßt uns mit Gefühlen arbeiten! Aber mit Respekt und analytisch und nicht auf eine manipulative Art und Weise. Für mich ist das eine Schlüsselebene, die mir heute hilft, die Welt zu betrachten.

 

corpus: Zum Titel „Crowd“ – sind die fünfzehn Personen auf der Bühne stellvertretend für eine größere Gruppe?

 

Vienne: In Japan hat man mich gefragt, „bitte zwei Wörter für dieses Theater“, und ich habe gesagt, es sei „haunted theatre“. In Crowd sind die Tänzer mit dem Gefühl auf der Bühne, als wären sie zu hundert oder zweihundert. Diese „Geister“ sind immer da, und wir spielen mit ihnen. Das Verhalten der Tänzer entspricht auch dem von größeren Menschenmengen. Und was ich schön an dem Titel „Crowd“ fand, ist, daß er auch die Zuschauer miteinbezieht. Eine Menge, die eine Gruppe anschaut. Auf der Bühne war fünfzehn die richtige Zahl, damit kann man auch noch alle einzelnen Personen betrachten – wie in einer Portrait-Galerie.

 

„Die Nazis haben viel dazu beigetragen,

daß die Schönheit der Ordnung bis heute verdächtig ist.“

 

corpus: Wie findet sich Ihre Vergangenheit als Philosophiestudentin in Ihrem Werk wieder?

 

Vienne: Für mein Leben ist das Lesen von Philosophie noch immer essenziell. Unter meinen künstlerischen Arbeiten ist This Is How You Will Disappear (2010) ein gutes Beispiel. Dieses Stück habe ich wie einen einfachen philosophischen Essay mit These, Antithese, Synthese gebaut. Mich hat interessiert, wie man die Schönheit der Vernichtung, des Chaos, diesen sehr romantischen Ansatz, zum Beispiel in der Rockkultur oder in anderen zeitgenössischen Kulturen wiederfindet. Das wird dann als dunkel, als „schwarz“ bezeichnet. Aber eigentlich ist die Schönheit in Bezug zur Ordnung noch schockierender – die Nazis haben ja viel dazu beigetragen, daß die Schönheit der Ordnung bis heute verdächtig ist. Ich wollte physisch durcharbeiten, wie ich diese beiden Ästhetiken erlebe, und das als physische Erfahrung zeigen. Zum Beispiel mit Georges Bataille, vielleicht nicht der größte Philosoph, aber extrem spannend, der immer sehr emotional und physisch geschrieben hat. Seine Beziehung zwischen Theorie und Physikalität ist eine äußerst starke Inspiration für mich.

 

corpus: Gibt es noch eine Figur, die ähnlich wichtig für Sie ist?

 

Vienne: Bei dem Schriftsteller Alain Robbe-Grillet zum Beispiel, der sehr nahe an der Philosophie gearbeitet hat, finde ich stark, daß ihm zufolge eine neue Kunstform wie eine neue Sprache oder ein neuer Blick auf die Welt ist. Mich interessiert es, zu versuchen, die Welt immer wieder neu zu betrachten und die dafür geeigneten Wege zu finden. Das kann ich – unter anderem – durch Philosophie oder durch manche Kunstwerke. Was mir Bataille auch sehr vermittelt hat, ist meine Beziehung zur Überschreitung, zur Freifläche für böse Gedanken in der Kunst und dazu, welchen essentiellen Platz dort negatives Denken haben soll. Mich beschäftigt immer, was normal und was verrückt oder pervers ist, und ich reagiere sehr stark auf unsere scheinheilige Gesellschaft. Wenn man mit dem Negativen umzugehen weiß, ohne schlecht zu handeln, wenn man sich dessen bewusst ist und dafür sorgt, Respekt für die anderen und allgemein die Menschheit zu haben, dann kann man hoffen, auf diese Art emanzipative und positive Wege zu entdecken.

 

„Das Theater ist der richtige Ort dafür, dieses Spektakel des Horrors anzusehen und sich damit auseinanderzusetzen, aber nicht jene Schrottmedien, die damit bewußt Geld machen.“

 

corpus: Sie erhalten auch harsche Kritiken?

 

Vienne: Ich werde manchmal angegriffen und als pervers oder verrückt bezeichnet. Dafür war Jerk ein ziemlich gutes Beispiel, die Geschichte eines Serienmörders. Aber die Leute gehen hin – und zwar viele. Vor dem Spektakel des Negativen und des Horrors haben wir gemischte Gefühle. Natürlich ist es schrecklich, aber zugleich auch faszinierend oder auch eventuell erregend. Das Theater ist der richtige Ort dafür, dieses Spektakel des Horrors anzusehen und sich damit auseinanderzusetzen, aber nicht jene Schrottmedien, die damit bewußt Geld machen. Ich finde unsere Zeit konfus. Wir brauchen diese Rituale, diese Puffer der Phantasie, kathartische Erfahrungen und dieses Spektakel der Überschreitungen, wie dies alle Gesellschaften immer gebraucht haben. Das hat es immer gegeben, und warum wird es 2018 in Frage gestellt? Vielleicht mache ich’s ja nicht richtig, aber auf jeden Fall finde ich es richtig, es zu versuchen.

 

corpus: Haben Sie das Gefühl, daß Kunst heute in einen Moralkäfig eingesperrt ist?

 

Vienne: Ja! Also, in Frankreich ganz sicher. Man hat sich in Literatur, Film und Performance von den 1960er und 1970er Jahren verabschiedet und befindet sich seit den Neunzigern immer stärker in einer konservativen Richtung. Ich stehe diesbezüglich Robbe-Grillet sehr nahe, also jetzt seiner heute 87jährigen Witwe Catherine, die sehr stark in die intellektuelle Emanzipation involviert ist. Echte Zeugen der Zeit zu haben, ist natürlich interessant. In Frankreich hat die katholische Rechte einen stärkeren Einfluß, als man denken möchte. Und auch die Boulevardmedien, die aus meiner Sicht echt durchgeknallt sind, prägen die Leute sehr konservativ. Die Freiheit der Kunst und der Phantasie ist eine essentielle Ebene, die jeder Mensch braucht, und die versuche ich mit meiner Arbeit zu verteidigen.

 

„Das Problem ist, daß etliche Kulturpolitiker

die Kunst nicht mehr schätzen.“

 

corpus: Sind sie glücklich mit ihrer bisherigen Laufbahn?

 

Vienne: Ich habe Probleme mit Kunst als Luxus-Entertainment. Ich versuche wirklich, meiner Gesellschaft etwas zu bringen und habe deshalb sehr viele Opern- und Ballettverträge abgesagt. Ich könnte ja eine viel glänzendere Karriere absolvieren und einen Swimmingpool auf dem Land haben, aber ich lasse das, weil ich glaube, daß das Luxus-Entertainment geradezu schädlich ist. Die Kunst muß wieder stärker zu ihrer sozialen Essenz zurückkommen, in Ritualen, im Archaischen. Kulturpolitisch man kann sagen, den armen Leuten aus den Außenbezirken muß man auch Kunst bieten. Gut, man muß sie auf den Weg bringen, aber sobald jemand etwas Essentielles erfährt, ist er ohnehin da. Das Wichtigste ist, was man den Leuten gibt. Aber das Problem ist, wie ich von verschiedenen Seiten erfahre, daß die Eliten nicht mehr zur Kunst gehen und etliche Kulturpolitiker, wie die drei letzten französischen Kulturminister, sie auch nicht mehr schätzen.

 

corpus: Sie haben vor einigen Jahren, 2014, auch einen Film gemacht?

 

Vienne: Ja, Brando, für Scott Walker und Sunn O))). Da habe ich mit der Tänzerin Anja Röttgerkamp gearbeitet. Ich glaube, mein Hirn funktioniert gut mit Kamera, Schnitt und Film. Ich kann gut so denken und möchte eigentlich seit Jahren mit Film arbeiten, aber meine Bühnenarbeit beansprucht schon meine ganze Zeit. Für Brando habe ich mit der fertigen, sehr inspirierenden Musik gedreht und geschnitten. Einer der für mich beeinflussendsten Filme ist Playtime von Jacques Tati. Eine ganz tolle Komposition – Licht, Bewegung, Körper, Gegenstände, Raum, Kamerabewegung. Heraus kommen Musik, Choreografie, Narration. Auch auf der Bühne arbeite ich transdisziplinär. Ich kann gar nicht anders. Aber Brando ist kein Seitensprung für mich. Jetzt werde ich zum ersten Mal eine Kurzserie drehen. Für Arte, drei Mal fünfzig Minuten. Dennis schreibt das Szenario in Zusammenarbeit mit Zac Farley und mir, das Script ist schon fast fertig.

 

corpus: Worum geht es da?

 

Vienne: Die zentrale Figur ist Kerstin – gespielt von der großartigen Schauspielerin Kerstin Daley-Baradel –, die Tochter eines verstorbenen Bauchredners. Kerstin lebt mit der Puppe ihres Vaters. Dahinter steht die Biografie von Candice Bergen, der Tochter des berühmten Bauchredners Edgar John Bergen. Dessen Puppe mit dem Namen Charlie McCarthy war in den USA der 1950er Jahre so populär wie Mickey Mouse – mit Merchandising und allem Drum und Dran. Charlie hatte zum Beispiel eine Hochzeit mit Marilyn Monroe. Als Bergens Tochter Candice 1946 zur Welt kam, war diese Puppe schon sehr bekannt. Und in den Medien hieß es überall: Die Schwester von Charlie McCarthy ist geboren! Und so wurde sie während ihrer ganzen Kindheit als die Schwester einer Puppe mediatisiert. Dieses autobiografische Material fand ich sehr spannend. Candice Bergen hat später nicht mit dieser Puppe gelebt, aber Kerstin in meinem Film tut das, und sie hat diese Geschichte, ganz fiktionalisiert wieder neu erdacht und erarbeitet, als Inspiration im Hintergrund. Das erlaubt natürlich viel Mise en abyme, man kann damit komplett absurd, fast humorvoll und sehr metaphysisch arbeiten. Und da ist Dennis genial. Man hat den großen Bogen zwischen grotesk und metaphysisch, den die Puppe und die Beziehung zu ihr eröffnen. Und dazu kommen noch Fragen von Darstellung und Spiel, der Beziehung zum Theater und über soziales Theater. Die Mutter dieses Charakters Kerstin ist sehr inspiriert von Catherine Robbe-Grillet, die selbst privat Theater macht.

 

corpus: Eröffnen sich da neue Perspektiven?

 

Vienne: Ich bin jetzt 42 und habe noch Zeit genug, Film auch wirklich zu lernen. Hoffentlich mache ich mit 102 meinen besten Film... Jedenfalls freue ich mich auf den Dreh an verschiedenen Orten außerhalb des Theaters. Das war auch schön bei Eternelle Idole (2009), meinem Kunsteislaufstück, das für eine Eislaufarena gemacht ist. Ich liebe Architektur – im Sinn eines Bühnenbilds für das Leben –, und die spielt eine große Rolle in der Serie. Dort kann ich eine andere Begegnung mit der Architektur haben als im Theater.

 

„Ich freue mich über alle negativen Gedanken,

die ich von der österreichischen Seite meiner Familie habe.“

 

corpus: Ihre Mutter ist Salzburgerin...

 

Vienne: ...aus Saalfelden.

 

corpus: Haben Sie dadurch ein besonderes Verhältnis zu Österreich, oder fällt das heute nicht mehr ins Gewicht?

 

Vienne: Ich komme seit meiner Kindheit mindestens jedes Jahr nach Österreich. Früher zur Großmutter und Cousine etcetera. Und jetzt, meine Mutter hat ein Haus in Saalfelden behalten, komme ich dahin zum Wandern und zum Lesen. Ich muß mir einmal eine Karte von Saalfelden kaufen, denn ich weiß, Kindertotenlieder (2007) passiert für mich in diesem Feld neben dem Haus, Crowd ereignet sich neben einem Wald in der Nähe und This Is How You Will Disappear in diesem Wald. Jetzt arbeite ich an einem Stück von Robert Walser, Der Teich. Es spielt in einem Haus – das ist natürlich in der Schweiz. Aber ein österreichischer Geruch durchzieht den Schweizer Text. Dieser wurde nämlich von Klaus Händl übersetzt.

 

corpus: Gibt es Künstlerınnen in Ihrer Familie?

 

Vienne: Mein Großvater war Musiker und Aquarellist, er hat österreichische Landschaften gemalt. Und meine Mutter malt sehr wilde Sachen, supergewaltig, supererotisch. Sie ist eine starke Persönlichkeit, 1940 geboren und hat mir viel beigebracht. Also war der österreichische Einfluß auf mich sehr stark. Was ich ursprünglich beruflich gern gemacht hätte, waren Übersetzungen aus dem Deutschen ins Französische. Ich habe Figurentheater studiert, wie gesagt, Philosophie und auch Musik von sechs bis 23. Zu Hause aber habe ich viel von meiner Mutter gelernt: malen, modellieren, Skulptur und so weiter. Und ein Freund meines Großvaters in Österreich war Holzschnitzer, bei ihm habe ich das Schnitzen gelernt. Also hat mir diese Umgebung extrem viel gebracht... Ich wurde dank einer österreichischen Mutter total pervertiert (lacht) und ich freue mich über alle negativen Gedanken, die ich von dieser österreichischen Seite meiner Familie habe. Die französische Seite dagegen ist rational, intellektuell. Die österreichische Seite ist, um es sehr verkürzt zu sagen, blutig und verrückt.

 

 

Nächste Aufführungen von Crowd: 1. November 2018; SPRING in Autumn, Utrecht.
9. November 2018; Théâtre des Louvrais, Nouvelle Scène Nationale Cergy-Pontoise/Val d’Oise.

17. + 18. November 2018; Onassis Culturel Center, Athen. 8. + 9. Dezember 2018; Culturgest, Lissabon.
Im deutschsprachigen Raum: 2. + 3. Mai 2019; Mousonturm, Frankfurt.
[Quelle: http://www.g-v.fr]

 

 

(26.10.2018; dieses Gespräch wurde am 26. April 2018 nach einer Pressekonferenz der Wiener Festwochen geführt, die Crowd vom 31.5. bis 2.6.2018 präsentierten)