Sprache als Naturpodukt

DIE WIENERINNEN ANDREA MAURER UND CLAUDIA BOSSE ZÜNDELN AN DEN WORTEN

Von Helmut Ploebst

Was Sprache genannt wird, verhält sich ganz ähnlich dem, was man mit ihren Instrumentarien als Umwelt zu bezeichnen pflegt. Man kann in beiden nach Gutdünken tun und lassen, was je nach Interesse getan und gelassen sein soll. Ihrer Eigendynamik entsprechend fließt die Sprache allerdings immer wieder in sich zurück. Wie die Umwelt, oder, wenn man so will, jener Komplex, auf den der Signifikant „Natur“ zielt. Ermessungen der Sprache in jenen Bereichen, die anzeigen sollen, was Natur ist, weisen aus, welche Vorstellungen sich jene von der Natur machen, die versuchen, sie zu beschreiben, dadurch zu begreifen und in der Folge zu vermitteln, was Natur als φύσις sein soll.

 

Was wir wohl wissen, aber zur Zeit nicht so gerne zugeben, ist, daß die humane Sprache ein Naturprodukt und damit das Experiment dieser Natur ist, sich auch auf diese Weise selbst zu schreiben. Die Natur kennt auch andere Schriften, die schwer zu entziffern, weil dem direkten Zugang durch das menschliche Wahrnehmungssystem entzogen sind. Was Materie genannt wird, könnte behauptet werden, hat sich über atomare und subatomare Codes, über gravitationale Grammatik in elektromagnetischen Medien zusammengeschrieben und – autopoietisch – chemische Texte gebildet, die den βίος, das Leben, zu erdichten begannen, weil die Umgebung dafür anregend genug war. Im βίος verbirgt sich eine weitere Schrift, die genetischer Code genannt wird.

 

Die Materien der Sprache

 

Materie verhält sich offenbar prinzipiell kommunikativ. Warum also sollte sie also nicht auch zum Beispiel Zeitungen hervorbringen, wenn die Bedingungen es zulassen? Jene Lebensform, die so kommuniziert, daß eines ihrer Medien die Zeitung sein kann, hat eine sehr einfache Sprache entwickelt, mit der sie ähnlich verfährt wie mit ihrer Umwelt. Im Bestreben, die Natur zu beherrschen, greift die menschliche Spezies in Prozesse ein, noch bevor sie diese begriffen hat. Das täppische Tun beeinflußt die gegebenen Prozesse, und diese verändern sich so, daß sich nunmehr die Existenzbedingungen für die intervenierende Spezies rapide verengen. Die Natur hat mit solchen restriktiven Transformationen bereits des Öfteren aus eigenem Antrieb experimentiert und dabei nachgewiesen, dass ihre Prozesse gänzlich interesselos gegenüber den Produkten ihrer Evolutionen verlaufen. Insofern ist sie die ultimative Autorin und Rezipientin aller je von ihr verfaßten Texte in allen von ihr entwickelten Sprachen: den großen der φύσις und den kleinen der Kulturen.

 

Kunst kommt – im besten Fall – dem interesselossen Experimentieren der Natur so nahe, daß sie mit diesem allegorisch zusammenfällt. Dann wird Kunst üblicherweise autoritär eingehegt, weil sie unterschwellig daran erinnert, daß die Natur durch die ihre kleinen Sprachen schreibende Spezies weder beschrieben noch beherrscht werden kann. Nicht weil die kleinen Sprachen, hier als Mittel der humanen sozialen Kommunikation, die dafür nötigen Werkzeuge unterschlügen, sondern weil sich die schreibende Spezies ihrer Sprachen nicht hinlänglich zu bedienen weiß: eine Spezies, die nicht ausreichend intelligent ist, um die Begrenztheit ihrer Intelligenz ausmessen zu können. Denn sie trägt Eigenschaften in sich, die sie veranlassen, sich so umzusetzen, als hätte sie selbst ihre tatsächliche begrenzte Intelligenz – ihre Reflexionsfähigkeit – noch gar nicht erreicht.

 

Neue große Erzählungen

 

Aber sie ist doch bereits klug genug, um erkannt zu haben, daß ihre Intelligenz für die Ausmessungsarbeit an ihren Grenzen noch nicht genügt. So ist eine ganz große Erzählung entstanden, die das 21. Jahrhundert beherrscht: ein Narrativ von unüberwindlichen inneren Grenzen, der Spezies angeblich von der Natur gesetzt, und dem in die Zukunft projizierten – ergo eingebildeten – Mißlingen des Experiments Mensch, weswegen dieses von ihm selbst übernommen und der Mensch durch sich selbst in eine andere, eine technische Lebensform übersetzt werden müsse. Als ironisches Aperçu wäre hinzuzufügen, daß dieses  Narrativ ebenso ein Naturprodukt ist wie Biotechnologie oder „künstliche Intelligenz“, wie der Transhumanismus und der Posthumanismus.

 

Lyotards Engführungen zum Trotz existieren noch etliche weitere große Erzählungen. Eine davon ist sicherlich die Biografie der kleinen Sprache, wie sie von der Spezies Mensch genutzt wird, die gegenwärtig vor den Herausforderungen durch ebendiese Kommunikation zu kapitulieren scheint. Zwei Performances, die im November 2019 in Wien zu sehen waren, haben die im Entstehen begriffene Kapitulation und die große Erzählung der kleinen Sprache gleichermaßen berührt: Andrea Maurers Unspelling im Tanzquartier und Claudia Bosses dialogue on difference im Kosmostheater.

 

Das Schweigen kaufen

 

Maurer löst mit sicherem Zugriff auf die Zeitung The New York Times eine grundsätzliche Metapher aus den Wirbeln der sozialen Kommunikation – die Headline „Buying the world’s silence“ vom Titelblatt der am 27. September 2019 publizierten Ausgabe. Auf dieser Ebene, dem massenmedialen Erfassen von politischen Dynamiken der sozialen Kommunikation, treffen sich Unspelling und dialogue on difference trotz ihrer unterschiedlichen methodischen Ansätze: den Widersprüchen zwischen unterschiedlichen kulturellen und daher auch politischen Soziosphären. Die New York Times berichtet über die gegenwärtige Zwangsintegration der Uiguren ins politische System Chinas, und Bosse gestaltet zusammen mit Abdalla Daif die historische Zwangsintegration von Teilen der Welt in das kolonialistische System des imperialen Europa.

 

China ist ein „westliches“ System in „östlicher“ Interpretation. Mit disruptiver Gewalt hat sich das einstige Reich der Mitte mitten im 20. Jahrhundert die westliche Idee des Kommunismus angeeignet, später die westliche digitale Technologie übernommen und beides auf Basis eines älteren, globalen politischen Prinzips – jenem des Imperialismus – so miteinander verschmolzen, daß eine bis dato unbekannte gouvernementale Legierung entstehen konnte: die aus Kapitalismus und Kommunismus. Der westliche Neoliberalismus arbeitet, wenn auch unter komplizierteren Bedingungen, an einem durchaus ähnlichen Modell, was die Vermutung nahelegt, daß die beiden Systeme mittelfristig ineinander verfließen werden.

 

Experiment ohne Interesse

 

Den globalen Kommunikationsströmen, die auf diese Situation zustreben, setzt Maurer zusammen mit Sara Manente eine Disruption entgegen, die sich an dem die laufende Transgression in den Totalitarimus fördernden Sprachgebrauch festsetzt. Eine aus der dadaistischen Sprach-Entschreibung („unspelling“) entlehnte konkrete Poesie, wie sie auch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts geübt wurde: als Zerlegung und scheinbar funktionsfreie Rekombination der – hier: massenmedialen – Gebrauchssprache. Um die Komplexität hinter diesem Unterfangen deutlich werden zu lassen, tritt dieses Unspelling mit Komplizen wie entknüpfter Musik (Lissie Rettenwander) und über die bloße Projektion hinaustanzender Lichtchoreografie (Bruno Pocheron) vor sein Publikum.

 

Bosse und Daif greifen etwas kürzer und lassen ihre Gespenster als geschichtliche und geschlechtliche Konstruktionen aus Worten, Bildern, Tanzbewegungen und Günter Auers musikalischen Kommentaren hervortreten. Unvermeidlich muß ein solches Projekt zu einem über die Konstruktion von Konstruktionen werden. Tatsächlich könnte auch alles ganz anders sein. Denn das kulturphilosophische Prinzip, demzufolge alles vom Menschen Wahrgenommene eine Konstruktion seiner kulturell determinierten Wahrnehmung sei, gehört ebenfalls zu den Experimenten der interessenfreien Natur. Das Interesse ist lediglich eine Eigenschaft des βίος, an der die Dimensionen und Grenzen von interessengeleiteten Prozessen abzulesen sind – über den Menschen als Medium auch für die Natur.

 

Anarchischer Ansatz

 

Diesem Diskurs müssen Bosse und Daif nicht folgen, obwohl ihn gerade die Körperdialoge in dialogue on difference andeuten. Auch die partielle Destabilisierung und Devertikalisierung der beiden Performerınnen in ihrem Versuch, einen abgegrenzten Teil des Systems der sozialen Kommunikation anschaulich zu machen, der zu Zwangsintegrationen und beziehungsweise oder Selbstkolonisierungen führt, legen einen Zusammenhang mit dem Naturdiskurs auf einer Metaebene des Stücks nahe: Der Körper verbiegt sich unter den Einflüssen schmerzhafter kultureller Massagen.

 

Mit Andrea Maurers appropriierter und weiterentwickelter künstlerischer Methode wird ein anarchischer Ansatz wieder sichtbar, der, sollte er jetzt oder später einmal zünden, im Zeitalter der digitalen Revolution und dem neoliberalen Verwertungsregime wie eine Bombe einschlüge. Denn sobald eine „entschreibende“ Poesie der Idee folgt, sich in die formale Sprache von Algorithmen einzuschreiben, wäre das poetische Hacking geboren – als Kunst des Zerschreibens von digitalen Sprechakten. Unspelling bleibt jedoch für sich und daher nicht im Speck bestimmter Interessen stecken, sondern zeigt sich als Audruck eines Zündelns an den Sprachfassaden jener Kommunikationsgebäude, in denen die totalitären Anpassungslogiken des Posthumanismus zusammengelötet werden.

 

Kunst muß nicht zündeln wollen, weil sie gar nichts muß. Kunst ist per se unverpflichtet, was sie gegenwärtig politischer macht denn je, denn die Verpflichtung zur Verwertung ist eine der Säulen jenes Beglückungszwangs, auf dem sich seit Jahren ein neoliberalistischer Putsch versucht. Die immer unverfrorener praktizierte Einhegung von Kunst gehört zu den Reaktionen der Administratoren dieses Putschs auf politisch „rechter“, „liberaler“ wie „linker“ Seite. Zu den Reaktionen auf diese Reaktion könnten sowohl dialogue on difference als auch Unspelling gezählt werden, die beide als Teile eines Potentials gelesen werden sollten, aus dem sich möglicherweise dereinst das Zerschreiben eines algorithmischen Mein Kampf entwickelt, das die Spezies Mensch gerade in ihre Tastaturen hämmert, um die Natur, also sich selbst, endlich überwältigen zu können.

 

(17. 11. 2019)