Geworfen gleich entworfen

SHAMEL PITTS MIT MIRELLE MARTINS IN “BLACK VELVET“ BEI IMPULSTANZ 2018

Von Lina Paulitsch

Riesenhaft, lang gestreckt ragt eine Figur hoch auf der Bühne, beinahe verborgen im Halbdunkel. Das Publikum findet seine Plätze im Zuschauerraum und blickt hoch zu dieser schattenhaften Gestalt, ihrem nackten Oberkörper und bodenlangen Rock. Matter Lichteinfall lässt eine Frau erkennen, ihren rasierten Kopf, ihre verschränkten Arme in sanft wiegender Bewegung.

 

Mehrere Minuten steht sie da, einer Skulptur gleich, fest mit dem Boden verbunden. Wie ein Roboter gleitet sie mit geschlossenen Augen nach hinten, gezogen und geschoben von einem Mann, dessen Körper nur mit einem Lendenschurz bedeckt ist. Die beiden Gestalten schimmern, Spannung entsteht, Anspannung breitet sich aus. Einzelne Sehnen zeichnen Muster in die Haut, jede Muskelfaser scheint gestrafft.

 

Grundmotiv „blackness“

 

Als hätte man sie feinsäuberlich skizziert, so anatomisch präzise „gezeichnet“ wirken diese Körper in Black Velvet – Architectures and Archetypes: Eine Performance von Shamel Pitts, in der Analogien zwischen choreografiertem Tanz und architektonischem Entwurf gezogen werden. Der Choreograf und seine Tanzpartnerin Mirelle Martins zeigen das Miteinander zweier Körper, die Subjekt- und Objekthaftes verbinden und so gemeinsam eine Skulptur bauen.

 

Der Körper als Kunstwerk und als Konstruktion: Nicht nur Martins’ podesthaft wirkende Übergröße oder Pitts’ drahtige Bewegungen verleihen den Performern einen abstrakt-dinglichen Charakter. Dies schafft vor allem das Publikum, denn Pitts und Martins sind beide „schwarz“, und die überwiegend „weißen“ Zuschauerınnen nehmen Körperlichkeit wohl zuallererst unter diesem Vorzeichen wahr. Unweigerlich sei „blackness“, sagt Shamel Pitts in einem Interview, ein Grundmotiv seiner Arbeiten. Es sei unumgänglich, in der Kunst aus den eigenen Erfahrungen zu schöpfen und den potentiell objektivierenden Blick der Zuschauerınnen zu thematisieren.

 

Geboren in Brooklyn, erhielt Pitts seine Tanzausbildung unter anderem an der renommierten Juilliard School in New York und tanzte anschließend sieben Jahre bei der Batsheva Dance Company in Tel Aviv. Als einer der wenigen Afroamerikaner in Israel war diese Zeit prägend für seine Auseinandersetzung mit Alterität, mit seinem „Anderssein“. Und auch in den USA, wo Pitts heute an der Harvard University und der Juilliard School unterrichtet, ist sein Schwarzsein ein Distinktionsmerkmal, das er in seiner dreiteiligen black series künstlerisch reflektiert. Black Velvet, uraufgeführt 2016 in São Paulo, bildet den Abschluss dieser Trilogie.

 

Verschlungen, geeint, erschöpft

 

Irgendwann fällt Martins’ Rock zu Boden, darunter verbirgt sich eine stelzenhafte Konstruktion: als einfache Leiter, auf deren obersten Sprossen sie steht. Sie steigt hinab – erst meterhohe Skulptur, dann „gegroundeter“ Körper – und agiert in einem Paartanz mit Pitts. Die beiden drücken, stoßen und ziehen aneinander, bilden einen einzigen mechanischen Bewegungsapparat, wirbeln auseinander. Sie reißt an ihm, klopft, schreit und biegt sich, ihr Körper glänzt metallisch. Im Wechselspiel der beiden Tanzenden beginnt irgendwann alles zu verschwimmen: Wer ist hier Mann, wer Frau? Was Mechanik, was Natur? Und: Sind es Liebende, Geschwister, Freunde? Oder Feinde?

 

Wie schwarzer Samt lassen sich die Körper einmal formen, als Bausubstanz, im Raum. Dann aber wirft der Stoff Falten, formt sich selbst, wird widerspenstig. In der Schlusspose gleiten die beiden zu Boden, verschlungen, geeint, erschöpft. Das harmonisierende Plädoyer dieser Performance könnte lauten: Entworfen oder geworfen – letztlich ist es gleich.

 

(23.9.2018)