Walking Dead im Volkstheater

ERSTAUFFÜHRUNG DER 10. STAFFEL VON “WIR SPIELEN WEITER” AUF DEM STYX

Von Helmut Ploebst

Wer Ende Oktober 2019 vor dem Wiener Volkstheater steht, kann sich an einer Wirklichkeit erfreuen, die, wäre sie Kunst, als plumpe, aber verwirrende Polemik glatt durchfiele. Über dem Haupteingang des wegen Renovierung eingerüsteten Gebäudes, das ja kein beliebiger Bau ist, sondern ein Theater, in dem Kunst veröffentlicht wird, prangt ein riesiges Plakat. Darauf steht zu lesen:

 

Stream dich frei.
Zur Erstaufführung
der 10. Staffel.
sky X
the
WALKING DEAD

 

Also bitte stehenbleiben und genießen: „Stream dich frei.“ Das erinnert sofort – ganz subjektiv, was für ein Unsinn – an die berühmte Torinschrift von Dachau, „Arbeit macht frei“, im Sinne von „Arbeite dich frei“. Nein, das muss aus dem Kopf. „Stream dich frei“ könnte vielmehr in schöner Gravur über einem TV-Bildschirm geschrieben stehen. Oder auf der Rückseite eines Tablets oder eines Mobiltelefons. In winzigen Buchstaben: „Dream dich frei.“ Flieg. Weit ist der Himmel: sky X. Sich dorthin streamen, träumen, wo sie sind: the WALKING DEAD. Neben dem Text auf dem Plakat sehen wir einen sinistren Mann abgebildet, der über die Schulter zu uns herabgrinst.

 

Das Wiener Volkstheater am 28. Oktober 2019 um 12.30 Uhr.                                                                Foto: Helmut Ploebst

 

Das Schlüsselwort auf dem Plakat in Bezug auf den Ort, an dem es hängt, ist „Erstaufführung“. Können wir im Theater jetzt eine Eintrittskarte für frei geströmte wandelnde Leichen lösen? Wird das Volkstheater bald ein „streaming house“ des sky-Kanals? In dem das Publikum frei wird? Direkt unter dem Plakat steht in weißen Lettern auf schwarzer Tafel geschrieben: „Die Wut des Zeitalters ist tief.“ Die Schrift passt beinahe perfekt zu jener, die WALKING DEAD ankündigt. Sind sie das Zeitalter? Oder der sinistre Mann? Dessen Wut nicht groß ist sondern tief. Oder sitzt die Wut des wandelnden Toten tief – in den Theatersessel gedrückt?

 

Und dann kann seitlich neben dem Theater gelesen werden: „WIR SPIELEN WEITER!“ Moment. Wer jetzt? Die WALKING DEAD? Nein. Die Volkstheater selbstverständlich, steht doch auch dabei. Aber spielen die Volkstheater nun wandernde Verblichene, die „Die Merowinger oder Die totale Familie“ aufführen? Für skyX im strömenden Theater – aber „skyX“, könnte das ein versteckter Hinweis darauf sein, dass skyX eigentlich Styx heißen sollte? Oder ist der sinistre Mann ein Schauspieler, der das Theater betritt, um gleich als „Der gute Mann von Sezuan“ aufzutreten?

 

Oder spielt das Volkstheater eine Zwiebel im Xten Himmel, deren Peer Gynt in Wirklichkeit ein wandernder..., ...oder nein, ist der sinistre Mann auf dem Plakat gar Ibsens Knopfgießer, der vor sich hinstreamt: „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“? Zu aller Beruhigung wacht über all dem BAUMEISTER RUDOLF DENK. Sein Name flattert im Wind, oben am Volkstheaterbau, der den Passanten so viel zu denken gibt.

 

Wie ist das zu verstehen? Gut, tief einatmen, einfach einmal den Körper freistreamen, nach der Arbeit. Und noch einmal hinsehen: Hier geht es ins Volkstheater: „Zur Erstaufführung der 10. Staffel.“ Okay, ein Staffellauf. Der WALKING DEAD ist ein Sportler, dessen Lächeln einen Triumph verkündet. Gleich wird er die 10. Staffel übernehmen und gen Himmel zu Baumeister Denk laufen. Tief unter ihm bleibt die Wut zurück. Denn dort führen die Merowinger ungerührt weiter das Zeitalter der totalen Familie auf. In diesem spielt der gute Peer Gynt von Sezuan einen Umberto Eco, der zusammen mit einem Marshall McLuhan um die mechanische Braut X wettsemiotisiert. Knapp vor dem Applaus wird dem verspielten Publikum, das alle gern Pferd nannten, der Gnadenschuss gegeben, und es kann sich sich endlich auch als the WALKING DEAD fühlen. Bingo!

 

(28.10.2019)