Leichtigkeit proben

“lightness and matter. matter and lightness” – Eine Ausstellung im Kunstraum Niederösterreich, Wien

Von Astrid Peterle

Evident strahlt es der Besucherin gleich nach Eintreten in den Wiener Kunstraum Niederösterreich entgegen. Eine Neon-Spiegel-Arbeit von Brigitte Kowanz am Beginn der Ausstellung lightness and matter. matter and lightness der Klasse für Transmediale Kunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien erweist sich in mehrerlei Hinsicht als idealer diskursiver und physischer Ausgangspunkt für die Schau der von Kowanz geleiteten Klasse für Transmediale Kunst der Universität für Angewandte Kunst Wien. In unserer vielbeschworenen „post-faktischen“ Zeit, die nun auch noch von „alternativen Fakten“ durchkreuzt wird, reflektiert der leuchtende Schriftzug, der durch den Spiegel ins Unendliche entgrenzt wird, auf die medialen Paradoxien der Gegenwart.

 

In der gegenwärtigen Kakophonie der Wahrheitsansprüche feiern Gewissheit und Unumstößlichkeit nicht gerade ihre Hochzeit. Die Offensichtlichkeit der Leuchtschrift wird durch die Spiegelung multiperspektivisch gebrochen. Diese Brechung der Evidenz erscheint auch deshalb passend, weil die hier soeben vorgenommene Hervorhebung der Position der Arbeit Brigitte Kowanz’ zu Beginn der Ausstellung auch auf eine falsche Fährte führen könnte. Denn tatsächlich fügt sich ihre Arbeit nahtlos ein in den Reigen der Werke der Alumni und derzeitigen Studentınnen der Klasse, die heuer ihr 20-jähriges Bestehen feiert und so gar nicht mit dem Meisterklasse-Wesen in Verbindung gebracht werden kann, das sich bis heute in den Wiener Kunsthochschulen hartnäckig hält.

 

Leo Münch: „Drehen – und Stillstand dient der Reflektion“, 2015.                                                                                       Foto: Claudia Farkasch

 

Erst in den letzten zehn oder fünfzehn Jahren beginnen die patriarchalen Strukturen der allmächtigen Meister-Genie-Professoren zu bröckeln. Brigitte Kowanz kann daher eindeutig als Pionierin bezeichnet werden. In der von ihr und Peter Kozek kuratierten Ausstellung lassen sich Hierarchien nicht erkennen, alle künstlerischen Positionen nehmen demokratisch den Raum ein, den sie benötigen. So versteht sich die Ausstellung nicht als klassische Leistungsschau von Studentınnen, sondern als Versuch, durch die Verschränkung von Gegenwart und Vergangenheit der Klasse zu zeigen, was ein transmedialer Zugang zur Kunst zu leisten vermag.

 

Als Kowanz 1997 die Klasse für Bildhauerei an der Angewandten übernahm und daraus wenig später die Klasse für transmediale Kunst machte, glich dies einer kleinen Sensation im sich nur behäbig an progressive Strömungen in der Kunst anpassenden Studienprogramm der Wiener Kunstuniversitäten – man bedenke zum Beispiel die extrem späte Gründung eigenständiger Klassen für Fotografie und für performative Kunst in den 2000er Jahren. Die Klasse für transmediale Kunst der Angewandten hat sich seit Anbeginn konzeptuellen Zugängen an raum- und zeitbasierte Kunst verschrieben, wobei der theoretischen Reflexion künstlerischer Produktion stets große Bedeutung zugemessen wurde.

 

Zwanzig Jahre später bereitet sich Kowanz nun auf ihren Beitrag zum Österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig vor, und zahlreiche Absolventınnen haben sich im Kunstfeld etabliert: darunter Barbis Ruder, Christian Eisenberger, Nikolaus Gansterer oder Constantin Luser. Diese Erfolge sind zu würdigen, aber die Ausstellung lightness and matter. matter and lightness lässt sie auch auf erfrischende Weise vergessen. Der Jahrmarkt der Eitelkeiten im Kunstfeld scheint langsam zuzusperren, wie jüngste Entwicklungen vor allem im Hinblick auf Postenbesetzungen zeigen. In diesen Trend der Zurückgenommenheit des Egos bei gleichzeitiger Steigerung der ernsthaften inhaltlichen Auseinandersetzung fügt sich auch Teil 1 der zweiteilig konzipierten Ausstellung ein: „lightness and matter“. Die 2. Folge, „matter and lightness“, wird am 16. Februar 2017 eröffnet und verstärkt auch einem Performance-Programm gewidmet sein.

 

Suchart Wannaset: „Connection Detachment“, 2016.                                                                                                  Videostill: Suchart Wannaset

 

Lightness – Helligkeit und Leichtigkeit, beide Begriffe treffen auf die Anordnung im Ausstellungsraum zu. Der White Cube des Kunstraums Niederösterreich wirkt licht und luftig, die einzelnen Positionen zeigen sie keine Scheu vor der Leere, sondern lassen sie zu. Also nicht inhaltlich, sondern im Gegenteil als Vertrauen in die Gewissheit, dass der leere Raum oft mehr und tiefergehenden Inhalt generiert und zulässt als die Überfrachtung. Die Kunst, die im Umfeld der transmedialen Klasse geschaffen wird, lebt nicht von großer Geste oder buntem Spektakel. Mit der physischen Erscheinungsform von Leichtigkeit nähert sie sich Themen und Fragestellungen an, die in ihrem Reflexionspotential komplex und massiv sind. Sie setzt bedachte Interventionen in Raum und Zeit, ob physisch manifest oder flüchtig.

 

Teilweise erscheinen die Raumeinschreibungen filigran und zart, wie etwa Peter Kozeks Contributions to the Universal Memorybank / Gesänge, Constantin Lusers Das Inselkollektiv, Versenkungen und Lukas Matuscheks Intuitive Strichführung I (zunächst eine Linie), die sich mit Bildhaftigkeit von Sprache beziehungsweise Klang und topographischen Spuren (Luser) beschäftigen. Auch jene Arbeiten, die einen humorvollen Zugang aufweisen, tun dies mit Subtilität: Tobias Pilz’ Surfbrett auf einer Parkbank Ohne Titel, Tomasz Vollmanns von einer Straßenbahn plattgewalztes Cent-Stück Ein Potentialträger aus der Serie „Stand der Materie“, Ida Böttgers Schreiende Tüte als tönendes Papierstanitzel, das sich dem Publikum als Stolperstein in den Weg legt und Marit Wolters’ The main thing is to be up here, einer Art Symbiose aus Balkon und mittelalterlichem Miniaturgefängnis unter der Decke des Raumes, die wiederum die Aufmerksamkeit auf die Leere respektive den durchlässigen Raum zwischen Betrachtung und Betrachtetem lenkt.

 

Eine ähnliche Raumerfahrung suggeriert Lukas Kaufmanns Cabinet, ein durchscheinendes Kabinettmöbel, in das die Betrachterınnen ihre Blicke durchreichen und rund um eine Linse herum den Inhalt imaginieren können. Dieses Leermöbel diente auch der Performance des Eröffnungsabends als Requisit. In Hybrids of Friendship konversierten Diana Barbosa Gil und Lukas Kaufmann über Perspektivenwechsel, die Infragestellung von Herangehensweisen in künstlerischen Produktionsprozessen und die Möglichkeit von künstlerischer Kollaboration. Die Performerin sprach selbst vom „didaktischen Sprechen“, womit sie im Akt des Performens auf die Interpretation ihres eigenen Tuns reflektierte.

 

Sebastian Köck & Magdalena Forster: „Eine Stadt mit C“, 2016.                                                                                    Foto: Christina Schmölzer

 

In einem abgetrennten Raum zeigt die Ausstellung Videoarbeiten, die auch einige performative Werke beinhalten, einerseits Dokumentationen von Performances vor Publikum wie Gašper Kunšičs Late for Life und Barbis Ruders Down Dog in Limbo (herabschauender Hund in Schwebe), andererseits Performances für die Kamera wie Milan Mladenovics 8 – Acht. Letztere erzeugt mit einem Mann, der sich die Kopfhaare ausreißt, raumfüllenden nackten Menschengruppen und einer komplett von Plastikverpackungen eingehüllten Raumwelt besonders nachhaltig erinnerliche Bilder.

 

Im Ausstellungsraum selbst wird eine weitere performative Arbeit auf einem Bildschirm und mittels eines Booklets erfahrbar. Über ein Jahr lang arbeitet Doris Krüger mit den Studentınnen in einem bereits zuvor existent gewesenen modularen Setting des Duos Krüger & Pardeller, das in Kooperation mit einem Coach für Organisationsentwicklung geschaffen wurde. In einem kontinuierlichen Prozess der Probe, Rehearsal ist auch der Name des Projekts, konnten die Studentınnen in immer neuen Konstellationen aus Körpern, Raum und Objekten experimentieren, wobei die entstandenen Arbeiten auf ihre Potentiale für die Gruppe evaluiert wurden. In der Verschränkung von Kunst und Coachingmethoden, die sozusagen subversiv affimiert wurden, erwies sich Rehearsal als ein Raum der produktiven Wiederholung.

 

Eine Szene des Rehearsal-Films gibt auf besonders eindrucksvolle Weise die Beschäftigung mit dem performativen Raum wieder, der den Zugang der Klasse für transmediale Kunst zu prozessorientierter Kunst auszeichnet. Zwei Kameras und zwei Fotografen haben sich diagonal voneinander am Boden positioniert und fotografieren einander gegenseitig. Damit dokumentieren sie zugleich auch die nicht existente Performance zwischen ihnen beiden, den leeren Raum, die Leerstelle und thematisieren so auch die (Un-)Möglichkeit der Dokumentation von Performance und zeitbasierter Kunst.

 

Man darf gespannt sein auf einen weiteren Switch der Perspektiven im zweiten Teil der Ausstellung, wenn „matter“ – die Materie, aber auch das Anliegen – im Fokus steht. Licht und Material/Materie oder Helligkeit und Leichtigkeit: Das geschickte Wortspiel ist symptomatisch für den multiperspektivischen Zugang der Transmedialen-Kunst-Klasse, die seit zwei Jahrzehnten so viele Formen für ihr Durchdringen und Hinterfragen des Evidenten findet.

 

(7.2.2017)

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