Neunzehnhundertachtundsechzig

ALS KLEIN-JULIUS NOCH KEINE SIEBEN WAR

Von Julius Deutschbauer

Am 24. Januar 1967 schreibt Peter Rühmkorf über Erich Frieds und VIETNAM und: „Hier möchte man sagen, kann das von den Meinungstrusts zum Analphabeten zweiten Grades herabgewürdigte  Landeskind zum zweiten Male das Lesen lernen.“

 

Am 9. März 1967 schreibt Martin Walser an Fritz J. Raddatz: „Beträge ab DM 1000,- wären besonders erwünscht.“

 

Am 11. März 1967 notiert Che Guevara über Benigno in sein Tagebuch: „Sehr guter, einfacher junger Mann, ohne Falschheit, stark, bescheiden, arbeitet äußerst hart, Moral immer positiv.“

 

Im Frühjahr 1967 veröffentlicht Siegfried Bernfeld sein Buch Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung mit der gedruckten Widmung: „Das Patriachat ist den Frauen gewidmet. Es soll der Frauenbewegung dienen, wie Das Kapital der Arbeiterbewegung gedient hat.“

 

Im April 1967 bestätigt Larry Sternfield, dass er noch vor den bolivianischen Behörden von der Anwesenheit Che’s informiert worden wäre.

 

Im Mai 1967 begeht José Pardo Llada die Indiskretion, einen nicht an ihn gerichteten Brief Che‘s zu lesen, den er, sexuell gesehen, extrem offen und „absolut pornographisch“ findet.

 

Am 16. Mai 1967 fragt die Kommune I im Flugblatt Nr. 8: „Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?“

 

Im Juni 1967 fragt Herbert Marcuse: „Beseitigt die falsche Subjektivität den objektiven Sachverhalt?“

 

Im Anschluss an die Beerdigung von Benno Ohnesorg am 9. Juni 1967 will Jürgen Habermas von Rudi Dutschke wissen, ob er diese Gewaltprovokation beabsichtige. „Ich selbst schätze die Situation ganz anders ein.“

 

Am 11. Juni 1967 notiert Che Guevara über Benigno in sein Tagebuch: „Sehr gut, hatte einige kleinere Probleme bei der Essensverteilung; ansonsten erstklassig.“

 

Am 28. Juni 1967 klagt Reinhard Lettau: „Zu nichts habe ich Zeit gehabt seit ueber einen Monat.“

 

Am 5. Juli 1967 schreibt Günter Grass: „Die Flugblätter VI - IX der Kommune I legen – wie ich annehmen muß, unbewußt,  – postfaschistische Züge frei.“

 

Am 7. Juli 1967 eröffnet Peter Szondi: „Ich bitte diejenigen unter Ihnen, meine Damen und Herren, die sich den Vortrag nicht anhören wollen, wie sie es angekündigt haben, … den Saal zu verlassen.“

 

Am 9. Juli 1967 wiederholt Theodor W. Adorno seine Ansicht, „daß die theoretische Freiheit und Konsequenz durch keinen Zweck gesteuert werden“ dürfe.


Im August 1967 stellte Leonid Breschnew die Frage, „welches Recht Castro“ habe, „in Lateinamerika die Revolution zu schüren, ohne sich in geeigneter Weise mit anderen sozialistischen Ländern abzusprechen“.

 

Im September 1967 erscheint Alexander und Margarete Mitscherlichs Die Unfähigkeit zu trauern.

 

Am 11. September 1967 notiert Che Guevara über Benigno in sein Tagebuch: „Sehr gut, er lernt dazu, hat seine früheren kleineren Probleme gemeistert.“

 

Im Oktober 1967 fordert Rudi Dutschke „eine Zukunft in der Gegenwart“ für „Arbeiter, Bauern, Soldaten, Intelligenzler“.

 

Am 4. Oktober 1967 berichtet Edwin Charcón: „Guevara ritt auf einem Maultier und war anscheinend unfähig, ohne Unterstützung zu gehen.“

 

Am 9. Oktober 1967 verfasst Félix Rodríguez eine verschlüsselte 100-Worte-Botschaft, in der er die Gefangennahme Guevaras meldete und darum ersuchte, die Bolivianer zu bewegen, das Leben Guevaras zu schonen.

 

Am 15. Oktober 1967 ruft Ernst Bloch in der Paulskirche Frankfurt am Main: „Es lebe die praktische Vernunft.“

 

Am 15. Oktober 1967 meint Fidel Castro in einer Fernsehansprache an die Nation: „Der Kampf kam für Che und seine Leute nicht ganz unerwartet.“

 

Am 16. Oktober 1967 schreibt Walter Rostow an Lyndon B. Johnson: „Wie ich hörte, haben Sie sich bei Covey Oliver erkundigt, ob es wahr sei, dass die Bolivianer Che Guevaras Leiche verbrannt hätten.“

 

Am 16. Oktober 1967 berichtet Alberto Granado in einem Interview: „Wir arbeiteten, nahmen Jobs an, um zu Geld zu kommen und weiterreisen zu können. Daher schleppten wir Waren, trugen Säcke, arbeiteten als Matrosen, Polizisten, Ärzte und Kellner.“

 

Am 18. Oktober 1967 mahnte Fidel Castro während der Gedenkveranstaltung für Che Guevara: „Wir müssen aufhören zu weinen und anfangen zu kämpfen.“

 

Am 25. Oktober 1967 bittet Hans Magnus Enzensberger Peter Weiss um einige Auskünfte über die Revolutionsinsel Cuba.

 

Ende 1967 gibt Fritz Teufel zu Protokoll: „Es ist immer noch besser, ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben.“

 

In der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember. 1967 schreibt Paul Celan im Gedicht Du liegst: „Der Landwehrkanal wird nicht rauschen. / Nichts / stockt.“

 

Am 26. Januar 1968 stellt Heike Sander gemeinsam mit Marianne Herzog, Ludmilla Müller und Dorothea Ridder fest: „Wir hinkten ständig hinterher in diesem autoritären antiautoritären Kampf.“

 

Im Februar 1968 schreibt Helga M. Novak: „Ich frage ihn nach seinem Vaterland, seiner Muttersprache. Er sagt, ich bin Vollwaise.“

 

Im Februar 1968 erinnert sich Oscar Fernández Mell daran, dass Che seine Tage hauptsächlich damit verbrachte, „die Zeit auszufüllen, sich auf einen Wechsel des Schauplatzes vorzubereiten“.

 

Am 20. Februar 1968 flugblättert das Komitee der Bewegung des 22. März: „ Im übrigen sind die lebendigen Kräfte der Poesie nicht zu institutionalisieren.“

 

Am 23. Februar 1968 notiert Uwe Johnson: „In Cuba wird an Personen über 13 Jahre keine Milch mehr ausgegeben; hoffentlich ist das nicht ein Leibgetränk des Dichters Enzensberger.“

 

Im März 1968 berichtet Benigno (Alarcón Ramírez): „Wir haben getan, was wir tun mussten, aber wir haben nie einen Befehl erhalten.“

 

Am 12. März 1968 meint Heinz Paeschke: „… andererseits kann man four-letter-words ordinär, man kann sie aber auch so aussprechen, daß der Reiz an der Geschichte vom Ordinären nicht mit dem Holzhammer auf den Kopf geschlagen wird.“

 

Am 17. März 1968 postuliert Raoul Hausmann im Manifest Morgenroete: „Was man kennt, war gestern.“

 

Am 31. März 1968 schreibt Hans Werner Richter an Reinhard Lettau: „Ich habe keinen Grund anzunehmen, daß du mir aus Pflicht gegenüber der Weltrevolution in den Hintern trittst, mit welchem Fuß auch immer. Das hieße die revolutionäre Pflicht am falschen Ort … überzustrapazieren.“

 

Im Frühling 1968 dichtet Oldřich Wenzl: „… Vom Fieber erhol ich mich / Immer langsamer zwar / und schwerer / Aber ich gehe / Zum Erstaunen aller / Frisch / Und lachend herum …“

 

Im April 1968 singt Wolf Biermann: „Drei Kugeln auf Rudi Dutschke / Ermutigung / Es senkt das deutsche Dunkel / Noch“

 

Im Mai 1968 macht Paul Zahl Elf Schritte zu einer Tat.

 

Am 17. Mai 1968 plakatiert Günter Brus unter Verwendung der österreichischen Staatssymbole: „Der Staatskünstler Günter Brus betrachtet seinen Körper“

 

Am 27. Mai 1968 schreibt Rudolf Augstein über Reimut Reiches Sexualität und Klassenkampf: „Reiche ist kein Freund einfacher, sondern einer soziologisch klischierten und verkauderwelschten Darstellung.“

 

Am 7. Juni 1968 wiederholt Peter Weibel Lenins Frage „Was tun?“

 

Am 7. Juni 1968 beklagt sich Dieter Schrage: „Mit diesen bürgerlichen Chaoten kann man keine Revolution machen.“

 

Am 16. Juni 1968 wehrt sich Rolf Dieter Brinkmann gegen die Etikettierung als Sexautor: „Als ob ich einer wäre, der nur mit’m Pint schreibt.“

 

Am 29. Juni 1968 titelt Hilde Domin: „Lyriker und Leser in der Zerreißprobe.“

 

Am 29. Juni 1968 betrachtet Leslie A. Fiedler es als seine „Aufgabe als Schriftsteller, egal, was es ist, immer nein zu sagen“.

 

Mitte 1968 schreibt Ulrich Plenzdorf in der Urfassung von Die neuen Leiden des jungen W.: „Es konnte schließlich nicht jeder so ein Idiot sein wie ich.“

 

Im Sommer 1968 erteilt Gerhard Bott dem „Leben zu zweit“ filmisch eine „Absage“.

 

Am 25. Juli 1968 schreibt Stephan Hermlin: „Ich spreche in niemandes Namen – allein in meinem eigenen.“

 

Im August 1968 behauptet Bernd Rabehl, die „Bürokratie“ bestehe „zum großen Teil aus Frauen, aus verkrüppelten Frauen.“

 

Am 5. August 1968 verrät Hubert Fichte, worum sich anzunehmen er vorgibt.

 

Am 23. August 1968 warnt Jiří Kolář: „Gebt niemanden Kartotheken oder Verzeichnisse in die Hände.“

 

Am 25. August 1968 beklagt Heinrich Böll auf dem Wenzelsplatz in Prag: „… und so manche westliche Träne ist eine Krokodilsträne.“

 

Am 15. September 1968 erläutert Valie Export ihren ersten „Tapp- und Tastfilm“: „die taktile rezeption feit gegen den betrug des voyeurismus. denn solange der bürger mit der reproduzierten sexuellen freiheit sich begnügt, erspart sich der staat die reale sexuelle revolution.“

 

Im Herbst 1968 fragt Erika Runge: „Warum ist Frau B glücklich?“

 

Am 28. September 1968 schreibt Helmut Heißenbüttel an Heinz Paeschke: „Es ging der Messeleitung insgesamt ja wohl darum, den progressiven Verlagen zu zeigen, was eine Harke ist. Wie war ihr Eindruck?“

 

Im Oktober 1968 veröffentlicht Ingeborg Bachmann das Gedicht Keine Delikatessen: „Ich habe ein Einsehn gelernt / mit den Worten, / die da sind / (für die unterste Klasse) / Schande / Tränen / und / Finsternis.“

 

Am 13. Oktober 1968 analysiert Peter Handke: „Mr. Fiedler meint, Kritik solle Literatur sein. Seine Sätze sind also Literatur […] Zu wenig sind seine Sätze Wiederspruchsspiele.“

 

Im November 1968 schreibt Günter Wallraff: „In der Staubschicht am Boden verlaufen Fußspuren. Da steht in ungelenker Schrift in den Staub gekritzelt: ‚Alles Scheiße‘.“

 

Am 13. November 1968 bekennt Peter Stein: „Ich merke, daß ein Impuls, den ich unmittelbar aus der Tagespolitik empfange, auf die Qualität meiner Arbeit drückt.“

 

Am 15. November 1968 schreibt Walter Boehlich: „Die politische Alphabetisierung Deutschlands ist ein gigantisches Projekt. Sie hätte selbstverständlich … mit der Alphabetisierung der Alphabetisierer zu beginnen.“

 

Im Dezember 1968 schreibt Elke Erb: „Ich bin so ungeschickt, mir fällt sie hin! Die Schreibmaschine, schrecklich. Wir haben keine zweite.

 

Am 26. Januar 2016 schreibt Sina Klein: „Ich spüre: der Wind weht jetzt anders. Aber ich habe Liebende um mich herum. Ich habe Liebende um mich herum. Ich werde nicht von [...] sprechen oder sprechen von [...]. Ich spreche von Widerstand, weil die anderen Wörter das linke Ohr hinter das rechte drehen.

 

Am 18. Juni 2016 bemerkt Andrea Maurer: „Du bist nicht gerade in Anordnung plötzlich da.“
 
Am 25. Juni 2016 mache ich mich nach Havanna auf.
Für den Flug von Wien nach Havanna benötigt eine Boeing 747 dreizehn Stunden und fünfunddreißig Minuten. In Havanna spiele ich Flaschenzug, Fidel Castros Flaschenzug. Wie komme ich dazu? Ich kenne mich in solchen Dingen aus. Mein Vater ist in diesem Jahr verstorben. Ist er verstorben? „‚Frau mach Licht, ich werd hin‘, hat er eines Nachts zur Mutter gesagt, und Augenblicke später ist er tot gewesen.“ Nein, ist er nicht! Er ist nicht tot. Mein Vater lebt. Bloß, der Satz „Mein Vater ist in diesem Jahr verstorben“ sprang mich in Werner Koflers Buch Am Schreibtisch gleich auf der ersten Seite in die Augen und an.
„Diesen Winter werde ich nicht überleben“, sagt PRI-Vater Castro, – „denn wenn ihr auch zehntausend Zuchtmeister haben mögt, so doch nicht viele Väter“, schreibt Paulus an die Korinther. „Ich bin schon lange nicht mehr da“, sagt der Mann, der meine Geburt verursachte. „Diesen Winter musst du noch da bleiben“, herrscht meine Mutter ihn an, „Was mache ich alleine im Winter?“ Meine Mutter, diese Drecksstolze, läuft mir mit einem Kübel hinterher und ruft: „Schau, was für schönen Stuhl dein Vater hat!“ Ob Auf- oder Arschwisch, meine Mutter macht das alles in einem Abwasch. Wisch, wutsch, weg. Am Morgen gibt sie ihm ein halbes Viagra, damit er sich nicht anschifft. Am Abend gibt sie ihm ein ganzes, damit er nicht aus dem Bett fällt. „Du bist die Größte“, sage ich zu ihr. Endlich verschwindet sie mit dem Dreckskübel im Bad, nicht ohne ihn noch stolz meinem Vater unter die Nase gerieben zu haben. „Schau, wie viel Dreck ich dir gewischt habe.“ Dreck, dreckig, dreckiger, am dreckigsten.
„Diesen Sommer werde ich nicht überleben“, sagt PRI-Vater Castro, Vater der PRI, der Partei der institutionalisierten Revolution, der Partido Revolucionario Institucional, obwohl er bei deren Gründung gerade mal drei Jahre alt war. Und schon Vater? Ich ziehe ihm die Windel hoch. „Castro hatte immer schon ein spektakuläres Gefühl für den richtigen Zeitpunkt“, schreibt Jorge G. Castaneda in seiner Che Guevara-Biografie.
Die Windel sitzt. Noch einmal die Darmkrise in Castros Scheißeuniversum entschärft. „Erinnerst du dich, Julio, dass sich, als ich nach dem Sieg im Columbia in Havanna zu den Massen sprach, eine Taube auf meine Schultern setzte?“, fragt mich Fidel Castro, als wäre ich damals dabei gewesen. „Das war fast wie eine Szene der kubanischen Santeria!“, antworte ich und tanze diese, als handelte es sich dabei um eine alpenländischen Polka.
Castro zieht sich die Windel wieder runter, als wollte er sich sofort unters Messer legen, als machte er sich zu einer Kastration bereit. Bereites Mädchen Radymade: Partido Revolucionario Castratiónal. Castro weigert sich, Windeln zu tragen. Ich auch. Und, weiß Gott, ich hätte es nötig. Ich kann nur versuchen, die Risiken abzugreifen. Ich muss an Brüste denken, die sich wie Scheiße anfühlen. Ich liege eng an den Rücken jener Frau gedrängt, an die ich gerade denken muss, meine Hände umfassen ihre Brüste und sie fühlen sich wie Scheiße in feinem Rindsdarm an. Ich habe Angst, dass der Rindsdarm reißen könnte und die ganze Scheiße sich über meine Hände ergießt; oder ich beim Tittenfick, beim Scheißetittenfick, mich hinreißen lasse und eine Heftigkeit begehe und den Rindsdarm einreiße und sich die ganze Scheiße über meinen Schwanz usw. ergießt. Scheiße statt Silikon. Rindsdarm statt Gummiarabikum.
Scheiße, geht’s noch ein bisschen frauenfeindlicher? Ich fühle mich wie ein alter Fetzen. „Benehmt euch wie Männer!“, ruft Paulus den Frauen in Korinth (1. Korinther XVI, 13) zu; „Die Angst unserer Zeit vor Chauvinismus ist das Zeichen ihrer Impotenz“, philosophiert Adolf Hitler in Mein Kampf. Und der Geist der Eifersucht kommt über meinen Schwager. Er führt meine ehebrecherische Schwester nahe an die Stiftshütte heran. Und der Priester nimmt etwas von dem Staub, „der sich gerade auf dem Fußboden der Stiftshütte befindet, und vermischt ihn mit Wasser […] und lässt“ meine Schwester „das bittere Wasser, das fluchbringende, trinken, und das Wasser, das fluchbringende, dringt als etwas Bitteres in ihre Eingeweide ein und lässt ihren Bauch anschwellen und ihre Hüften einfallen“. So steht es geschrieben im fünften Kapitel des vierten Buch Moses. Meine Schwester ist überführt.
„Eine der größten Errungenschaften unserer Revolution ist, dass selbst unsere Prostituierten Akademiker sind“, sagt Fidel Castro, als hätte er meine Gedanken erraten. „Und ich habe nicht einmal das Abitur“, brumme ich vor mich hin und tupfe den Schweiß von seiner Stirn.
„Diesen Sommer schaffen wir einfach ab“, sagt sein Bruder Raúl, obwohl er findet, dass Entscheidungen das Leben gewissermaßen halbierten, wie Jochen Jung in seinem fünfseitigen Aufsatz Der Friedhof der Erzengel behauptet. Auf Seite 2 rollen ihm „heiße Tränen in seinen einfachen Soldatenkragen“, die auf Seite 4 im Namen dessen, der sie vergossen hat ebendort dort verlöschen, und mit diesen auch die Person hinter diesem Namen, hinter dieser durch den Namen Raúl zur Person namens Raúl gewordenen Person. „Zweifellos sind Namen höchst zweifelhafte Zeichenkünstler“, so Marcel Proust in Schatten junger Mädchenblüte. Beinahe schon hat der Name Raúl, die Person hinter dem Namen Raúl, die Person namens Raúl mehr Gestalt angenommen, als die namens Fidel. Fidel? Fidel? Nein, nie gehört!
„Bist du Agent?“, fragt Fidel mich plötzlich. „Fidel hatte nie eine Ahnung, wie viele Agenten im Land seien, deshalb verdächtigt er jeden“, entschuldigt ihn Raúl. – „Ich habe immer gewusst, dass die einzigen Kommunikationsmittel wir selbst sind, sonst kann man niemandem vertrauen“, setzt Fidel noch eins drauf. Raúl kündigt an, seinem Bruder Fidel nach nur einer Regierungsperiode in den Ruhestand folgen zu wollen.
„Ich bin ein kleiner Komposthaufen“, sagt Fidel und lässt sich mittels meines Flaschenzug-Nackens ins Bett befördern. Mein Nacken dient dabei als Umlenkpunkt. Mit Fidels Armen bildet mein Nacken ein Kräftedreieck. Am Morgen gebe ich ihm ein halbes Viagra, damit er sich nicht anschifft; am Abend gebe ich ihm ein ganzes, damit er nicht aus dem Bett fällt, ganz, wie meine Mutter es mir beigebracht hat. Fidels Bruder Raúl mischt am Küchentisch die Schnapskarten. Das Schnapsen habe ich ihm beigebracht. Zum Zeitvertreib. Raúl serviert weißen Rum.
„Fidel hat sich immer nur widerwillig auf einen höheren Anteil russischer Kontrolle festlegen wollen“, sagt Raúl zu mir, während er die Karten neu mischt. „Chruschtschow und ich hatten seit der Kubakrise nur noch wenig füreinander übrig“, tönt es aus dem Bett. „Che nannte Chruschtschow sogar einen Hurensohn und Bastard, ein Arschloch und einen Idioten.“ – „Hijo de puta! Bastardo! Estúpido!“, wiederholt Raúl, als säße Guevara, die Kalaschnikow im Anschlag, mit ihm in der Küche. „Du warst immer eifersüchtig auf das, was Che und ich füreinander empfanden, und bist es heute noch. Er war der Intelligenteste und Fähigste von euch Rebellenführern, das musst du endlich anerkennen. Und was Chruschtschow anbelangt, hatte er vollkommen recht. Julio, du musst wissen“, richtet Fidel sich beinahe flehentlich an mich, „die USA wollten uns physisch vernichten, Nikita Sergejewitsch Chruschtschow legal, indem er dem Raketenabzug zustimmte.“ – „Trotzdem“, spinnt Raúl am Guevara-Faden weiter, „der Preis für seinen Kopf fiel ‘64 auf 20.000 Dollar, während der deine Dollar 100.000 wert wurde.“ – „Bevor er sein Ministeramt niederlegte und sogar aus der Partei austrat, hast du ihn als Trotzkisten denunziert, so als wärst du Stalin persönlich.“ – „Du hast ihn nach Bolivien geschickt, nicht ich!“, verteidigt sich Raúl. „Wie hätte ich ahnen können, dass er und die allermeisten seiner Kämpfer in der Wildnis sterben würden?“
„Ich erinnere mich noch gut an die letzte persönliche Begegnung der beiden“, sagt Raul und sticht König mit Dame. Er hat im Handumdrehen einfach die Regeln geändert. Ganz schön kühn für diesen nicht gerade entscheidungsfreudigen Mann. „Ich hörte zwar kaum, was sie sprachen, konnte mir aber aus der Gestik und Mimik der beiden einiges zusammenreimen. Beide saßen auf einem Baumstamm in der Schlucht von San Andrés, Fidel redete, Che war verdrossen und reserviert, Fidel wurde laut, Che blieb ruhig. Schließlich erhoben sich beide und schlugen einander mehrmals auf die Schulter, setzten sich wieder und blieben eine ganze Weile schweigend sitzen. Schließlich stand Fidel auf und ging.“ – „Es wäre gegen die Interessen Kubas gewesen, Che über die ganze Problematik dieser Mission aufzuklären“, tönt es erneut aus dem Nebenzimmer. „Hätte ich dieses Ende geahnt, ich hätte ihn aus Bolivien persönlich zurückgeholt.“ – „ In deinem typischen Guerilla-foco-Stil?“, mische ich mich ein. „Was verstehst du denn von Guevaras Fokustheorie? Nur weil du dir ein bisschen was angelesen hast, willst du mitreden können?!“
Bei diesem Ausbruch fallen Fidel die Zähne aus dem Gesicht, und ein Speichelfluss, klar wie Kristall, fließt von seinem Bart aus hinab in der Mitte der breiten Straße zwischen Castros Wohnhaus und dem Regierungspalast. Und diesseits und jenseits des Speichelflusses Fidel Castros wachsen Bäume, die zwölf Fruchternten hervorbringen, indem sie jeden Monat ihre Früchte geben. Und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung. Sein Bart reicht bis in die Hölle, während sein Speichelfluss sintflutartige Ausmaße annimmt.
Indessen setzt Raúl sich an den mächtigen Schreibtisch seines Bruders, vor ihm ein Packen alter Flugblätter. Ich zeige ihm, wie man daraus „Himmel und Hölle“-Spiele bastelt. Gehorsam nimmt Raúl ein Blatt nach dem anderen und faltet dessen Ecken bis zur Mitte des Blattes hin. Dann dreht er das Blatt so um, dass die Seite mit den zur Mitte hin gefalteten Ecken nach unten schaut. Nun wiederholt er den Vorgang und faltet erneut die Ecken zur Mitte hin. Anschließend dreht er das Blatt wieder um und faltet es einmal entlang der x-Achse. Dann faltet er es wieder um den letzten Schritt zurück und faltet das Ganze nochmals, diesmal jedoch um die y-Achse. Drunter und drüber ist auch kreuz und quer. Endlich fährt er mit Daumen und Zeigefinger, Mittel- und Ringfinger jeweils in eine der so entstandenen Fingerkammern. Die Schwestern Enma und Agustina, „zwei faszinierende Frauen“, wie ihr Bruder Fidel immer wieder betont, übernehmen die Bemalung: rot für den Himmel, blau für die Hölle.
Ihre Schwester Juanita schaut von der Hölle aus zu. Gerade gibt sie im spanischsprachigen Fernsehen in Miami ein Interview und gesteht, als wäre ihr Gegenüber der kubanische Geheimdienst und nicht eine angloamerikanische Journalistin, zwischen 1961 und 1969 mit der CIA zusammengearbeitet zu haben.
„Ausgerechnet in die Schweinebucht musste Kennedy, dieses Greenhorn, seine lächerliche Invasion verlegen“, triumphiert Castro, als hätte er wie 2003 das Mikrophon von Oliver Stone vor sich, als würde dieser Comandante II-V drehen. „Wusste denn sein Geheimdienst nicht, dass die Schweinebucht mein bevorzugtes Anglergebiet war?“ In diesem Moment wirkt Fidel Castro irgendwie unterernährt und verwahrlost. „Der Krieg ist gewonnen, die feindlichen Kräfte zerbröckeln überall“, jubelt er und fällt ins Halbkoma.
Binnen weniger Tage organisiere ich sämtliche Hilfsdienste, deren ich in Havanna habhaft werden kann. Im Nu findet sich vor Castros Haus ein gewaltiges Pflegeensemble, das sich mit dem Gran Ballet Nacional de Cuba messen kann, ein und gibt sich gegenseitig die Staffel in die Hand, beziehungsweise reißt sie sich gegenseitig aus der Hand. Daraus ergibt sich eine unerschöpfliche Palette von Bewegungsabfolgen sowie ein Autocorso um die Hazienda. Es treten meist Duos auf: einer am Steuer, der oder die andere hält eine Fahne ihrer Institution aus dem Auto. So rasen sie durch das verhältnismäßig noble Viertel Havannas, als gäbe es einen Fußballsieg Kubas über die USA zu feiern. Ob Fidels Arsch gewischt werden muss oder Castros Tabletten für diesen Tag sortiert  – jeder Tag hat an seinem eigenen Übel genug –, ob Castros Schonkost- oder Fidels Hausmannskostteller serviert werden müssen – natürlich von zwei verfeindeten Zustellern –, während eine Heimhilfe noch dem Heim hilft, alles erfolgt in siegesgewisser Sportlichkeit. Und zu allem Überfluss hat Fidel Castro trotz allem immer noch Freunde, die sich unter spezifischer Freundesfahne in den Corso einreihen. Kleine Accessoires baumeln an den Rückspiegeln. Fansticker stören den Blick in die Spiegel oder durch die Fenster, durch die Fenster in die Spiegel. Was ist befreiender, als seine Freude mit aller Kraft aus dem Fenster zu schreien und sich dabei weit hinaus lehnen zu dürfen? Bleibt nur zu hoffen, dass dieser sterbeschöne Leader der Partei der institutionalisierten Revolution noch lang genug lebt und die Hilfsmannschaften vom Crux Roja bis zu Volksküche und Heilsarmee, von der Sopa de Cocina bis zur Ejército de Salvación noch ganz oft Corsi um sein Wohnhaus in Cojímar an der Ostküste Havannas drehen können.
„Dein Vater hat in jeder Ecken einen Stecken“, sagt meine Mutter. Fidel auch, und wahrlich, sein Haus hat viele Ecken. Zu jedem Streifen seiner unzähligen Adidas-Trainingsanzüge hat er einen passenden Stecken, Stecken mit und ohne Knauf, mit und ohne Ast, aus dem Holz eines Meerrettich- oder Maulbeerbaumes. „Ich habe in jeder Ecke einen stecken.“ Reiter queren. Säumer schäumen. „Wenn Castro in weißen Rum mich taucht, seh’ ich weiße Mäuse, wenn ich ihn danach behauch’, kriecht er ins Gehäuse.“ So zitiert es zumindest die kubanische Ringelnatz-Übersetzung.
„Sie arbeiten aber gern, nicht!?“, sagt Fidel Castro zu seiner Putzfrau. Die Putzfrau sagt zu Fidel Castro: „Ich arbeite für den Herrn.“ Könige gibt es wenige; würde sich das nicht reimen, gäbe es viele. Reim verpflichtet! „Putzfrauen habt ihr allezeit bei euch, mich aber werdet ihr nicht allezeit haben“, sagt Fidel während der Fußpflege, und die Putzfrau blickt auf. „Die Löcher sind die Hauptsache an einem Sieb, ich hab’ dich so lieb“, rezitiert Castro erneut Ringelnatz.
Inzwischen treiben die Schaumkronen des Speichelflusses Fidels schon hoch durch die Straßen Havannas. Was sich gerade noch als Segen erwies, erweist sich nun als Fluch. Irgendwie gelingt es mir, mich zum Aeropuerto Internacional José Martí durchzukämpfen, zum Aeropuerto Internacional José Martí durchzutauchen. Dieser sieht selbst aus wie ein Flugzeug. Kein Wunder! Lange Zeit landeten hier kaum Flugzeuge.
Nun scheint alles verändert. Soeben landet eine Maschine aus Miami. Um mir die Zeit zu vertreiben, bestelle ich eine Arozz Congri, ohne zu wissen, was das eigentlich ist. Als ich es endlich in Erfahrung gebracht habe, sagt mir der Kellner, Arozz Congri sei aus. Wieder eine Sintflut, diesmal eine aus roten Bohnen, die mich nicht hinweggerafft hat!
Zurück in meiner Heimatstadt erzähle ich meinem Vater von all den Diensten, die ich dem hinfälligen Leib Fidel Castros erwies, bis hin zur letalen Giftspritze, die ich ihm setzte. Das war am 25. November 2016.
Ich schildere meinem Vater das Einsetzen der narkotisierenden Wirkung, ausgelöst durch das Barbiturat Thiopental, berichte haarklein von der beginnenden Bewusstlosigkeit, der allmählichen Lähmung aller Muskeln mit Ausnahme des Herzmuskels, verursacht durch einen Coctail von Pancuronium, Suxamenthoniumchlorid und Tubocuarinchlorid, – Eines dieser Mittel allein hätte gereicht, um Castros geschwächten Körper zu erledigen, sofern es nicht abgelaufen ist. –, vom Einsetzen der Erstickung. Da hatte er sich allerdings längst schon auf den Weg Richtung Europa gemacht.
Sowie ich beim mutmaßlich letzten Satz meiner Erzählung anlange, fällt mein Vater rücklings von seinem Stuhl und bricht sich das Genick, so dass er stirbt, denn der Mann war alt und sein Kopf nur noch sehr schwach an seinem Nacken befestigt. Und über die Stiege, durch den Vorgarten an den Zaun kullert das runde Objekt. Dort springt es auf die Straße und hopst weiter, über das schräge Pflaster der Bahnhofsstraße, vorbei am Sitz der Kärntner Landesregierung, bis es schließlich am Eingang des Robert-Musil-Literaturmuseums zum Liegen kommt, das runde Objekt, meines Vaters abgefallener Kopf. Und ist es nicht dort ausgestellt, das Haupt des alten Mannes, bis auf den heutigen Tag?
Und die Jahre, die er mich richtete, indem er sein Angesicht auf mich richtete, beliefen sich auf fünfundfünfzig Jahre.
„Aus meinem ganzen Wesen und noch mehr aus meinem Temperament glaubte mein Vater den Schluss ziehen zu können, dass das humanistische Gymnasium ein Widerspruch zu meiner Veranlagung darstellen würde.“ So schrieb ich’s in mein Tagebuch. Ich? Nein, nicht ich! So steht‘s im ersten, der Selbstlebensbeschreibung gewidmeten Kapitel von Hitlers Mein Kampf. Mit „Ich aber beschloss Politiker zu werden“ schließt das Kapitel. Mein Vater hingegen beschloss, dass ich Kanalvermesser werde. Der Theodolit und das Nivellier sind seither mein Instrument.

 

Quellen: u.a. Protest, Hrsg. Ulrich Ott und Friedrich Pfäfflin, Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft 1998; Jorge G. Castaneda, Che Guevara-Biographie (Frankfurt am Main: Insel Verlag 1997); Comandante, Dokumentarfilm des US-Regisseurs Oliver Stone aus dem Jahr 2003.

 

(16.12.2017)