Postcontemporary: Posting

Versuche zur Zeitgenossenschaft #1

Von Astrid Peterle

Schon wieder so ein Post-Wort – wie ich sie hasse! Und dann noch dazu eines, mit dem eigentlich behauptet wird, es gäbe eine Zeitlichkeit, die gleichzeitig hier/jetzt und vergangen ist. Was wiederum bedeuten würde, dass jeder Moment immer post-zeitgenössisch ist, weil eh schon immer vergangen. Die Zeit des Zynismus ist zu Ende, wie überhaupt vieles zu Ende gegangen ist in letzter Zeit, vor allem das Zeitgenössische. Seit längerem schon ergreift mich großes Unbehagen, wenn von zeitgenössischer Kunst die Rede ist. Weil vieles, das ich in den letzten Jahren unter diesem Deckmantel gesehen habe, alles mögliche war, nur keine Zeitgenossenschaft. Und das in zweierlei Hinsicht.

 

Erstens: Zeitgenössische Kunst geht k.o. und versucht erst gar nicht, sich auf den Wahnsinn der Gegenwart einzulassen, sie resigniert vor der Flut an uneindeutigen Eindeutigkeiten – das vielstrapazierte Wort Terror und seine Ursachen – und eindeutigen Uneindeutigkeiten – verstehen Sie noch den Unterschied zwischen rechts und links in der Politik? Dann wird plötzlich wieder alles dekorativ oder spektakulär oder „hygge“, wie die Weltmeisterınnen der Gemütlichkeit (nein, nicht die Österreicherınnen, sondern die Dänınnen) es nennen.

 

Zweitens: Zeitgenössische Kunst verkrampft sich in ihrem Willen zur politischen Haltung und glaubt, jenseits des eindeutigen politischen Statements (auf eine uneindeutige Gegenwart) keine Daseinsberechtigung zu haben. Dann muss plötzlich jede Gruppen-Disco-Tanz-Performance als Akt gegen die globale Angst herhalten.

 

Achtung, Achtung, die Megaphone schallen, nein, quietschen: Das Zeitgenössische existiert nicht mehr! In einer Gegenwart der Überwältigung ist es unmöglich, zeitgenössisch zu sein, da es unmöglich ist, die Gegenwart als begreifbare Entität zu ergründen, zu reflektieren und zu repräsentieren! Fail again. Fail better. Drum munter mit Mister Beckett im Gepäck auf ins Post-Zeitgenössische, mit ernster Miene ran an das, was uns zwischen den Fingern zerrinnt, munter mitten hinein ins Scheitern und in die Erosion. Post-zeitgenössisch heißt für mich, sich einlassen auf die Überwältigung, aber gleichzeitig den Willen zum Gestalten nicht zu verlieren. Ende der Durchsage!

 

P.S.: Schauen Sie sich doch Paterson von Jim Jarmusch an, vielleicht der post-zeitgenössischste Film der Stunde...

 

(7.2.2017)