Harry P. und der fehlende Zaun

ANMERKUNGEN ZU EINIGEM #4

Von Esther Veils

Auf Umwegen über eine mir nahestehende Person hat mich das Internet mit der Information versorgt, dass die britische Schriftstellerin Jeanne K. Rowling bekannt gegeben habe, dass sich auf der Schule von Hogwarts ein Student jüdischer Herkunft befunden habe, als Harry P. sie besuchte. Weitere Nachforschungen oben erwähnter Person haben ergeben, dass diese Nachricht bereits am 17. Dezember 2014 auf der Website des Guardian [1] zu lesen war – dass es sich also um eine alte Kamelle handelt, die irgend jemand nochmal hochgewürgt und wieder ausgespuckt hat.

 

Ich schätze Rowlings Werk. Diese Nachricht hat mich jedoch erst einmal stutzig gemacht, ich wusste nicht viel damit anzufangen. Wozu und wem diente sie?

 

Nicht aus der ersten Quelle, wohl aber aus dem Guardian erfuhr ich, dass Frau Rowling von Lesern gefragt worden war, wie es denn zu Harrys Zeiten auf Hogwarts um die jüdische Studentenschaft bestellt gewesen sei. Sie konnte daraufhin nicht nur einen jüdischen Studenten in der Schülerliste vorweisen, sondern meinte auch, es habe davor bereits welche gegeben.

 

Wäre es bloß darum gegangen, möglicher Anfeindung oder auch Anfreundung wegen Antisemitismus (der sich aus dem Fehlen explizit jüdischer Charaktere in einem Werk ohnehin nicht ableiten lässt) zu entgehen, so wäre die Geste schofel gewesen, wenn ich das so sagen darf. Da würde vielleicht die Minderheitenliste der Political-Correctness-Kommission abgehakt, aber was wäre dann mit den Basken, den Ainu, beliebigen gegenwärtig oder ehemals unterdrückten beziehungsweise marginalisierten Bevölkerungsgruppen und Religionszugehörigkeiten? Hat Hogwarts dafür ausreichend Platz, oder müssen sie auf den Treppen schlafen?

 

Immerhin ist Rowling den meisten Folge-Anfragen elegant und klug zuvorgekommen, indem sie darüber hinaus bekannt gab, dass in Hogwarts wohl Vertreter jeder Religion, aller Glaubens- oder Nichtglaubenssysteme zu finden seien. (Einzige Ausnahme: die Wiccans, aber das ist eine andere Geschichte.)

 

Bedeutsamer finde ich in diesem Zusammenhang, dass die Harry-Potter-Romane mit Religion gar nichts zu tun haben. Soweit ich mich erinnere, kam in keinem der Bücher ein Hinweis darauf vor, welchen Bekenntnisses die Weasleys, Malfoys oder auch Padma Patil seien – ganz zu schweigen von Dobby und Kreacher, die ebenfalls intelligente Wesen sind und daher nach menschlicher Übereinkunft einem Glauben angehören müssten. Vielleicht waren die Bulgaren etwas animistischer, aber das kann man auch von den Werwölfen behaupten, und die Französinnen haben nicht sehr katholisch gewirkt, wiewohl durchaus französisch.

 

Es lassen sich also nicht nur in Musik und Malerei, sondern auch in der dritten sitzenden Kunst, der Literatur, Werke vorstellen – und ausführen –, in denen die Erwähnung bestimmter ethnischer und religiöser Zugehörigkeiten keine Rolle spielt, so wichtig sie auch unter Umständen in der realen Welt genommen werden oder sein mag. In meinen Augen haben jene, die nach dem Vorkommen von Zuordnungen fragten, damit die Lattung des Zauns verstärkt, der mit Hilfe solcher eindimensionaler Festlegungen errichtet wird, um sicherer daraus hervorblicken zu können. Oder, um eine weitere Metapher zu bemühen: Brauchen wir den Tellerrand, damit nur ja niemand anderer unsere Suppe auslöffelt?

Fußnoten:

  1. ^ Nachzulesen auf https://www.theguardian.com/books/2014/dec/17/jk-rowling-confirms-that-there-were-jewish-wizards-harry-potter (letzter Zugriff am 10.5.2018).

 

(10.5.2018)

  • impulstanz 2018